Von ajnfor bis escajg: Deutsche Sprache leichte Sprache!??

Da Sie diesen Internetblog lesen, verstehen Sie vermutlich Deutsch. Wissen Sie aber auch, was „ajnfor“ oder „escajg“ ist?

Deutsche Wörter, die Deutsche – zumindest so – nicht unbedingt kennen

Viele Menschen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien glauben, dass Sie diese Wörter nicht nur verstehen, sondern auch ständig benutzen.

Denn mit solchen Wörtern macht zum Beispiel das Goethe-Institut in Sarajevo das Deutschlernen schmackhaft. Auf dem Plakat heißt es:

Weißt Du, wie man (zu diesen Dingen) auf Deutsch sagt?

Genauso!

Deutschlernen ist einfacher als Du denkst!

Fange noch heute das Lernen an!

Sie werden dabei als Beweis dafür angeführt, dass Deutsch gar nicht so schwer ist, weil man viele deutsche Wörter so oder so ähnlich schon aus der eigenen Sprache kennt.

Wörter wie ainfor oder escajg eben.

Oder auch frontšajbnica oder zihernadla.

Sie haben keine Ahnung, was das sein soll? Dann lesen Sie die mysteriösen Wörter doch zwei- bis dreimal laut. Meistens ist man dann der Lösung schon etwas näher.

Alte Wörter aus Haus, Hof, Handwerk „zurechtgebogen“

Helfen kann es, wenn man dabei folgendes weiß: Die Lehnwörter stammen meist aus einem antiquierten Deutsch (oder aus der österreichischen Variante des Deutschen). Das, was phonetisch herauskommt, muss deshalb nicht unbedingt so klingen wie ein aktuelles hochdeutsches Wort. Mit etwas Nachdenken kann man aber häufig den Sinn erraten. Wie bei escajg, zu dem einige auch beštek sagen.

Außerdem neigt man dazu, die Lehnwörter so „abzuschmirgeln“, dass sie in die eigene Sprache passen. So wie bei šaravzigr oder auch šaravziger.

Helfen kann es auch, zu wissen, dass viele dieser Wörter aus dem technischen, handwerklichen oder häuslichen Bereich stammen. So wie der auspuh oder der špored.

Deutsche Lebensart im Spiegel der Germanismen: Erst cajtnot, dann aber fajerond

Lehnwörter werden häufig für etwas verwendet, das einem fremd ist und dass man erst über die Begegnung mit Fremdsprachlern kennengelernt hat. Das Wort Computer im Deutschen ist ein Beispiel hierfür.

Und hier wird es philosophisch. Weil man anhand der Wörter, die man auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien aus dem Deutschen entlehnt hat, auch auf kulturelle Unterschiede schließen kann. So scheint man Cajtnot erst mit der Ankunft der ersten Deutschsprachler (vermutlich der Schwaben) auf dem Balkan kennengelernt zu haben. Weshalb man der Einfachheit halber gleich deren Wort dafür übernahm.

Womit nicht das Klischee von den nimmermüden Deutschen bedient werden soll. Es gibt nämlich auch ein Lehnwort, das belegt, dass Deutschland durchaus eine Freizeitkultur besitzt und es mit der Trennung von Arbeit und Entspannung sehr ernst meint.

Wer aufmerksam durch Ex-YU geht, wird bemerken, dass dort keine so deutliche Trennlinie zwischen Arbeits- und Freizeit gezogen wird. Bei der Arbeit telefonieren Schalterbeamte schon einmal unverhohlen (und vor wartendem Publikum) privat, während die soziale Situation zwingt, nach Arbeitsschluss noch zahlreichen anderen Nebentätigkeiten nachzugehen. Von der Nachbarschaftshilfe bis zur Schwarzarbeit sind hier die Grenzen fließend.

Maurer mögen zwar auch hier pünktlich mit dem Glockenschlag die Kelle fallen lassen, nehmen sie aber nicht selten wenig später an einem anderen Platz wieder auf. Dementsprechend stellt sich das weekend feeling selten ein, weil ständig ein Familienmitglied von einem Nebenjob kommt oder zu einem solchen geht, noch schnell im gemieteten Zweitgarten wässern muss  oder weil jemand anruft, weil er Unterstützung bei einer Arbeit braucht.

Ein beherztes Fajront, mit dem quasi naturgesetzlich alle Arbeit eingestellt wird, hat man deshalb in dieser Region allem Anschein nach erstmals aus einer deutschsprachigen Kehle gehört – und das Wort gleich in seinen eigenen Wortschatz integriert.

Dabei hat allerdings eine Bedeutungsverschiebung stattgefunden:

Fajront steht nämlich nicht für den kuscheligen Familienfeierabend auf der Couch, sondern für die unnachgiebige Ankündigung, dass eine Kneipe schließt. Anders als in seiner Ursprungssprache kündigt die entlehnte Version des deutschen „Feierabend“  also nicht etwas Positives an.

Germanismen auch in anderen slawischen Sprachen

Besonders viele Germanismen gibt es u.a. in der Vojvodina und im Norden von Kroatien. Deutsche Lehnwörter finden sich aber auch in anderen slawischen Sprachen. So soll der lederne Schutz des Hosenbodens von Bergleuten, der – keine Witz – in Deutschland übrigens nach DIN 23307, die den Titel „Gesäßleder für den Bergbau (Arschleder)“ trägt, geregelt ist, im Russischen оршледр  (Orschledr) heißen.

Auch in das Tschechische haben viele Germanismen Eingang gefunden. Dort findet sich  im Brünner Stadtdialekt  Hantec, neben so schönen Wörtern  wie erteple (Erdapfel = Kartoffel), ksicht (wohl keine Erklärung notwendig) und fachmon (wohl ebenfalls verständlich) auch unser persönliches Lieblingslehnwort, das aus dem Deutschen den Weg in eine andere Sprache gefunden hat, nämlich das schöne šalina

Das bezeichnet heute die Straßenbahn. Entwickelt hat es sich aber aus dem Wort „Elektrische Schienenbahn“. (Sagen Sie einmal 500 x hintereinander „Elektrische Schienenbahn“. Dann werden Sie verstanden haben, wie das Wort šalina entstanden ist.)

Ex-YU Germanismen wissenschaftlich und als Quizz

Zurück nach Ex-YU:

Wer mehr zur Entstehung der Germanismen in „B/K/S“ wissen möchte findet Informationen auf den Power-Point- Folien eines slawistischen Proseminars.

Und für die Quizfreunde hier ein Ratespiel (Die Auflösung findet sich auf Wikipedia.)

 

Wie lautet die deutsche Übersetzung folgender Germanismen?

Schwierigkeitsstufe „leicht“

  • adresirati
  • alpski
  • cu fuz – zu Fuß
  • gastarbajter
  • gelender
  • radkapa
  • rajsferšlus

Schwierigkeitsstufe „mittel“

  • braon
  • cajti
  • cušpajz
  • fergazer
  • fruštuk
  • hauzmajstor
  • ligeštul
  • rajsnegla
  • šlampača
  • špacirung

Schwierigkeitsstufe „schwer“

  • frontšajbnica
  • frtalj
  • fruštuk
  • frštuljiti
  • kredenac
  • krisban
  • mišafla
  • ofinger
  • tirac
  • zglajzati

Viel Spass!

Aber ich  muss jetzt los:

Špaciram na štrand jer tamo imam plac

 

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