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Skopje „naturbelassen“

Neue Hauptstadt am alten Ort

Mazedonien (amtlich: Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien, -etwas-  kürzer: EJR Mazedonien), eines der ärmsten Länder Europas, gönnt sich eine neue Hauptstadt.

Anders als in anderen Fällen (beispielsweise Brasilien) entsteht diese jedoch nicht durch den Bau einer vollständig neuen Stadt an einem anderen Ort, sondern man gestaltet die bisherige grundlegend um. Diese soll dadurch, so könnte man sagen, „schöner und älter“ werden.

Vor allem aber soll sie dadurch, dass auf Schritt und Tritt an Personen und Ereignisse aus der Geschichte erinnert wird, geschichtsträchtiger werden. Dies natürlich im Sinne einer bestimmten Auslegung der Geschichte.

Das ganze Vorhaben soll mindestens eine halbe Milliarde Euro kosten. Manche gehen sogar von einem erheblich höheren Betrag aus.

Alle müssen dafür zahlen: Kein privat finanziertes Vorhaben

Anders als das Berliner Stadtschloss, dessen Wiedererrichtung technisch gewisse Parallelen mit dem-  erheblich umfangreicheren – Projekt in Skopje besitzt, werden diese Baumaßnahmen nicht durch Spenden, sondern aus dem öffentlichen Haushalt finanziert.

Bereits das erzürnt viele.

Dies zum einen, weil sie der Auffassung sind, das dafür ausgegebene Geld wäre für andere Zwecke, beispielsweise soziale Angelegenheiten, besser eingesetzt.(Wenn man schon die Bauwirtschaft fördern möchte: Könnten es nicht Krankenhäuser, Kindergärten, Schulen sein, die man baut oder eventuell auch nur renoviert? )

Zum anderen deshalb, weil sie befürchten, dass ein erheblicher Teil dieses Geldes gar nicht für Bau- oder sonstigen Leistungen, sondern als Bestechungsgeld ausgegeben wird bzw. wurde. Manche schließen auch nicht aus, dass die Mittel teilweise in schwarze Kassen derjenigen, die die Zahlungen veranlasst  haben, zurückfließen.

Wiederaufbau nach Erdbebenschäden ist andere Sache!

Um vorab eines klarzustellen:

Skopje wurde Anfang der 1960er von einem Erdbeben schwer getroffen. Dabei sind historische Gebäude zerstört worden. Dafür, dass diese im Rahmen der gegenwärtigen finanziellen Möglichkeiten nun wieder aufgebaut bzw. rekonstruiert werden, hat wohl jeder Verständnis.

Gerade dann, wenn es darum geht, das historische Gesicht von Skopje zu wahren bzw. wiederherzustellen, kommen einem jedoch Zweifel an diesem Projekt.

Über dieses Bauvorhaben, das unter dem Namen“ Skopje 2014″ läuft, haben schon etliche deutschsprachige  Medien kritisch berichtet. Wer in Google „Skopje Di..“ eingibt, bekommt deshalb „Skopje Disneyland“ noch vor „Skopje Disco“ angeboten.

In Ergänzung zu diesen Reportagen sollen hier in Wort und – vorallem – Bild einige Details, die dabei noch nicht angesprochen wurden, vorgestellt werden.

Barock durch Styropor

Wie macht man aus Gebäuden aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts Barockgebäude?

Dadurch, dass man entsprechend gestaltete Fassaden und Bauteile aufklebt.

In Skopje nennt man das Material, das dafür verwendet wird, „Styropor“. Etwas wetterbeständiger ist es aber schon.

Dabei stört es die Bauherren wenig, dass es sich auch um Gebäude von einer Höhe, in der man zu Barockzeiten überhaupt noch nicht bauen konnte, handelt.

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Statik egal

Man kümmert sich also wenig um die Gesetze der Logik. Und auch diejenigen der Statik kann man dank des leichtgewichtigen Baumaterials ignorieren. So wie hier am Justizministerium beginnen Säulen schon einmal erst im ersten Stock:

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Waschbetonwanne wird Tempel

In ähnlicher Weise werden auch Waschbetongebäude zu klassischen Tempeln upgegradet. Hier das ursprünglich reichlich zweckmäßig angelegte Gebäude der Telekom. Ähnlichkeiten des neuen Outfits mit der Akropolis dürften gewünscht sein:

Gerichtsarchitektur wirft Fragen auf

In Deutschland ist man stolz auf die transparente Architektur des Bundesverfassungsgerichts. Man sieht dies als architektonische Unterstreichung der demokratischen, transparenten und bürgerfreundlichen Grundhaltung des Gerichts.

Für welches Rechtsverständnis  mag das Gebäude dieses Gerichts stehen?

Musik für Emotionen

Auf die Wirkung der Denkmäler allein will man sich offensichtlich nicht verlassen. Deshalb werden diejenigen Denkmäler, die offensichtlich für besonders bedeutend gehalten werden, von „passender“ Musik untermalt, die die Emotionen zusätzlich ansprechen soll.

Zusätzlich gibt es bei einigen dann noch Wasserspiele. Und damit man wirklich beeindruckt ist, wechselt dann auch noch Beleuchtung.

Wir haben es ausprobiert: zumindest bei Regen funktioniert der Musikeffekt nicht:

 

Die Armen werden nicht vergessen

Wer meint, dass man bei dieser gigantischen Baumaßnahme die Armen vergessen hat, wird durch die nachfolgende  Skulptur eines Besseren belehrt:

  • Wo anders findet man das Denkmal eines Bettlers?
  • Und dann sogar noch in einer solch edlen Farbe?

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Fürwahr ein soziales Land!

Wer sich am frühen Morgen mit aufmerksamen Augen durch Skopje bewegt, kann übrigens keine hundert Meter von dieser Statue entfernt lebende  arme Menschen sehen.

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Beispielsweise eine Gruppe von Kindern, die an die kleinen Strolche erinnern. Sie übernachten regelmäßig unter einem Baugerüst einen Steinwurf vom großen „Alexander“-Denkmal entfernt.

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Um diesen jungen Mann in der  windelartigen Sporthose rankt sich das Gerücht, dass ihn der Künstler ursprünglich – ganz nach antikem Vorbild – so gestaltet hatte, wie der liebe Gott Männer halt einmal geschaffen hat.

Auf Proteste konservativer Verbände hin soll ihm dann das überaus schicke Höschen als Sichtschutz verpasst worden sein.

Alexander der Große, ansonsten häufig der Maßstab aller Dinge in Mazedonien, hätte  vermutlich kein Verständnis für solche Prüderie gehabt!

Die Suche nach dem künstlerischen Konzept

Für einen Außenstehenden erscheint die Anordnung von Skulpturen mitunter reichlich zufällig und unharmonisch. Weißer Marmor steht neben goldfarbenen Figuren, die wiederum von“ dunklen Gestalten“ abgelöst werden.

Ein bißchen wirkt das alles wie eine Spielkiste, in der Lego- und Playmobilfiguren neben Plastikrittern, Happy-Meal-Figuren und kleinen Plüschtieren kunterbunt übereinander  liegen.

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Mazedonen sind sehr mit ihrer Heimat und deren Geschichte verbunden. Man kann jedoch Zweifel haben, ob es mehr als fünf Einwohner Mazedoniens gibt, die alle in ihrer Hauptstadt abgebildeten Personen kennen.

Viele Waffen

Auffällig viele Gestalten haben Waffen in den Händen.

Die Figur auf dem Pferd könnte zumindest ältere Betrachter an Plastikfiguren von Cowboys und Indianer, mit denen Kinder in den 1960-ern spielten, erinnern. Vielleicht leben die Bildhauer heute unerfüllte Kindheitsträume aus, wenn sie solche Heroen gestalten?

Ziel von Demonstrationen

Mazedonien ist in Aufruhr. Demonstrationen sind an der Tagesordnung.

Die Wut der Demonstranten entlädt sich vor allem an den Neubauten „alter“ Objekte und den kürzlich aufgestellten Denkmälern. Diese werden mit Farbbeuteln beworfen. Deshalb hat die Protestbewegung den Namen „farbige Revolution“ bekommen.

 

Nicht alle haben allerdings für die Proteste Verständnis. Der ehemalige österreichische Botschafter in Mazedonien Dr. Harald W. Kotschy meint dazu in einem Beitrag mit der bezeichnendenn Überschrift

Was passiert im Sonnenland Mazedonien? Die „Lügenpresse“ macht ihrem Ruf alle Ehre

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In der Innenstadt wurden zahlreiche, erst unlängst mit Steuergeldern errichtete staatliche Gebäude sowie Denkmäler vandalisiert.

Neben dem Beitrag des Botschafters a.D. findet sich übrigens eine Anzeige, in der sichere Grenzen für ein sicheres Österreich „statt EU-Willkommenskultur“ gefordert werden.

Nicht für die Ewigkeit gebaut

Solche Bauvorhaben sind nicht einmalig  in der Welt. Meist möchten die Baumeister für eine lange Zeit, wenn nicht sogar für die Ewigkeit, bauen. Dies ist hier offensichtlich nicht der Anspruch:

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Vielleicht sind ja die Schäden, die durch solche und andere Mängel am Bau verursacht wurden, doch etwas größer als diejenigen durch Farbbeutelwürfe?

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Weitere Impressionen zu „Skopje 2014“ gibt es hier