Zwei Dänen wandern am Vorabend der Invasion durch Jugoslawien („Jugoslawien auf Schusters Rappen 1939“ Teil I)

Da richtige Reisen durch das ehemalige Jugoslawien derzeit nicht möglich sind, versuchen wir, es so oft wie möglich mithilfe von Büchern zu besuchen. Auf booklooker, unserer Lieblingsseite für den virtuellen Einkaufsbummel, haben wir dafür einen interessanten Reiseführer (zu dem wir allerdings auch einige Kritikpunkte haben, auf die wir an geeigneter Stelle eingehen werden) gefunden.

Es handelt sich um das 1941 im Verlag Michael Eckstein, München, erschienene Buch „Die goldene Triangel“ von Pieter Vervoort.

Pieter Vervoort: Erfolgreicher Autor von Wanderbüchern

Das Internet verriet uns, dass das Buch ein Jahr zuvor in einer früheren Auflage beim Verlag Rösel-Pustet herausgekommen ist. Das Buch muss also damals während des Zweiten Weltkriegs auf ein gewisses Interesse gestoßen sein. Und auch danach erlebte es noch einige Auflage. Im Jahre 1953 veröffentlichte Vervoort unter dem Titel „Alle Schwäne der Königin“ einen Bericht über eine Wanderung durch England, Schottland und Wales (Das erscheint lange her, aber damals hatte England schon dieselbe Königin wie heute!)

Der Autor war also begeisterter Wanderer und hat vor seinem Jugoslawien-Buch unter dem Titel „Ein paar Stiefel laufen zum Himmel“ bereits einen Reisebericht über Wanderungen durch Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland vorgelegt, der immerhin in einer Auflage von (mindestens) 30.000 Exemplaren erschien. Danach schrieb er noch Bücher über Wanderungen durch Italien, Großbritannien und Deutschland.

„Buntester Balkan“ enthüllt Schönheiten und Heimlichkeiten

Der Jugoslawienbericht war sein zweites Werk, das vom Verlag folgendermaßen angepriesen wurde:

Peter Vervoort und seine tapfere Frau Margarete unternahmen im Sommer 1939 eine Wanderfahrt abwärts Dalmatiens goldenem Küstenstrich, quer durch den buntesten Balkan zum goldenen Horn und die silberne Donau hinauf ins gastliche Ungarnland.

Was diesen beiden naturseligen und allen Wundern offenen Wanderern an Schönheiten und Heimlichkeiten, an Menschen und Dingen begegnet ist, wird in diese bezaubernd frischen Reisebericht neu belebt und erzählt. Es geschieht auf eine heitere liebenswürdig plaudernde Art, als säße man beim Erzähler zu Gaste und hörte ihn selber sprechen. Und alle Unmittelbarkeit und Erlebnisnähe, wie sie solch einem unbeschwerten Erzählen eigen ist, geht auf das Buch über. So wird jeder, der es in seine Hand nimmt, gleich von dem warmen Erzählton gefangen und ist so sehr in seinen Bann, dass er geradezu als Miterlebender an dieser köstlichen Fahrt durch die zaubervollen Lande zwischen Donau, Adria und schwarzen Meer teil hat.

Goldene Triangel (2)

(Ausschnitt aus der Karte aus dem Buch)

Die Wanderung führte das Ehepaar Vervoort auch nach Bulgarien und Ungarn. Uns haben jedoch die Beschreibungen der Reiseabschnitte im ehemaligen Jugoslawien, also die Wanderungen durch Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Serbien, das Kosovo sowie das heutige Nordmazedonien besonders interessiert.

Dabei offenbart es sich der Kontrast zwischen den verschiedenen jugoslawischen Staaten untereinander.

Mitteleuropäische, mediterrane und morgenländische Mentalität in einem Staat

An einer Stelle (S. 19) beschreibt der Autor das Königreich Jugoslawien als

jungen, modernen Staat, der sich mählig bildet aus Ländern mit großer Vergangenheit und Volkstheilen verschieden alter Kultur, verschiedener Religion und so gänzlich verschiedener Mentalität: eine mitteleuropäische im Stromgebiet der Donau und in alpinen Regionen; an der adriatischen Küste eine mediterrane, südliche; im moslemetischen Bosnien aber und in Mazedonien drunten eine ausgesprochene östliche Lebenshaltung, eine morgenländische.

Dramatische Änderungen werden deutlich

Aus Sicht von jemanden, der Jugoslawien etwas mehr als vier Jahrzehnte später kennengelernt hat, zeigt sich beim Lesen, welche dramatischen Veränderungen dort, insbesondere außerhalb des früheren Einflussbereiches von Österreich-Ungarn, stattgefunden haben.

Grundstimmung der Zeit macht vor Buch nicht halt

Eine faszinierende Lektüre, bei der man sich allerdings auf einige Charakteristika der damaligen Zeit einstellen muss. Dazu gehört zum einen der gemächliche, von manchen sicher als weitschweifig empfundene Erzählstil muss. Und, auch wenn der Autor Däne ist: Die Grundstimmung in Deutschland zum Zeitpunkt des Erscheinens des Buches macht sich an manchen Stellen deutlich dadurch bemerkbar, dass häufig in nationalen Schablonen gedacht und vor allen das Ordentliche und Gesittete betont wird.

Und manches hat einen fast rassistischen Unterton wie beispielsweise der nächtliche Albtraum von einem bosniakischen Kofferträger mit dem „Kranzbartgesicht Ali Babas mit dem mächtigen roten Turban“ mit „schmutzigen Pfoten“, der versucht den  Koffer des Autors zu stehlen und dabei „rannte er, der Satan, galoppierte verrückt und arabisch über das Maisfeld hin“ (S. 27).

An anderen Stellen ist das Buch zudem nicht frei von Irrtümern und voreiligen Schlüssen. Dadurch aber steht es nicht alleine, sondern stellvertretend für vieles, das auch heute noch „über den Balkan“ berichtet wird, vor allem von Leuten, die ihn nur oberflächlich kennen. Hier kann die Lektüre das Gefühl für das Erkennen solcher „Kurzschlüsse“, denen oft nicht hinterfragte Informationen einzelner Personen, die der Berichterstatter getroffen hat, zugrunde liegen, schärfen.

Einladung zu einer Balkanwanderung

Wir werden in der nächsten Zeit in loser Folge aus diesem Buch berichten und laden Sie deshalb zu einer Reise (meist) zu Fuß durch das Jugoslawien der ausgehenden 1930er Jahre aus der Sicht von neugierigen Nordeuropäern ein.

Dadurch entsteht gleichzeitig eine Bestandsaufnahme des unterschiedlichen Alltagslebens in den verschiedenen Gebieten des Königreichs Jugoslawiens kurz vor seiner Auflösung im Zweiten Weltkrieg und vor der Wiedergründung des südslawischen Staats unter ganz anderen politischen Vorzeichen nach Kriegsende..

Der nächste Beitrag, der die Eindrücke des Autors aus Slowenien beschreibt, findet sich hier.

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