Jugoslawische Bahnen als Politikum: Von der k.u.k.-Zeit bis in die 1980er

Wir hatten schon darüber berichtet: Jugoslawien war auch „Eisenbahnland“. Insbesondere Bosnien und Herzegowina ist wegen der dortigen Schmalspurbahnen interessant.

Wer mehr zu dem Thema lesen will, hat jetzt die Gelegenheit dazu. Gegenwärtig beschäftigt sich nämlich die in jeder gut sortierten Bahnhofsbuchhandlung erhältliche Sommerausgabe der immer lesenswerten Zeitschrift „BAHNEpochemit diesem Thema.

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Keine Techniklastigkeit

Keine Angst, es handelt sich dabei nicht um eine dieser techniklastigen Eisenbahnpublikationen, die man ohne Ingenieursstudium kaum gewinnbringend lesen kann, sondern um eine auch für „Normalleser“ verständliche Publikation. (Deshalb trägt die Zeitschrift auch den Untertitel  „Geschichte, Kultur und Fotografie der klassischen Eisenbahn„.)

Die Ausgäbe enthält gleich zwei Beiträge zu den bosnischen Schmalspurbahnen.

Der eine mit der Überschrift „Die Steinbeisbahn, eine `Waldeisenbahn` im politischen Streit“, gibt fundiert und anschaulich geschrieben einen Überblick über die Geschichte der Bahn. Dabei belegt er auch, dass „Österreich-Ungarn“ keineswegs ein monolither Block war, sondern dass es zwischen den beiden Machtzentren dieses Staates Interessengegensätze gab, die zum Beispiel bis zum Beginn der ersten Weltkriegs verhinderten, dass diese Waldbahn Passagiere befördern durfte.

Erlebnisbericht aus dem letzten Jahrhundert

Mit einem echten Juwel geht es weiter:

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„Dampf und Reise – Schmalspurig durch Bosniens Wälder“ ist der um Zusatzinformationen angereicherte Bericht einer Reise mit den dortigen Schmalspurbahnen, die österreichische Eisenbahnfreunde im Jahr 1966 unternommen haben, betitelt.

Wir wollen hier nur soviel verraten: Von zahlreichen technischen Details (von der „Vierlingslok 01-053“, der „vielleicht schönsten aller jugoslawischen Maschinen“), ist hier ebenso die Rede wie von dem „geheimnisumwitterten, orientalischen Bosnien„, und davon dass im Laufe der Zugfahrt „die Menschen, die man auf den Feldern und in den Zügen sah zunehmend bunter, bizarrer, fremder, folkloristischer wurden“.

Hier trifft also  Technik auf Lokalkolorit.

„Allgegenwärtigen Sicherheitsorgane“ vs. Train-Spoting

Nicht verschwiegen wird auch, dass Train-Spoting während des Sozialismus wegen der „allgegenwärtigen Sicherheitsorgane“ zumindest für Ausländer aus dem Westen eine riskante Sache war.

Dies haben wir selbst noch in den 1980er Jahren so erlebt. Ansonsten hätten wir diesen Beitrag mit Fotos des Autors garnieren können, die allerdings nicht in Bosnien, sondern im serbischen Smederevo, gemacht worden waren.

Zu sehen gewesen wären Normalspurlokomotiven, die auf die Verschrottung im dortigen Stahlwerk warteten.

Auch zwanzig Jahre nach dem Bericht, der nun in der „BAHNEpoche“ erschienen ist, durfte man jedoch nicht einmal zum Tode verurteilte Lokomotiven fotografieren:

Auf eindringliches Nachfragens wanderte der schon belichtete Film aus dem Fotoapparat des Verfassers, damals Student auf Jugoslawienreise, in der Jackentasche eines resoluten Uniformierten. Damit war jeder Missbrauch dieser möglicherweise kriegsentscheidenden Bilder verhindert, die Erinnerung an die abgebildeten Lokos aber auch für alle Zeiten im Orkus gelandet.

Das Bedauern über den Verlust der Bilder, die heute historische Aufnahmen wären,  hielt sich beim Studenten  direkt nach dem Vorfall übrigens in Grenzen: Immerhin hatte ihn der Uniformierte laufen lassen und ihm auch nicht den Pass bis zur Klärung des Sachverhaltes abgenommen. (Anderen ausländischen Hobbyfotografen, die wir getroffen haben, ist das durchaus passiert.)

Zurück zum Zeitschriftenbeitrag: Episoden wie diese machen deutlich, dass es sich bei dem Bericht, insbesondere aber auch bei den Bildern dazu,  um echte Fundstücke handelt!

Das Heft hat übrigens noch weitere Bezüge zum Sozialismus. so liest man aufeinem Foto aus der DDR auf S. 18:

„Hier arbeitet ein hervorragendes Schrankenwärterkollektiv!“

Und ab S. 50 wird detailliert die Geschichte einer Anfrage von Mao-China nach gebrauchten deutschen Dampfloks in den 1960ern dokumentiert.

Auch ansonsten gibt es gut gemachten Journalismus:  Zum Beispiel einen Artikel über den Bahnübergang (sic!) als langsam aussterbendes „Fossil“ des Eisenbahnwesens.

Schön, dass es noch solche (Print)Medien gibt!

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