kazaliste
Die Stones lassen grüßen: Website der Band „Schmutziges Theater“

Dies ist die Fortsetzung von Brüderlichkeit, Einheit und „Goldene Akkorde“ -Beat in Titos Jugoslawien Teil 1.

Kroatien hat ein Meer, in dem sich tatsächlich Delphine tummeln. Vielleicht ist das der Grund, dass es in den frühen 60-ern gleich zwei dortige Beatbands gab, die sich nach diesen „Freunden aller Kinder“ benannt hatten?

Beide Gruppen gründeten sich 1963 und beide hießen, wie schon angedeutet, Delfini. Die eine kam aus Zagreb, wo sich Delphine wohl selten hin verirren, während die zweite Band aus der Adriastadt Split, wo schon einmal ein „Flipper“ vorbeischwimmen kann,  kam. Die Spliter „Delphine“ machten unter anderem auf dem dortigen Musikfestival 1967 mit dem Beitrag „Beat na moru“ (Beat am Meer“) auf sich aufmerksam. Den Zagreber Delphinen dagegen gelang es unter dem Namen „The Delfines“ 1967 in Belgien eine Version von „Gloria“ auf Single herauszubringen.

„Doppelte“ Bands, ein jugoslawisches Phänomen

Wenn bereits die Rede von „doppelten Delphinen“ und von Plattenaufnahmen im Ausland unter der englischen Übersetzung des eigenen Namens die Rede ist: Ein und derselbe Bandname, der parallel von zwei Gruppen genutzt wird, sollte es in der Geschichte des Jugorocks ebenso mehrfach geben wie auch Bands, die im Ausland unter einem zweitem, englischen Namen auftraten.

Die Hardrockband „Atomsko Skloniste“ etwa veröffentlichte unter dem Namen „Atomic Shelter“ 1986 ein Album, das „This Space Ship“ betitelt ist und englische gesungene Versionen aus dem eigenen Reportoire enthielt.

Und in den 90-er Jahren gab es sowohl in Sarajevo als auch in Belgrad eine Band namens „Zabranjeno Pusenje“ („Rauchen verboten“).

Dies hatte jedoch traurige Ursachen. „Zabranjeno Pusenje“, die Hauptgruppe der sogenannten „Neuen Primitiven“, waren ursprünglich eine einzige Band aus Sarajevo. Während des Kriegs blieb ein Teil der Mitglieder im eingekesselten Sarajevo (später ging dieser Teil nach Zagreb). Die serbischen Mitglieder gingen dagegen nach Belgrad ins Exil und machten dort anfangs ebenfalls unter demselben Namen weiter.

Weitere Zagreber Beatbands

Aber zurück in die 1960-er: Einer der „Platzhirschen“ der Zagreber Szene war damals die „Grupa 220“. Diese war eigentlich ein relativer Spätzünder, da sie erst 1966 aus der Taufe gehoben wurde. Dennoch sind gerade mit dieser Gruppe einige Meilensteine des Jugobeat verbunden.

  • Ihre Single „Osmjieh“ („Lächeln“) war die erste Eigenkomposition einer jugoslawischen Band, die es auf Platte schaffte. Covern war out, man wollte die Lieder, die man spielte, selbst schreiben. (Die „Beatles“ lassen grüßen.)
  • Und sie waren die erste Band, die nicht nur Singles veröffentlichten, sondern eine ganze LP. Dies allerdings erst 1968. Woran man sieht, dass in Jugoslawien Beat und verwandte Musiken noch lange ausschließlich die Sache einzelner Lieder und von Singles war, als anderweitig die LP schon für viele das Maß aller Dinge geworden war. (Vielleicht hätte es aber auch damit zu tun, dass Vinyl als Rohstoff zu teuer war, als dass sich Jugendliche eine größere Scheibe hätten abschneiden können?)

An weiteren Zagreber Beatbands sind noch zu nennen:

  • Die „Bezimeni“ („Die Namenlosen“), die bereits 1960 auftraten, allerdings nie die Gelegenheit hatten, eine Platte aufzunehmen. Nach ihre Auflösung 1964 wechselten einzelne Mitglieder zu den „Weißen Pfeilen“ bzw. zu den (Zagreber) „Delfini“.
  • Außerdem gab es die „Biseri“ („Perlen“), die sich erst 1967, als der Beat schon langsam von anderen Stilrichtungen abgelöst wurde, gründeten.

Belgrader Gruppen

Auch in Belgrad gab es natürlich Beatbands. Unter anderem die „Crni Biseri“ („Schwarzen Perlen“) – nicht zu verwechseln mit den Zagreber „Biseri“(„Die Perlen“). Auch diese Gruppe war von den „Shadows“ beeinflußt. Dies ging soweit, daß Bassist seinen Spitznamen „Jet“ nach dem Vornamen des Bassist der Shadows bekam. Die Gruppe entwickelte sich jedoch mehr in Richtung Rhythm & Blues.

1966 gründeten sich die „Dzentlemeni“ („Die Gentlemen“), deren Markenzeichen mehrstimmiger Gesang war. Neben Eigenkompositionen hatten sie Songs der „Searchers“ im Repertoire, die sie auch als Singles veröffentlichten.

Zu den wahren Dinosauriern des Belgrader Beats gehören „Iskre“ („Die Flammen“), die bereits 1961 eine der ersten „elektrifizierten“ Band waren. Diese Band spielte Instrumentalmusik. Anders als viele andere, orientierten sie sich jedoch nicht an den „Shadows“, sondern den „Tornados“. „Die Flammen“ ist sicher ein geiler Bandname. Die Gründe für seine Wahl sind angeblich prosaischer als man vielleicht denkt. Die Band spielte nämlich anfangs über eine Kinolautsprecheranlage. Und die war von der slowenischen Firma „Iskra“.

Die „Korni Grupa“

Die vermutlich bedeutendste Belgrader Band aus der Beataera dürfte jedoch die „Korni Grupa“ gewesen sein. Diese wurde vom Keyboarder Kornelij Kovac gegründet, der vorher bei den gleich noch vorzustellenden „Indexi“ aus Sarajevo gespielt hatte, dann aber nach Belgrad umzog. Über eine Radiotalentshow, von denen es damals offensichtlich mehr gab (ohne daß man gleich versprach, den Superstar zu suchen), wurde die „Korni Grupa“ bekannt.

Nach einigen Mißgriffen bezüglich der Sängerinnen hatten sie 1974 auch die Chance, international bekannt zu werden. Sie vertraten nämlich Jugoslawien bei dem Eurovisions-Song-Wettbewerb. Allerdings  errangen sie nur den zwölften Platz. Sieger wurde, mit „Waterloo“, die Gruppe „ABBA“.

Keine Chance also für die Belgrader Beat Boys also. Andererseits: „Viel Feind viel Ehr“.

Die „Korni Grupa“ nahm auch Platten im Ausland auf. „Not a ordinary life“ ist der Titel eines symphonischen Rockalbums, das sie 1973 in Italien unter dem Namen „The Cornelians“ herausbrachten. (Ein sorgsam gehütetes Exemplar dieser LP ziert heute die Sammlung eines Deutschen, der gerade einmal 13 Jahre war, als diese Platte aufgenommen. Damals hätte er Jugoslawien wohl irgendwo hinter Rußland, kurz vor China, vermutetet. Aber er hatte eben andere Interessen zu dieser Zeit. Er hatte in diesem Jahr nämlich das „Rote Album“ der Beatles schenken lassen. Deshalb war er gerade dabei zu entdecken, was es außer „Yellow Submarine“ darauf noch an wesentlich interessanteren Dinge gab. Bis er den Jugobeat entdeckte, sollte noch etwas mehr als ein Jahrzehnt vergehen.)

Reunions

Auch in Jugoslawien gab und gibt es periodische Wiederauferstehungen von legendären Gruppen aus der Vergangenheit. So trat 1987 trat die „Korni Grupa“ zusammen mit anderen Legenden des Jugorock noch einmal auf. Einen Auszug davon gibt es auf der LP „YU Rok legende“.

live-jugo
Vorderseite des T-Shirts zum Ant-Minen-Festival „Live for Life!

 

Eine ähnliche, seltene Gelegenheit zum Wiedersehen mit Gruppen aus der Vergangenheit bot sich im Oktober 2000 in Sarajevo: Dort traten unter dem Motto „Live for Live -What music creates let no mine destroy“ zahlreiche Bands aus allen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens  (darunter auch „Indexi“) auf, um Geld für die Minenbeseitigung in Bosnien und Herzegowina zusammenzubringen.

Vermutlich war dies nicht nur eine seltene Gelegenheit, so viele Gruppen aus dem ehemaligen Jugoslawien auf einer Veranstaltung zusehen, sondern sogar das letzte gesamt-jugoslawische Festival überhaupt. Daß dies in Sarajevo stattfand ist sicher kein Zufall. Es belegt vielmehr die Bedeutung, die diese Stadt für die jugoslawische Musikszen hatte.

Deshalb soll in der nächsten Folge auch auf die dortige Beatszene eingegangen werden.

Hier geht es zur Fortsetzung von Brüderlichkeit, Einheit und „Goldene Akkorde“ -Beat in Titos Jugoslawien Teil 3.

Der hier aktualisierte und erweiterte Beitrag erschien in seiner urspünglichen Fassung 2005 auf Germanbeat.info.