Die Welt ist zu groß, um sie als Mensch zu erfassen. Gerade deshalb macht ein Buchtitel wie „Die Welt und alles, was sie enthält“ neugierig, aber auch ein bisschen misstrauisch. Schließlich manifestiert er einen Anspruch, von dem von vorneherein feststeht, dass er unerfüllt bleiben muss.
Über den Autor
Dennoch enthält das eben erschienene Buch gleichen Namens aus der Feder des bosnisch-amerikanischen Autors Aleksandar Hemon vieles, was die Welt nicht nur zum Zeitpunkt der Handlung, der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, geprägt hat, sondern auch heute noch prägt. Der Autor ist 1964 in Sarajevo geboren. Sein Großvater war vor dem Ersten Weltkrieg aus der Ukraine nach Bosnien und Herzegowina zugewandert (was damals ein Umzug innerhalb der k.u.k.-Doppelmonarchie war), seine Mutter ist bosnische Serbin.

Bereits in dieser kurzen Beschreibung des Hintergrunds des Autors sind einige wesentliche Themen dieses Buchs (und der meisten anderen Veröffentlichungen Hemons) angelegt. Dazu zählen das Leben in einer kulturell und national heterogenen Umgebung, ein durch Zuwanderung oder Flucht bewirkter Wechsel des Lebensumfelds, mit dem auch ein Wechsel der Sprache(n), mit der oder denen sich die Protagonisten ausdrücken, einhergeht.
All dies erlebte auch Hemon selbst. Im Jahr 1992 verschlug ihn, der bis dahin schon in bosnischer (oder wie man damals überwiegend sagte: serbokroatischer) Sprache veröffentlicht hatte, das Leben -beziehungsweise die Belagerung seiner Heimatstadt Sarajevo – zuerst nach Kanada und dann in die USA. Seitdem veröffentlicht er in englischer Sprache. Eine erstaunliche Leistung, wenn man seine mit geschliffener Feder und außerordentlichem Sprachgefühl verfassten Texte liest.
Von Autobiographischem hin zu Historischem
Viele der Texte Hemons waren bisher an dessen eigener Biografie angelehnt, behandeln also das Leben zeitgenössischer Emigranten aus dem ehemaligen Jugoslawien. Der Plural im Titel seines in deutscher Sprache erschienen “Buch meiner Leben“, macht dabei deutlich, dass diese Biographien von dramatischen Wechseln geprägt sind.
Mit seinem jetzt erschienenen Werk bleibt Hemon dem Topos „länderübergreifender Biographie, die in Sarajevo ihren Anfang nimmt“, treu. Jedoch spielt die gesamte Handlung (abgesehen vom Epilog) in der Zeit vor der Geburt des Autors. Der Autor verlässt also das Autobiographische, ohne dass die bereits genannten Merkmale hinsichtlich Kultur und Sprache(n) verloren gehen. Dadurch wird auch deutlich, dass vieles, was die Biographie heutiger Migranten prägt, universell ist.
Queere Love Story vor grausamen historischen Hintergrund
Worum geht es in dem Buch? Historisch und geographisch reicht die vom Tag des Attentats in Sarajevo im Jahr 1914 bis nach Shanghai im Jahre 1949. Hinzu kommt ein Epilog, der im Jahre 2001 in Jerusalem spielt.
Erzählt wird die Geschichte des jüdischen Apothekers Rafael Pinto und des Moslems Osman Karišik, die im Ersten Weltkrieg in der gleichen Einheit dienen und dann das Schicksal einer jahrelangen Wanderschaft als Kriegsgefangene teilen.
Das, was durch die Schüsse von Sarajevo – ein „ Augenblick, nicht länger als die Pause zwischen zwei Herzschlägen, als die Welt in ein Zuvor und ein Danach zerbrach“ (S. 30) – ausgelöst wurde, reichte weit über das hinaus, was die Protagonisten zu Kriegsbeginn erwartet hatten. Dazu heißt es: „Wie alle Soldaten, die in die Schlacht ziehen, hatte auch Pinto geglaubt, sie würden entweder fallen oder nach Kriegsende heimkehren. Entweder das eine oder das andere, Leben oder Tod, Rückkehr oder keine Rückkehr. Kein Soldat, schon gar nicht Pinto, wäre je auf den Gedanken gekommen, in einem russischen Gefängnis in Turkestans zu vermodern“ (S. 83).
Die jahrelange Odyssee ist jedoch nicht das Einzige, was die beiden Protagonisten gemeinsam haben: Pinto und Osman sind Geliebte. Das Buch ist somit, für manchen Leser überraschend, eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männer, noch dazu einem jüdischen und einem muslimischen. Es ist als auch eine queere „zärtliche … Geschichte“, wie es auf dem Buchrücken formuliert wird.
Diese spielt sich jedoch in einer von entsetzlichen Grausamkeiten geprägten Zeit und Umgebung ab.
Hemingway lässt grüßen
Diese Grausamkeiten werden in knappen Sätzen mit einer klaren und nüchternen Sprache ohne jeden Pathos beschrieben, die oft an Hemingway erinnert, geschildert.
Da heißt es etwa, dass „die verweichlichten Jungs aus der Stadt, die Langeweile und wunde Füße, Infektionen und das von Kugeln zerfetzte Fleisch nicht ertrugen, sich dem Tod in die Arme warfen, als wäre dieser ein Allheilmittel“ (Seite 47)
An anderer Stelle wird bezüglich eines Toten festgestellt, dass „der obere Teil seines Schädels fehlte, als hätte er diesen mitsamt der Mütze abgenommen“ (S. 60). Als sie an dieser und einer anderen Leiche vorbeigingen „achteten (Pinto und Osman) darauf, „nicht in die verknäulten Gedärme Hauptmann Zuckermanns oder in Smail Tokmaks Gehirnmasse zu treten“ (S. 60).
An anderer Stelle, heißt es „im Schützengraben lagen Tote wie Äpfel unter einem Baum“ und eine „durchtrennte Kehle gähnt wie ein zweiter Mund“.
Eine Notoperation wird schließlich so beschrieben:
Das Bein eines Engländers unterscheidet sich nicht von dem eines Bauern…. Pinto amputierte alle anderen Zehen, sie purzelten wie Murmeln in die Schüssel,… der große Zeh kullerte aus der Schüssel und plumpste auf den Fußboden. Pinto kam der Gedanke, Yolcha könnte danach schnappen, aber dann fiel ihm ein, dass der Hund draußen war“ (S.149).
An Hemingway erinnert auch die Eisbergtechnik, also das bewusste Weglassen von Handlungsteilen, die man sich beim Lesen dann selbst hinzudenken muss. Dabei werde die Lesenden durchaus auch einmal auf eine falsche Fährte gelockt. Wenn es (auf S. 72) als letzter Satz des ersten Teils etwa heißt, dass Pinto sah, „dass Osman mit unterwürfig gesenktem Kopf im Dreck kniete, die Mündung eines russischen Gewehrs im Hinterkopf“, werden sich die Lesenden sicher verschiedene Möglichkeiten, wie ist unmittelbar danach weiterging, ausdenken. Erst auf S. 83 wird ihnen dann die tatsächliche Variante (die sich wohl keiner so ausgemalt hat) präsentiert.
Die Geschichte von Pinto und Osman ist eine Odyssee um den halben Globus. Mit der jeweiligen Umgebung wechselt auch die Sprache. Deshalb finden sich in dem Buch auch verschiedene Betrachtungen zu Sprachen allgemein oder zu einer bestimmten Sprache.
Denkanstösse für Linguisten
Zum Nachdenken über Sprache regt die Formulierung an, nach der der Kopf von jemanden „mit Sprachen befallen“(S. 54) wäre, ganz so, als könnten Sprachen Krankheiten sein. Und genau besehen wird mit der Überlegung; „Gibt es eine Sprache, die niemand auf der Welt versteht? Die Sprache einer einzigen Person, vielleicht auch keiner?“ (S. 101) das Konzept der Sprache als zweiseitiges Kommunikationsmittel in Frage gestellt.
Zweifelhaftes Lob erfährt das Deutsch: „Herrlich dieses Deutsch. Alles ließe sich darin zum Ausdruck bringen“ heißt es an einer Stelle (S. 60). Und als Beleg wird die Möglichkeit, in dieser Sprache zwischen den verschiedenen Schüssen, durch die man zu Tode kommen kann (z. B. Bauchschuss – dessen Wirkungen mit „die Eingeweide schwammen im Blut“ wiederum ebenso einfach wie drastisch beschrieben wird, Kopfschuss, Herzschuss und Mundschuss) zu differenzieren. Angesprochen wird aber auch, dass in einem konspirativen Umfeld einen der Sprachgebrauch auch verraten und somit sogar ums Leben bringen kann. Weshalb es oft besser ist, zu schweigen oder sich zu verstellen: „Er sprach bewusst fehlerhaft Russisch, als hätte er die Sprache erst in Gefangenschaft gelernt, und übertrieb den Akzent, um seine englische Herkunft zu verbergen und möglichst unverständlich zu bleiben“ (S. 142).
Migrantische „Makkaroni-Sprache“
Ein weiteres sprachliches Merkmal des Buches ist das, was der Autor selbst „Makkaroni-Sprache“ nennt. Gemeint ist die für Migranten typische Vermischung verschiedener Sprachen, bei der Wörter, die ihnen in der Sprache ihrer neuen Umgebung fehlen, durch solche aus ihrer Heimatsprache ersetzt werden. In einigen Fällen dieses Code Switchings versteht ein Lesenderr, der die „eingesprenkelte“ Sprache nicht kennt, ebentuell das eine oder andere Deatil nicht. Das Verständnis des Gesamtzusammenhangs wird dadurch jedoch nicht beeinträchtigt. Auf S. 150 beispielsweise heißt es: „Soweit das Auge reicht, war draußen alles von stillen Schnee bedeckt. Snijeg pade na behar, na voće“. Hier kann man trotzdem weiterlesen, auch wenn man nicht weiß, dass in dem nachgeschobenen Satz nochmals vom Schnee und davon, dass der auf die Blüten und auf das Obst fällt, die Rede war. Manches fremde Wort erschließt sich einem auch aus dem Sachzusammenhang. Oder hätten Sie Schwierigkeiten, in der Beschreibung einer Kussszene zwischen zwei Männern die Formulierung „sein pata wird hart“ (S. 23) zu verstehen?
Mitunter treten zu den Einsprengseln aus verschiedenen Sprachen auch bosnische Volksgeschichten, die ebenfalls lakonisch erzählt werden. Beispielsweise dann, wenn von Nasrudin Hodža, einem islamischen Geistlichen mit Schalk im Nacken, erzählt wird, der seinen Esel lehren wollte, ohne Futter zu überleben. Dazu reduzierte er die Rationen für das Tier täglich auf die Hälfte derjenigen vom Vortag. „Kaum hatte der Esel gelernt, ohne Futter auszukommen,“ heißt es abschließend dazu (S.84), „da starb er“.
Mitunter verschwimmen in den Erinnerungen an Sarajevo auch die Grenzen zwischen Realität und Unmöglichen. Etwa dann, wenn in Sarajevo „ein Karpfen am Stand eines Fischhändlers auf Hebräisch… (verkündet), bald werde uns ein großes Unheil ereilen. Der Karpfen öffnete den Mund, er sprach diese Worte zweimal, alle Anwesenden konnten sie hören“.
Und tatsächlich kommt es Tage später zu einem schrecklichen Pogrom. Dem Karpfen jedoch war es dann, als seine Prophezeiung eintrat, schon ähnlich ergangen wie Laokoon und anderen vergeblich Mahnenden:
„Aber wer glaubt einem dummen Fisch? Lustigerweise wurde der Karpfen verkauft, nachdem er gesprochen hatte. Ausgerechnet an meine Mutter, die eine Suppe daraus kochte. Und sie war köstlich, diese Karpfensuppe“ (S. 113)
Heimweh nach Sarajevo
Obwohl es sich um ein historisches Buch handelt, durchziehen Motive der vorherigen autobiographisch geprägten Werke von Hemon auch dieses Buch: Dazu gehört auch die Erinnerung an Sarajevo und die Sehnsucht danach. Gleiches gilt für die Angst um diese Stadt. Dazu heißt es: „Und wenn auch Sarajevo nicht mehr wäre, wenn es dort nichts und niemanden mehr gäbe?… es gibt keinen Grund zu der Annahme, die Welt hätte bis in alle Ewigkeiten Bestand, von einer Stadt ganz zu schweigen …“ (S. 95)
Wie verklärt das Leben in Sarajevo von denjenigen, die die Stadt verlassen mussten, wird, wird an der Geschichte deutlich, nach der ein Pascha jeder Braut, die Sarajewo verließ, um zu heiraten, eine Truhe mit Diamanten und Gold schenkte. Die Bräute, die nach Sarajewo zu ihrem Bräutigam reisten, erhielten dagegen „nur ein Taschentuch …, da es ihr Geschenk war, ihr Leben in dieser Stadt verbringen zu dürfen (S. 52).

Fazit
Das Buch von Hemon beschreibt nicht, „alles, was die Welt enthält“, aber eine für große und mitunter schwer verdauliche Portion davon. Obwohl es sich um einen historischen Roman handelt, sind die beschriebenen Umstände auch heute noch nur allzu präsent. Da uns Bücher, die Erscheinungen der Welt beschreiben, lieber sind als solche, die sich anmaßen, zu wissen, warum die Welt so ist wie sie ist, geht der Titel also in Ordnung für uns.
Ein empfehlenswertes Buch, das auf mehreren Ebenen „funktiert“. Gerade diese Vielschichtigkeit macht, neben dem Umfang von mehr als vierhundert Seiten, die Lektüre nicht unbedingt zu einem Spaziergang.
Manche deutschen Leser dürften auch Schwierigkeiten haben, die historische Ereignisse und ihre Schauplätze einzuordnen. Dies belegt, dass wir im Rückblick auf den Ersten Weltkrieg meist nur in Richtung Westeuropa schauen. Womit die Ereignisse und zahlreichen Opfer in anderen Teilen der Welt in Vergessenheit geraten. Vor diesem Hintergrund kann das Buch von Hemon auch insoweit den Blick erweitern.

Aleksandar Hemon in Berlin
Südosteuropa-Kenner und Freunde hatten am 27. Juni in Berlin die Möglichkeit Aleksandar Hemon persönlich kennenzulernen. An diesem Tag lud das Auswärtige Amt nämlich zum „Westbalkan-Stammtisch“, einer Veranstaltung mit dem Autor in englischer Sprache, die den Untertitel „Nachkriegsdiaspora und die Sehnsucht nach dem Heimatland: Eine Bosnisch-Amerikanische Perspektive“ trug.
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