tito
Auch eine Form der Heldenvereherung: Tito in Gips

Was bitte hat Beat mit dem „ehemaligen Staat“ (Jugoslawien) zu tun ? Beat hat doch seine Wurzeln vor allem in Großbritannien?

Genau besehen stellte die britische Invasion wohl das erste Mal dar, dass ein Trend der Rock- und Popmusik von Europa nach Amerika (und nicht umgekehrt) wanderte. Beat fand jedoch nicht nur im anglo-amerikanischen Raum statt, sondern in allen Teilen Europas. Vielleicht waren es gerade die „europäischen Wurzeln“, die die Verbreitung des Beats im europäischen Raum begünstigten.

Deshalb ist es interessant, einmal einen Blick über den eigenen Tellerrand zu werfen. Und zu schauen, in welchen anderen Teilen Europas noch Beat gemacht wurde.

Besonders interessant sind hier die Länder, von deren Musikszene man nur wenig weiß. Nicht selten liegt das nämlich nur an Staats- und Sprachgrenzen. Aber nicht daran, dass es anderswo nichts zu entdecken gäbe. Ein Beleg hierfür ist die bunte Beatszene, die sich im damaligen Jugoslawien zu Titos Zeiten entwickelt hatte.

Beat als erster Schritt auf einem langen Weg

Beat ist, zusammen mit dem Rock’n’Roll, der Beginn einer internationalen eigenständigen Jugendkultur, die sich durch Musik ausdrückt, aber die weit über die Musik hinausgeht. Beat ist auch eine erste Wegstrecke auf einer langen Straße zu einer immer bunter werdenden Musikszene. Das gilt auch für Jugoslawien.

Was wenige wissen: Am Ende dieses Weges stand in Jugoslawien eine der buntesten Musikszenen Europas. (Die leider mit dem Land unterging.) Neben internationalen Trends, die schnell ihren Weg nach Jugoslawien fanden, gab es dort auch vieles Eigenständiges. Aber dazu später.

Erste Anfänge: Ein Elvis aus Belgrad und ein falscher Matt, der für einen echten Kaiser singt

Beat war anfangs ausschließlich Jugendkultur. Und Alternativkultur. Anders als heute hatten die Alternativkulturen früher aber keine eigenen Medien. Deshalb kann man zumindest als Nachgeborener, die ersten Anfänge des Beats in Jugoslawien heute nur mittelbar nachvollziehen.

Alle die sich mit dem Thema beschäftigen, sind sich jedoch offensichtlich einig, dass Beat (und vor ihm der Rock’n’Roll) sofort nach seiner Entstehung auch in Jugoslawien Anhänger gefunden hat. Auf einer, mittlerweile leider nicht mehr auffindbaren Homepage, die dem Thema gewidmet ist, hieß es dazu: „Rock’n’Roll was in late 50’s already in Ex Yugoslavia…. Ex-Yugoslavia was socialist country. But as far as I know, rock’n’roll was always part of the youth culture there“.

Etwas verschrobener, aber differenzierter (und wohl auch richtiger) liest sich das in einem, Mitte der 80-er Jahre erschienenen Sammelband über Subkulturen in Jugoslawien (Ljuba Trifunovic Potkulture u Jugoslaviji na razmedi kontrakulture i kulture -zu deutsch: Subkulturen in Jugoslawien zwischen Gegenkultur und Kultur, in „Potkulture 2“, Belgrad, 1986 ). Sozialistisch-soziologisch verquast heißt es da: „Die Jugendpopkultur wurde noch in der zweiten Hälfte der 50-er Jahre, also zu einer Zeit als das bürgerliche Modell der Kultur noch immer das einzig Anerkannte war, importiert. Sie wurde aus dem Kontext ihres Ursprungs (der die Teenagerfront im Ganzen, unabhängig vom sozialen Status, umfasste) herausgenommen und in relative kleine, studentische Kreise umgepflanzt.“

Mit anderen Worten: Während Rock’n’Roll sowie Beat in westlichen Ländern Phänomene waren, die insbesondere in der Arbeiterklasse stattfanden, waren sie, zumindest nach Auffassung dieses Autors, in Jugoslawien zuerst eine Erscheinung ausschließlich unter Studenten. Und die stammten zu dieser Zeit, Sozialismus hin, Sozialismus her, auch in Jugoslawien vornehmlich aus bürgerlichen Familien.

Aus der Vorbeatära zu nennen sind vor allem der bereits 1930 geborene „Belgrader Elvis“ Milan Lojpur und Karlo Metikos, der es 1961 unter dem Namen Matt Collins in Frankreich zu Ruhm und Plattenaufnahmen gebracht hat. Collins soll u. a. auch vor dem Schah und Kaiser Haile Selassie aufgetreten sein. (Apropos „ Haile Selassie „: Diesem hat ein anderer jugoslawischer Elvis, nämlich Elvis J. Kurtovic, ein Musiker der zur Sarajevoer Strömung der „Neuen Primitiven“ gehört, Jahre später ein Lied gewidmet.)

Atome und weiße Pfeile

Wer aber waren die ersten Beatbands in Jugoslawien ?

Wer als erstes Beat gespielt hat, liegt im Dunklen der Zeit. Wer jedoch die erste Beatplatte in Jugoslawien aufgenommen hat, ist bekannt. Es waren die Bijele Strijele („Die weißen Pfeile“). Diese Gruppe wurde 1961 gegründet. Anfangs spielte man Coverversionen von Cliff Richard und den Shadows (den Namen werden sie noch öfters lesen in diesem Beitrag!) sowie den Beatles. Später begannen sie, ihre eigenen Songs zu schreiben. Das erste Mal zusammen gespielt haben die „Weißen Pfeile“ übrigens bei einer „Arbeitsaktion“ ( radna akcija, für Wessies: kollektiver, meist nur theoretisch freiwilliger kollektiver Arbeitseinsatz von Schülern und Studenten während der Schul- oder Semesterferien).

Auf ihrer ersten Single nahmen sie 1963 bei der Plattenfirma „Jugoton“ zwei Songs aus fremder Feder auf. Nämlich Svi trece oko Sue (zu deutsch „Alle rennen Sue hinterher“) und Rastanak (zu deutsch: „Der Abschied“). Bei dem ersten Lied ist das Original schon anhand des Titels leicht zu erraten: Es ist Runnaround Sue. Hinter Rastanak verbirgt sich Sealed with a kiss.

Den Anfang machten also auch hier „eingemeindete“ Coverversionen. Peter Krauss lässt grüßen! In Deutschland bevorzugte man nach der Phase der eingedeutschten Coverversionen bei den Eigenkompositionen meist englische Text. Im Jugobeat und Jugorock dagegen sollte Englisch Gesungenes die Ausnahme bleiben.

Und wenn es so etwas doch gab, dann war es meist für den ausländischen Markt aufgenommen. Beipiele hierfür sind das Album Space Generation, auf dem Atomsko sklonište, die sich zu diesem Zweck in Atomic Shelter umbenannten, neun ihrer Songs in englischer Version aufnahmen, oder die ähnlich konzipierte, selbstbetitelte LP Wild Strawberries der Band Divlje Jagode , die zu diesem Zwecke ebenfalls unter der englischen Übersetzung ihres Namens fimierte. Auch die Band Azra brachte 1986 mit It Ain`t like the Movies at All in Doppelalbum mit englischen Versionen ihrer bekanntesten Lieder heraus.

Mehr für den einheimischen Markt gedacht war der in Englisch gesungenen Gastbeitrag von Eddy Grant, Sänger der Equals (das waren die mit Baby come back) auf dem Lied „Amsterdam“ der Belgrader Band Riblja čorba („Fischsuppe“).

Zagreb und Belgrad als Beatzentren

In den 70-ern, als die Musikszene immer bunter wurde, sollte Sarajevo, die multikulturelle Hauptstadt der Teilrepublik Bosnien und Herzegowina, zur unbestrittenen Musikmetropole Jugoslawiens aufsteigen. Was den Beat angeht, so scheint (ähnlich wie beim Jazz) in der Anfangszeit das kroatische Zagreb das Zentrum gewesen zu sein, zu dem sich bald in Belgrad ein zweiter Schwerpunkt entwickelte.

Die Zagreber Beat-Szene

Aus Zagreb kamen zum Beispiel die Atomi („Atome“). Diese (wie viele) stark von den Shadows beeinflusste Instrumentalband gründete sich 1961 und bestand bis 1964. Neben ihrer instrumentalen Arbeit begleitete die Gruppe auch das Vokalquartett Problem (Übersetzung wohl überflüssig) auf einer EP, die neben zwei Twistnummern auch einen Song namens Jurij Gagarin enthielt. Dieser Song ist ein Beleg dafür, dass man in Jugoslawien trotz der für ein sozialistisches Land relativ großen Offenheit gegenüber dem Westen auch in die Sowjetunion schaute.

Alleine dieses Lied wäre eine mehrseitige musikwissenschaftliche Analyse wert: Es fängt an im Stil von Telstar von den Tornados, dann wird es Russisch. Und wenn es Fahrt aufnimmt hört man wieder Shadows-artige Gitarren, später kommt dann – jetzt sind wir wieder im tiefen Osten – Kalinka, kalinka, kalinka moja ins Spiel. Eine Hymne an ein einen sowjetischen Weltraumhelden im US-Rockstil.

Alleine diese Lied sagt viel über Jugoslawien als Land zwischen den damaligen politischen Blöcken aus!

  • Der hier aktualisierte und erweiterte Beitrag erschien in seiner urspünglichen Fassung 2005 auf Germanbeat.info.

    Hier geht es weiter zur Fortsetzung von Brüderlichkeit, Einheit und „Goldene Akkorde“ -Beat in Titos Jugoslawien Teil 2.