Skopje: Ein utopischer städtebaulicher Phoenix versucht zu fliegen

Dies ist die Forsetzung des Beitrags „Skopje: Versteckte Erinnerung an die größte Naturkastrophe, die Jugoslawien traf“.

Am 26. Juli 1963 ereignete sich in Skopje ein Erdbeben, das als schwerste Naturkatastrophe, die Jugoslawien jemals traf, gilt.

Kraft von 1000 Hiroshima-Bomben

Es muss für die Betroffenen so gewesen sein als ob die Welt unterging. Um 5:17 Ortszeit begann in Skopje die Erde mit der Kraft von 1000 Atombomben des Hiroshima-Typs (!) zu beben.

Verschlimmert wurde der die Situation noch dadurch, dass das Epizentrum des Erdbebens dicht unter der Oberfläche, direkt unter der Innenstadt mit ihren meist alten und wenig widerstandsfähigen Häusern, lag, auf lockerem Boden, der die Schwingungen des Untergrundes ähnlich wie ein Gelatinepudding (der) selbst bei schwach angestoßener Schüssel in heftige Schwingungen gerät“ noch verstärkte. Eine „Walze des Todes“ rollte so über die Stadt hinweg. Der Korrespondent der NZZ schrieb damals:

«Jetzt sieht die Innenstadt aus, als ob der Zweite Weltkrieg mit Bombenangriffen noch einmal seine wahnwitzigen Zerstörungen angerichtet hätte».

Mehr als 1000 Personen kamen ums Leben, weitere 3300 wurden verletzt. Viele Gebäude stürtzten ein. Die Altstadt wurde vollständig zerstört. Und auch im sonstigen Stadtgebiet wurden zahlreiche Gebäude schwer geschädigt. Von rund 46 000 Wohnungen lagen 35 000 in Trümmern.

Nahezu 75 % der Bevölkerung verloren binnen Sekunden ihre Unterkunft. Deshalb mussten nach dem Erdbeben mehr als 100.000 Menschen evakuiert oder in Notunterkünften untergebracht werden.

Jugoslawische Volksarmee reagiert zu spät

Die Rettungsarbeiten liefen zuerst reichlich unkoordiniert an.

Presseberichten zufolge schaffte es beispielsweise die jugoslawische Volksarmee nicht, ständige Funkverbindungen zur Koordinierung der Hilfsmaßnahmen einzurichten. Dies gelang erst erst zwei Tagen nach der Katastrophe slowenischen Funkamateuren.

Auch sollen wegen der Untätigkeit der jugoslawischen Volksarmee Klopfzeichen, die Eingeschlossene aus dem Bahnhofstunnel von sich gaben, unbeachtet geblieben sein.

Skopje Erdbeben 1 (6)
Reste des damals zerstörten Bahnhofs

An mangelnden Personal kann es nicht gelegen haben. Wegen der Grenznähe zu Albanien hatte die jugoslawische Volksarmee nämlich mehrere 100.000 Soldaten in Mazedonien und angrenzenden Gebieten stationiert.

Sowjets und USA ziehen an einem Strang

Wesentlich zielstrebiger scheint die Hilfe aus dem Ausland angelaufen zu sein. Der Spiegel berichtete damals, dass die die US-Armee binnen 24 Stunden mit einer ganzen Lazarettabteilung von 200 Ärzten und Pflegern den Eingeschlossenen von Skopje auf dem Luftwege zu Hilfe eilte

Aufgrund der politischen Sonderstellung des blockfreien jugoslawiens kam Hilfe sowohl aus dem Westen wie dem Osten. Dies führte nicht nur dazu, dass Skopje für einige Zeit die einzige Stadt der Welt war, in der US-amerikanische und sowjetische Soldaten an einer gemeinsamen Aufgabe arbeiten, sondern auch zu einem Besuch von Nikita Chruschtschow in Jugoslawien, das man in der Sowjetunion ansonsten sehr kritisch betrachtete, da es mit seinen Sonderweg den Alleinführungsanspruch innerhalb der sozialistischen Welt infrage stellt

Auch die UN startete ein großes Soforthilfeprogramm. Und innerjugoslawisch gab es ebenfalls viel  Solidarität: Freiwillige reisten nach Skopje oder spendeten bei sich zu Hause Geld oder Blut. Dies erlaubte es der politischen Führung trotz der Untätigkeit der jugoslawischen Volksarmee direkt nach der Katastrophe die Rettungs -und Unterstützungsmaßnahmen als Beweis für die Solidarität der jugoslawischen Völker untereinander darzustellen.

Der Wiederaufbau bot auch Chancen: Zum einen gab es Jugoslawien die Möglichkeit, sich aufgrund der breiten Unterstützung aus den anderen Teilrepubliken wiederum als Staat, in dem die Brüderlichkeit und Einigkeit der verschiedenen Volksgruppen tatsächlich funktionierte, darzustellen. Zum anderen konnte man nun die Stadt Skopje neu gestalten und dabei zeigen, dass man Neuem durchaus aufgeschlossen war.

Ambitionierte Wiederaufbaupläne

Nach der unmittelbaren Erstversorgung folgten umfangreiche Maßnahmen zum Wiederaufbau, die wiederum mit breiter internationaler Unterstützung erfolgten. Hierbei war klar, dass man nicht nur den verloren gegangenen Wohnraum erdbebensicher ersetzen wollte, sondern auch neue städtebauliche Akzente setzen wollte.

Der Schweizer Architekt Peter Sägesser schreibt über die Geschichte des Wiederaufbaus und darüber, wie Skopje zum Versuchslabor für den sozialutopischen Städtebau der sechziger Jahre wurde. Der zentrale Satz hieraus dürfte sein

Der Wiederaufbau von Skopje eröffnete dem jungen Staat die Chance, eine ideale sozialistische Stadt zu bauen mit besseren Lebensbedingungen für ihre Bewohnerinnen und Bewohner. Für die Schaffung einer neuen Gesellschaft kam nur die moderne Architektur in Frage.

Zwei Jahre nach dem Erdbeben schrieb die UNO einen städtebaulichen Wettbewerb aus.

Eingeladen waren je vier Architektenbüros aus Jugoslawien und aus dem Ausland. Sämtliche gehörten zu den führenden Stadtplanern der damaligen Zeit. Den ersten Preis teilten sich das Zagreber Stadtplanungsinstitut mit Radovan Miščević und Fedor Wenzler einerseits und der japanische Architekt Kenzo Tange, dessen Projekt schließlich umgesetzt werden sollte, andererseits. Der Grund dafür lag, so Peter Sägesser ,darin, dass Tanges`Konzeot  „mit seiner radikalen Vision“ ein „grösseres propagandistisches Potential für die Vereinten Nationen, Jugoslawien und Japan“ besass.

Utopia mit Stadtmauer

Gebaut werden sollte ein Utopia mit einer „Stadtmauer“ aus Wohnbauten. Hierbei sah es der Architekt Tenge selbst als Vorteil an, dass Jugoslawien ein sozialistisches Land war, weil in einem solchen weniger Widerstand gegen ein solches Monumentalbauvorhaben zu erwarten war. Er erklärte nämlich:

Yugoslavia is a socialist country in which land is not privately held, the city government had sufficient power to make it possible to introduce our total plan.»

Der „totale Plan“ wurde jedoch nur teilweise umgesetzt, Kenzo Tange selbst realisierte nur den neuen Bahnhof, von dem später noch die Rede sein soll.

Skopje Bahnho (11)

Architekturexperten schwärmten dennoch von „visionären Projekten“, die im Zuge des Wiederaufbaus entstanden.

Vermutlich liegt es an unserer Ignoranz, dass sich uns selbst der Zauber dieser Architektur trotz vieler Aufenthalte in Skopje nicht erschließen konnte. Insbesondere das ebenfalls hochgelobte Einkaufszentren in der Stadt empfinden wir eher als deprimierend denn als visionär. Vielleicht liegt dies aber auch daran, dass seit ihrer Errichtung wenig in die Erhaltung dieser Gebäude investiert wurde.

Trotz unserer eher skeptischen Haltung gegenüber dieser futuristischen Architektur können wir uns mit dem Umgang, den diese in den letzten Jahren erfahren hat, nicht anfreunden:

Im Zuge einer Historisierung und Barockisierung der Innenstadt wurden nämlich nicht nur zahlreiche Statuen und sonstige reichlich retro gestaltete „Kunstwerke“ mit dem Füllhorn über die Innenstadt verteilt, sondern auch die Fassaden von moderneren Gebäuden mit Säulen und Zierelementen, die teilweise seit Jahrhunderten außer Mode gekommen sind, „verschönert.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

 

Der Werkstoff, der bei dieser „Fassadenverschönerung“ zum Einsatz kam, wird in Skopje im Volksmund übrigens „Styropor“ genannt. Das ist zwar genau genommen nicht richtig, zeigt aber deutlich eine gewisse kognitive Distanz zu diesen Maßnahmen.

Dieser Beitrag wird am 23. August 2019 mit dem Artikel „Utopie und Wirklichkeit: Der „neue“ Bahnhof in Skopje“abgeschlossen.

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