H. Heines musikalischer Hit in Jugoslawien – Kulturaustausch Teil 2

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Schön  anzusehen, aber verlieben kann lebensgefährlich sein, wenn es die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht tolerieren.

Quellennachweis: Mario Borgoni [Public domain], via Wikimedia Commons

Goethe hat ein bosnische Ballade in die deutsche Sprache gebracht und ihr dadurch den Weg auch in anderen europäische Sprachen geebnet.

Deutsches Gedicht wird musikalischer „Hit“

Bei Heinrich Heine war es umgekehrt: Er schrieb ein Gedicht, das in das ehemalige Jugoslawien „wanderte“. Dort wurde es unter dem Titel „Kraj tanana sadrvana“ (Beim schmalen Brunnen) übersetzt und ist heute dort ein „Evergreen“, von dem es viele verschiedene Interpretationen gibt.

Das Originalgedicht von Heine kennt in Deutschland dagegen kaum jemand.Nicht nur der Prophet, sondern auch der Dichter gilt offenbar mehr im fremden als im eigenen Land.

Was ist „Sevdahlinka“?

Das Gedicht von Heine wurde bei diesem Transfer nicht irgendein Lied, sondern ein „Sevdalinka“.

Was aber – bitte – ist das: Ein Sevdalinka?

Wir wollen es hier kurz machen, da es, zumindest in englischer Sprache, ausführliche Erläuterungen an anderer Stelle gibt:

Das Wort „Sevdah“ stammt aus dem Arabischen und bezeichnet gleichermaßen Liebe und Liebesschmerz .(Glückliche Liebe scheint also nach dem „Sevdah-Konzept“ kaum vorzukommen!)

Nach diesem Gefühl wurden Liebeslieder, die Sevdalinka eben, benannt, die ursprünglich in den Städten, in den Kreisen wohlhabender muslimischer Bosnier gesungen wurden, später aber auch in anderen sozialen und nationalen Umgebungen gehört und – wir sind nicht in Deutschland- auch gesungen wurden und werden..

Ein „Sevdalinka“ ist also ein bosnischer Liebesblues in orientalisch geprägtem musikalischem Gewand. Melancholie und Wehmut in Musik.

Um welches Gedicht geht es?

Heinrich Heine gilt als letztere Romantiker. 1851 , fünf Jahre vor seinem Tod, verfasste er ein Gedicht über eine unglückliche Liebe. Da das Gedicht sehr kurz ist, hier keine gesonderte Inhaltsangabe, sondern gleich der Text:

 

Der Asra

Täglich ging die wunderschöne

Sultantochter auf und nieder

um die Abendzeit am Springbrunn,

wo die weißen Wasser plätschern.

 

Täglich stand der junge Sklave

um die Abendzeit am Springbrunn,

wo die weißen Wasser plätschern,

täglich ward er bleich und bleicher.

 

Eines Abends trat die Fürstin

auf ihn zu mit raschen Worten:

»Deinen Namen will ich wissen,

deine Heimath, deine Sippschaft.«

 

Und der Sklave sprach: »Ich heiße Mohamet

und bin aus Yemen,

und mein Stamm sind jene Asra,

welche sterben, wenn sie lieben.

 

Versuch einer Interpretation

Wie bei der (H)Asanaginica geht es hier also wiederum um den Tod als Folge der Liebe.

Der Satz, dass die Angehörigen des Stammes Azra immer sterben, wenn sie lieben, geht auf den Mythos zurück, dass die jungen Männer des Stammes der Asra im Falle einer unglücklichen oder unerfüllten Liebe den Tod in der Wüste oder im Krieg suchen, da dieser für sie leichter zu ertragen sei als ein Leben ohne Liebe.

Aufgrund der geschilderten konkreten Situation kann man die Antwort des Mohamet jedoch auch als dezenten Hinweis darauf verstehen, dass er, als Sklave, es nicht überleben würde, wenn die wunderschöne Sultanstochter anderes mit ihm im Sinne hätte als seine Herkunft zu erfahren.

Eine weitere Interpretation findet sich hier.

Wie wurde dieser Text zu einen bosnischen?

Kaum ein deutscher Schriftsteller wurde so oft übersetzt wie Heinrich Heine. Alleine das Gedicht „Der Aszar“ wurde mehrfach in das Bosnisch-Kroatisch-Serbische übertragen. Das mag nicht zuletzt auch an dem „setting“ der Handlung liegen, das gut auf den Balkan passt.

Heine wurde selbst durch arabische Quellen inspiriert. Deshalb handelt es sich bei der Verbreitung in Bosnien und Herzegowina also um eine Art „Re-Import“ in den muslimischen Bereich

Als der Text einmal übersetzt war, war der Weg zu einem Sevdalinka eigentlich fast zwangsläufig. Die Geschichte hat nämlich alles, was es für ein solches braucht. Vor allem ist das Gedicht traurig und lässt nicht den geringsten Raum für Hoffnung auf ein Liebes-Happy-End. Und kurz ist es auch noch

Zur Frage, wie es genau nach Bosnien gekommen ist und wer es übersetzt hat, lassen sich verschiedene, wohl vorschnelle Antworten finden. Zumindest, wenn man Ottmar Pertschie: „Der Asra“ – ein bosnisches Volkslied und/oder eine Übersetzung aus Heine? : zu einem ungeklärten Thema. In: Jospeph A. Kruse (Hrsg.): Heine-Jahrbuch Bd. 40. Metzler, Düsseldorf 2001, S. 129-135d, folgt, ist jedoch noch einiges unklar.

Rezeptionsgeschichte

 Literarisch Interessierte werden zu der Frage, wie der Asra nach Ex-Jugoslawien gekommen ist, auf diese Quelle verwiesen. Hier folgen stattdessen Wegweiser zu Quellen, an denen man erfahren (und selbst hören) kann, was dort aus dem Asra geworden ist.

 Traditionelle Versionen

  • Wohl am bekanntesten ist die Version von Hanka Paldum, der Grande Dame des Sevdalinka. (Vorsicht: Für viele deutsche Ohren ist diese Version sicher zu getragen und zu gefühlvoll.)
  • Dieselbe Interpretin, dasselbe Arrangement, dieses Mal aber mit dem Originaltext von Heinrich Heine
  • Wenn Hanka Paladum „Mrs. Sevdalinka“ ist, dann war Himzo Polovina „Mr. Sevdalinka“. Im Hauptberuf promovierter Psychiater sang er die bekannteste männlicher Version. Die Hörer erwartet hier ein traditionelles Arrangement mit kräftiger Männerstimme.

Jazz-Versionen

Im Gefolge von Paladum und Polovina sind viele ähnliche Einspielungen entstanden. Zu ganz anderen musikalischen Genres gehören jedoch die folgenden Versionen.

  • Die Band “Sarajevo Jazz Guerrilla feat Banda” bietet nach einem George-Winston-mäßigen Klavierintro ausdrucksstarker Gesang, der zwischen orientalischen Tonabständen und Bargesang jongliert
  • In eine ähnliche musikalische Richtung gehen das Sinan Alimanovic – Trio & Faruk Jazic. Sie überzeugen durch ein starkes Zwiegespräch zwischen Jazzgitarre und Piano, die eine rauchige Stimme umspielen. Ein swingender Jazzbesen am Schlagzeug gibt das Fundament dazu.
  • Das Marija Sestic & DrAmmarProject lassen ihre Version mit einer Jazzgitarre zwischen Orient und Montreux beginnen. Dann steigt ein Akkordeon ein, das sich vom landestypischen hin zum modernen vorarbeitet. Und wenn Schlagzeug und Stimme dazu kommen, dann swingt und groovt es einfach nur!

Andere Musikstile

  • Wer Baden Powell und ähnliches hören, wird an der Instrumentalversion von Boško Jović seine Freude haben.
  • Schließlich hat das Lied sogar einer Bande, einer der bekanntesten Jugoslawiens übrigens, den Namen gegeben: Azra. Von deren Sänger Branimir „Johnny“ Stulic, gibt es eine Soloversion, allerdings mit einer gewöhnungsbedürftigen Abmischung, in der Töne mitunter von einem Kopfhörer zum anderen zu springen scheinen, Und der manierierte Gesang, ansonsten ein prägnantes Markenzeichen des Sängers, ist hier für den einen oder anderen sicher hart an der Grenze – oder darüber.
  • Mit den obigen Beispielen sind die musikalischen Möglichkeiten noch nicht ausgelotet. Der Autor dieses Blogs beispielsweise interpretiert den Asra zur Gitarre schon einmal als klassischen Zwölf-Takt-Blues, aufgepeppt um einen Quick Change-Akkord-Wechsel im zweiten Takt.

 

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