Wettbewerbe, Politik und kroatischer Priesterbeat (Brüderlichkeit, Einheit und „Goldene Akkorde“ -Beat in Titos Jugoslawien: Teil 4)

Old School-Rock ist auch heute noch ein Thema: Whitesnake-Konzertplakat vor neuem griechischem Tempel „made in Makedonia 2015

In den 60-ern war Beat auf einmal überall. Auch in Jugoslawien.

Nach Teil 1, 2 und 3 kommt hier Teil 4 der Geschichte der jugoslawischen Beat- und Rockmusik.

In dieser Folge wird vor allem von

  • Auftrittsmöglichkeiten,
  • Vertriebswegen und
  • politischen Problemen

die Rede sein.

Wettbewerbe, Festivals, Hotelterrassen und Tanzböden

Bereits in den 60-er Jahren etablierte sich in Jugoslawien eine Reihe von Festivals und Wettbewerben, bei denen sich insbesondere junge Beat- und Rockgruppen einem größeren Publikum präsentieren konnten. Mitunter winkten den Siegergruppen Plattenaufnahmen als Preis.

Den Anfang dieser Festivals machte (soweit man das heute noch feststellen kann) im Januar 1964 die „Parada ritma“ („Rhythmusparade“) in Belgrad. Bei ihr traten die „Safiri“ („Saphire“), „Iskre“ („Die Flammen“), “ Zlatni Dečaci“ („Goldene Jungs“) sowie die Solistin Ivanka Pavlovic auf.

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All you need is love und die punk-mäßig maltretierte Stones-Zunge: Skopje 2016  -And the beat goes on in former Yugoslavia

Im Jahr danach folgte, in der kroatischen Republikhauptstadt Zagreb am 4.und 5. November das „1. Festival der Beatmusik“. Dass dieses Festival in eine Teilrepublik mit Küste stattfand, merkte man auch an den Namen der beteiligten Gruppen. Es spielten nämlich u.a. die „Delfini“ („Delphine“) und die „Crveni Koralji“ („Roten Korallen“).

50 years ago the bands were told to play

In der Folgezeit wurden immer mehr Festivals veranstaltet. Nach wie vor besteht das älteste diesbezügliche Festival Europas (!), das im serbischen  Zaječaru (wo, nebenbei bemerkt auch ein ganz ordentliches Bier gebraut wird) ausgetragen wird: Die 1966 gegründete „Gitarijada„, eine Art Olympiade der Gitarre, gibt es auch heute noch.

Mindestens ebenso legendär war das Festival für Nachwuchsbands unterschiedlichster Stilrichtungen in Subotica an der Grenze zu Ungarn. Es wurde von 1961 bis 1990 abgehalten. Mit dem Ende des gemeinsamen Staates war dann jedoch auch das Ende dieses Festivals gekommen.

Ferienhotels und Tanzveranstaltungen als Auftrittsmöglichkeiten

Diese viele Festivals dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Beat und Rock in Jugoslawien meist nicht in Riesenhallen stattfand. Auch angesagte Megagruppen tingelten nicht selten durch das Land und traten z. B. auch in Kinosälen in Kleinstädten auf. Andere Gruppen, z.B. auch die oben genannten „Delfini“ (gemeint ist die gleichnamige Spliter Gruppe) spielten während der Urlaubssaison wochenlang auf den Terrassen von Urlaubshotels auf.

Es soll sogar Fans gegeben haben, die ihren Urlaubsort und die Urlaubszeit nach solchen Hotelgastspielen festlegten. Wobei diese Fans dann meist nicht im Hotel selbst, sondern am nächstgelegenen Campingplatz wohnten.

Trotzdem hatte man dabei nicht selten die Gelegenheit, die Musiker zu treffen.Eine Art Vorläufer der heutigen Band Conventions mit ihren „meet and greets“ also. Nur wesentlich billiger.

Eine der Bands, denen die Fans so nachreisten sollen Drugi način gewesen sein, deren Musik  an die eleganten Stücke von Wishbone Ash erinnert.

Die meisten Auftrittsgelegenheiten, auch zu anderen Jahreszeiten, gab es jedoch bei Tanzveranstaltungen. Richtige Konzerte waren dagegen die Ausnahme.

Das Beat-Paradoxon: Im Westen eine politische Waffe des Ostens, im Osten eine des Westens!

Beat war immer auch eine politische Sache. Nicht unbedingt, weil diejenigen, die ihn machten, politisch sein wollten. Sondern weil die Politik den Beat argwöhnisch beäugte.

Wobei es hierbei eine paradoxe Situation gab.

Im Westen gab es welche, die behaupteten, dass die Beat-Musik (obwohl sie vom Westen kam) „vom Osten“ gefördert würde, um die westliche Gesellschaft zu unterwandern und zu schwächen. Und im Osten wurde dagegen behauptet, der Beat sei aus dem Westen geschickt worden, um den Osten zu schwächen!

Manches, was heute an Zitaten von Politikern über Beatmusik satirisch klingt (beispielsweise die Ulbricht -Zitate zur Beatmusik) hatte damals einen ernsten Hintergrund. Jemand, dessen Musik in der DDR im ZK als etwas Negatives behandelt wurde, war nahe daran als Staatsfeind eingeordnet zu werden.

Auch Jugo-Bands bekamen politische Probleme

Auch Jugoslawien war ein sozialistisches Land. Allerdings gehörte es nicht zum Ostblock, sondern verfolgte seinen eigenen Weg zwischen den beiden Blöcken. Auch wenn keine Detailinformationen zu politischen Problemen gerade von Beatbands vorliegen, könnte es sie gegeben haben.

Indizien dafür gibt es ausreichend. So wollten sich die „Roten Korallen“ ursprünglich „Rote Teufel“ („Crveni Djavoli„) nennen. Was sie dann aber lieber sein ließen, da sie fürchteten, das könnte als politisch provokativ ausgelegt werden. Man war also vorsichtig.

Zum anderen gab es insbesondere in den 80-ern eine Reihe von politischen Aktionen gegen Bands , so dass es erstaunlich wäre, wenn es vorher nicht eben solche gegeben hätte. Die Bands „Riblja Čorba“ und „Zabranjeno pušenje“ bekamen in den 80er Jahren Schwierigkeiten wegen allzu kritischer Textstellen.

Von der Nichtauslieferung von Schallplatten bis zu Strafverfahren reichte hier die Palette. Manchmal waren die Anlässe für solche Schwierigkeiten eher grotesk.Nele Karajlić, der Sänger von „Zabranjeno pušenje“ bekam Schwierigkeiten, weil er nach einem Tonausfall bei einem Livekonzert auf der Bühne äußerte, dem „Marschall“ sei die Sicherung durchgebrannt.

„Marschall“ ist aber nicht nur eine Verstärkermarke, sondern war eben auch Titel des Staatschefs Tito.

Göttlicher Beat?!  Jugoslawien „zwischen den Stühlen“: Priester rocken für Jesus

Rock und Beat waren in den 60ern eigentlich überall suspekt.

Den Gegnern des Beat im Westen wurde die Sache jedoch manchmal dadurch schwer gemacht, dass manche Bands auch religiöse Lieder, gegen die man ja kaum etwas haben konnte, sangen. Als Beispiel aus Deutschland sei hier „Sing Hallelujah“ von den „German Bonds“ genannt.

Jugoslawien war, so hat es einmal jemand  formuliert, „etwas dazwischen“. Man könnte auch sagen: „zwischen allen Stühlen“.

Hier waren die Dinge teilweise so wie im Westen, teilweise so wie im Osten. Und teilweise noch ein bisschen anders.

Beweis gefällig? Gut! Hier ist sie, die Geschichte der “ Žeteoci“ („Die Erntearbeiter“)

Diese Band gründete sich 1962 und trat zuerst unter dem sinnigen Namen „Bijeli stolari“ („Die weißen Tischler“) auf. Alle Mitglieder waren Studenten der katholischen Theologie. Deshalb spielte man auch Lieder mit religiösem Inhalt, allerdings als Beat.

Was offensichtlich nicht allen gefiel. 1969 wurde einer ihrer Auftritte verboten. Was dazu führte, dass die Polizei das aufgebrachte Publikum „besänftigte“.

Kroatische Beat-Christen früher als Dylan beim Papst

Obwohl das Verbot später aufgehoben wurde, spielte die Band von da an überwiegend im Ausland. Unter anderem trat man auch einmal in Rom vor dem Papst auf. (Bob Dylan, damals schon erfolgreich im Geschäft,  sollte auf diese Ehre noch Jahre lang warten müssen!)

Organisiert wurde dies von dem Zagreber Kardinal, der der Band auch die erste E-Gitarre gestiftet hatte.

Die Kirche wurde also zum Lieferanten von Equipment für eine Beatband. Bei ihren Auftritten aber spielten die Zeteoc“ allerdings nicht nur religiöse Songs, sondern auch Beatbearbeitungen von aktuellen Festivalhits und von Volksliedern. Die Mischung macht es.

 Abschied von der Single: „Religious Beat“ wird beinahe erste LP

1969 schließlich bot sich den Beat-Priestern die Chance zur Veröffentlichung einer LP, die sie auch nutzten.

Um ein Haar wären sie damit die erste jugoslawische Beatband überhaupt gewesen, die nicht nur Singles, sondern auch eine LP veröffentlichte. Jedoch war die erste LP von „Grupa 220“ einige Wochen früher zu haben, so daß es insoweit nur für Platz zwei reichte.

Damit hatte man diesen historischen Platz verpasst. In anderer Hinsicht ist die LPTo nije tajna“ („Das ist kein Geheimnis“) jedoch Spitzenreiter. Sie wurde nämlich zur meist verkaufte jugoslawische Schallplatte mit religiösem Inhalt.

Kirche statt „Starbucks“: Neue Vertriebswege bereits in den 60ern

Interessant auch die Produktions- und Vertriebsweise dieser LP.

Sie wurde nämlich nicht von einer Schallplattenfirma herausgebracht, sondern von der kirchlichen Zeitschrift „Glas koncila“ („Stimme des Konzils“). Und verkauft wurde sie nicht in Läden, sondern in der Kirche.

Die Žeteocia gelten  heute als Begründern des Musikstils „Cro sacro„, unter dem man rock- und beatmäßige religiöse Lieder aus Kroatien zusammenfasst.

Weitere Gruppen dieses Stils waren „Prijatelji“ („Die Freunde“), „Kristofori“ („Die Christoforen“) und „Zora“ („Die Morgenröte“).

Die Musikpresse fand jedoch eine griffigere (und respektlosere ) Bezeichnung für die angehenden Priester mit E-Gitarren. Sie nannte sie nämlich kurz „Električar u haljanama“ („Elektriker in Frauenkleidern“).

(Wird fortgesetzt)

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