Serbien: Ewige (Um)Baustelle Belgrad und Fastenschmaus im Kloster (Jugoslawien auf Schusters Rappen 1939 Teil VII )

In der Rubrik „Jugoslawien auf Schusters Rappen“ laden wir Sie zu einer Reise (meist) zu Fuß durch das Jugoslawien der ausgehenden 1930er Jahren aus der Sicht von neugierigen Nordeuropäern ein. Dadurch entsteht gleichzeitig eine Bestandsaufnahme des unterschiedlichen Alltagslebens in den verschiedenen Gebieten des Königreichs Jugoslawiens kurz vor seiner Auflösung im Zweiten Weltkrieg und vor der Wiedergründung des südslawischen Staats unter ganz anderen politischen Vorzeichen nach Kriegsende. Basis dieses Berichtes ist das Buch „Die goldene Triangel“ von Pieter Vervoort aus dem Jahr 1941.

Baustelle Belgrad: Stadt im Umbruch

Das Belgrad, dass das Ehepaar Vervort erlebt hat, sah wesentlich anders aus als das heutige. Nicht nur, dass es den Stadtteil Novi Beograd noch nicht gab, der heute das historische Belgrad und Zemun miteinander verschmelzen lässt, sondern die Stadt war auch noch nicht Opfer von den deutschen Bomben geworden.

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Von National library of Serbia – http://digital.nbs.bg.ac.yu/fotodokumenta/razglednice/beograd/swf.php?lang=eng, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4951118

In der Rückschau wirkt Belgrad vor dem Zweiten Weltkriegs deshalb meist idyllisch, heil und harmonisch. Vervoort hat es jedoch anders erlebt.

Er findet nämlich eine Stadt im Umbruch vor, die versucht Anschluss an den Westen zu finden, dabei aber ihren eigenen Charakter verliert. Und Vervoort ist enttäuscht, weil er als Westeuropäer auf weniger Exotisches stieß, als er gehofft hatte, da man dort ab den 1870er Jahren versuchte, die Spuren der osmanischen Vergangenheit zu beseitigen.

Die Münchener Professorin Marie-Janine Calic schreibt dazu in ihrem Buch „Geschichte Jugoslawiens“, dass der Stadtplaner Emliijan Josimovic dies so ausgedrückt hätte, dass man nicht wolle, dass die „Stadt die Form bewahrt, die ihr das Barbarentum gegeben hat“. Weiter heißt an selber Stelle:

Nach dem Vorbild Wiens und seiner Ringsstraßen wurde Belgrad rekonstruiert. Lediglich die Zitatdelle, zwei Moscheen und einige Brunnen mit türkischen Inschriften erinnerten noch an die 350 Jahre währende Osmanenzeit. Beinahe zeitgleich mit den westeuropäischen Metropolen erhielt Belgrad in den 1890 er Jahren elektrische Beleuchtung und Straßenbahn, nach 1900 auch Kanalisation und Wasserleitung: die Stadtplaner waren vom Wunsch getrieben, ungeachtet der bescheidenen Ausgangsvoraussetzung mühselige Nachholeprozesse einfach zu überspringen, quasi den „Flugzeugmotor auf den Ochsenkarren“ zu spannen. Belgrad wurde zum Paradigma der Moderne, zum Schaufenster einer Kultur, die den Westen mehr schlecht als recht imitierte.

Vervoort scheint aber keine Kopie von Wien gesucht zu haben, sondern das osmanische Belgrad. Vor diesem Hintergrund werden Äußerungen wie die folgende verständlicher:

Tief unter mir liegen sie (gemeint sind die Straßen) schwarz und mit vielen einzelnen Flächen grellen Lichts, als lägen sie da und wären an manchen Stellen nackt. Dazwischen bläuliche Flecken und violette Striche und große rote Lachen von den Reklamelichtern über die Straße geworfen, als lägen viele große geschminkte Gesichter auf dem Pflaster drunten in ihrem Blute. Da drüben aber singen und spielen sie weiter, in dem kleinen Garten, dort vor dem Musikrestaurant….

(Ich bin) eine Straße hinaufgegangen, wo tiefe Schächte gähnten und Baugerüst standen. Auf der Höhe des Berges droben stand ein großes altes Haus, dessen eine Seitenwand herausgerissen war. Man konnte diesem Haus in den offenen Leib hineinsehen. Ich hatte einen Geschmack von Jod und Karbol auf meiner Zunge.…

Dann folgt eine Passage, die vom Gedankengang her auffällig an den letzten Satz des obigen Zitats von Marie-Janine Calic erinnert:

Stadt und Festung Belgrad, dass du so schmerzlich bist! Trotz deiner neuen großen Straßen mit herrlichen Palästen und schönen Plätzen schmerzt du. Ich brauche nur diese Straßen zu schreiten, wo die modernen Bauten stehen, wo du versuchst, den Westen einzuholen, sich selber zu überholen; und dann zwei kleine Schritte nach links, nur eine unverhofften Blick nach rechts, da bist du klein und eng und traurig.…

Das mit der Aufholjagd mit dem „Flugzeugmotor auf dem Ochsenkarren“ scheint also nach Ansicht von Vervoort nicht funktioniert zu haben. Herausgekommen ist seiner Auffassung nach eher ein Flickenteppichvon Altem und Neuem;

Nicht abgeschieden in Stadtviertel wie anderswo liegt dein Vergangenes, dein so traurig Verlassenes. Nein, wahllos zerstreut über den ganzen Raum, verkreuzt und verklärt mit neuen Großem und Glanzvollem liegt all dieses Wehe, Verblutete, so Schmerzhafte in dir, wie die Ströme der Freude und Wehmut in meinem Herzen

In eine ähnliche Richtung gehen auch die Aufzeichnungen, die die beiden tschechoslowakischen Weltenbummler Mirsolav Zikmund und Jiri Hanzelka Jahrzehnte später in ihrem 1963 im Ostberliner Verlag Volk und Welt erschienenen Buch „Balkan und Kleinasien – Der umgekehrte Halbmond“ zu Papier brachten:

Eine Musterstraße … und dann formlose, ebenerdige, selten einstöckige Häuser und Häuschen aus gebrannten und ungebrannten Ziegeln und aus Holz. In der Stadtmitte wchsen, wo man es am wenigsten erwartet, kühne Gebäude aus Beton und Glas empor … universell, international. Ebenso gut und schlecht würden sie in die Straßen Beiruts, Washingtons, Rios oder Casablancas passen. Vielleicht hatten wir nicht genug Zeit, zu begreifen, was an ihnen jugoslawisch war.

Die Grundstimmung der mit großem Aufwand, aber ohne Anknüpfung an die eigene Vergangenheit und Tradition betriebenen Modernisierung bei gleichzeitigem Abriss von eigentlich Erhaltenswertem in Belgrad ist auch achtzig Jahre nach dem Bericht von Vervoort und fast sechzig nach demjenigen von Zikmund und Hnzelka noch ähnlich. Nach wie vor treffen dort Altes und Neues übergangslos aufeinander (ein bisschen ist das wie die Innenstadt von Frankfurt am Main, nur – bislang – ohne Hochhäuser).

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Außerdem wird derzeit von arabischen Investoren ein gigantischer neuer Luxusstadtteil am Savaufer erbaut, dem bereits ein historisches Künstler und Bohemienviertel zum Opfer gefallen ist.

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Gähnende Schächte, Baugerüste, Reklamelichtern über die Straße geworfen, als lägen viele große geschminkte Gesichter auf dem Pflaster drunten in ihrem Blute und Häuser, deren eine Seitenwand herausgerissen war, und in deren offenen Leib man hineinsehen kann, kann man in Belgrad auch heute noch zur Genüge finden.

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Gegensätzliche Landschaften, unterschiedliches Klima, aber das ganze Jahr hindurch dieselbe Kleidung

In Serbien besucht das wandernde Ehepaar Klöster und reist in Begleitung zweier Mönche, eines orthodoxen und eines katholischen Franziskaner aus Dalmatien, mit einem Büffelkarren über das Land. Dabei machen sie die Beobachtung, dass die Menschen auch im heißen Hochsommer die

warme Kleidung tragen, die sie im kalten Winter benötigen, da sie keine andere hatten.

Außer der Armut attestiert er auch bezüglich Serbiens Vielfalt und Gegensätze, vor allem bezüglich der natürlichen und klimatischen Gegebenheiten:

Aber es ist ja nun so: Gerade die südserbische Landschaft ist voller Gegensätze und wechselreich, wie im Bilde seiner Bodengestaltung so auch in der Verschiedenartigkeit seines Klimas. Dort leben diese Menschen heute in den milden Zonen der Niederungen, wo Feigen wachsen und Wein gedeiht, um morgen vielleicht mit ihren Herden hoch droben auf den Bergen, draußen bei Wind und eiskalten Nächten zu weilen.

Weiter berichtet der Autor aus Serbien von Kutschenfahrten über Land, orthodoxen Klöstern und Edelkastanien.

Gastfreundschaft gegen Fastengebot

Auch taucht wieder das Thema Verpflichtung zur Gastfreundschaft und mögliche Konflikte mit anderen traditionellen Regeln, das schon bezüglich Montenegros behandelt worden war, auf. Während es dort jedoch vor dem düsteren Hintergrund der Spirale wechselseitiger Morde verschiedener Familien akut wurde, ist hier der Hintergrund leichter Natur:

Das wandernde Ehepaar wurde nämlich von orthodoxen Mönchen gastlich aufgenommen. Jedoch war Fastenzeit („im serbischen Kirchenkalender stehen mehr Fasten- als andere Tage“), in der nichts gegessen werden darf, was vom Tier kommt. Deshalb waren auch Butter, Käse und Milch tabu. Womit eine angemessene Bewirtung der Gäste eigentlich unmöglich war.

Deshalb bettelte ein junger Mönch beim Bischof darum, dieses Gebot für die Bewirtung der Gäste aufzuheben:

Vater, laß mich die Sünde auf mich nehmen!

Du hast schon so viele eigene Sünden, was willst du dann noch mit fremden?

Nur ein wenig Butter und Käse, Vater für deine Gäste, die meine Freunde sind!

Du hast schon so viele eigene Sünden, was willst du dann noch mit fremden?

Nur ein wenig Butter und Käse, Vater für deine Gäste, die meine Freunde sind!

Der Bischof jedoch findet einen Ausweg:

Es ist heilige Fastenzeit… du kennst die Schriften der seligen Väter… es ist untersagt, von tierischen Speisen jeglicher Art zu essen… den Brüdern und einem jeden in den Klöstern… Im Kloster, du Dummkopf, aber doch nicht draußen.

So kam es dann, dass die Gäste auf einer Wiese vor dem Kloster mit eigentlich verbotenem Butter und fettem Schafskäse bewirtet wurden.

Die nächste Folge dieser Reihe führt in das Kosovo, wo die beiden Dänen an der 550-Jahrfeier der Schlacht auf dem Amselfeld teilnahmen. Wenn der Beitrag fertig ist, verlinken wir an dieser Stelle darauf.

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