Goethe goes to Bosnia: Kulturaustausch Teil 1

Topana08557
Überreste einer osmanischen Festung in Imotski, Ort der Handlung der  „Goethe-Rap-Ballade“ von der Hasaniginica  (Quelle; Wiki Commons, By Anto (talk))

Goethe goes to Bosnia

Goethe, Heine und noch ein Deutscher: Bosnische und deutsche Literatur im Austausch – Teil 1

Was verbindet Goethe mit einem bosnischen Rapsong aus den 80-ern? Mehr als man denkt!

Zugegeben, zwischen der bosnischen und der deutschen Literatur gibt es – vor allem in der Ost-West-Richtung – wenig Austausch. Jedoch gab es einige Fälle, in denen nicht nur Werke aus der einen in die anderen Sprache übertragen wurden, sondern darüber hinaus in ihrem „Zielgebiet“ erhebliche Wirkung entfaltet haben.

Texte wandern von Ost nach West und umgekehrt

Dort, wo dies stattfand, geschah dies unter Beteiligung herausragender Prominenter. Auf deutscher Seite sind dies keine geringeren als Heinrich Heine und – the man himself, der Dichter aller Dichter – Johann Wolfgang von Goethe.

Auch im Bereich der Schlager- und Popmusik gab es kulturellen Transfer zwischen beiden Ländern. Hierbei war der literarischen Rang des deutschen Beteiligten jedoch etwas geringer. Es war nämlich von Drafi Deutscher, der einen wichtigen Input für die bosnische Popmusik gab. Dafür gehören in diesem Fall die Beteiligten auf bosnisch-herzegowinischer Seite zur absolut ersten Garde ihres Genres! (Dazu später. Für Eingeweihte hier schon ein erster Hinweis: Auch hier war der „Weiße Knopf“ am richtigen Platz!)

Goethe „übersetzt“ bosnische Ballade

Das erste Beispiel für die Wanderung eines Textes aus einem Land in das andere (und von einer Sprache in die andere) ist die bosnische Ballade Hasanaginica, die unter Goethes Feder als „Klagelied von der edlen Frauen des Asan Aga“ Eingang in die deutsche Literatur fand.

Bosnisches Klagelied über Ereignisse in Kroatien, oft auch der serbischen Literatur zugerechnet

Die Vorlage für diese Ballade stammt aus der Gegend von Imotski, das heute in Kroatien liegt, aber damals zum osmanischen Reich gehörte. Dies, die Eigennamen der handelnden Personen und der Umstand, dass ein bošnjakischer (also: ein bosnisch-muslimischer) Autor als Urheber vermutet wird, machen es zu einem Stück der bosnischen (und nicht der kroatischen) Literatur. Später werden wir noch hören, dass die Hasanaginica auch als Teil der serbischen Literatur angesehen wurde.

Alles sehr schwierig, zumindest, wenn man es gerne schwierig mag. Wenn man anerkannt, dass die genannten Sprachen/Sprachvarianten ähnlich sind, dann ist es allerdings gar nicht so kompliziert, Schließlich sind aus Hamburger Sicht die fränkischen Mundartstücke von Fitzgerald Kusz auch ein Teil der bayerischen Literatur.

Worum geht es in der Ballade?

Der Text der deutschen Übersetzung der Ballade findet sich entweder hier  oder ganz am Ende dieses Textes.

Für die Eiligen hier eine, allerdings subjektive Zusammenfassung:

Kein Besuch bei verwundetem Ehemann

  •  Feldherr Aga Asan (bei Goethe; im Original heißt er Hasanagan) liegt nach einem Krieg (auf dem Balkan gab es viele davon) verletzt in seinem Zelt. Dort wird er von zahlreichen Verwandten besucht. Nicht jedoch von seiner eigenen Frau. Die, von der man übrigens keinen Eigennamen erfährt, weigert sich nämlich, zu ihm zu kommen.
  • Warum das?
  • Es scheint keine persönliche Sache zu sein, sondern es hat mit tradierten Verhaltensweisen und starren Regeln zu tun. Zwei Erklärungsmodelle bieten sich an: So könnte es damals unschicklich gewesen sein, dass eine Frau ihr Haus verlässt, oder ihren Ehemann – auch wenn sie ihm schon fünf Kinder geboren hat! – in einem so jämmerlichen Zustand sehen würde.

Scheidung als Strafe und baldige Wiederverheiratungspläne

  • Hasanagan sieht dies jedoch anders. Kaum ist er einigermaßen genesen, setzt er sich hin, verfasst den Scheidebrief und verstößt seine Ehefrau.
  • Hasanaginica ist von Gram gebeugt, auch weil sie ihre fünf Kinder bei ihrem bisherigen Ehemann zurücklassen muss. Ihr Bruder dagegen möchte sie an einem neuen Ehemann verheiraten und leitet trotz des Widerstandes von Hasanaginica die Hochzeitsvorbereitungen ein.
  • Vor der Hochzeit schwant der Braut wider Willen Böses, vor allem, weil der Hochzeitszug an dem Haus ihres Ex-Mannes vorbeiführt.

Tödliches show-down vor dem früheren Familienwohnsitz

  • Deshalb bittet sie um einen Schleier, damit sie ihre Kinder nicht sehen muss, und auch nicht von diesen erkannt wird. Dieser Wunsch wird ihr gewährt.
  • Als sie dann am Haus vorbeikommen, kommt es dennoch, wie es kommen muss: Trotz der Schleiers wird von ihren Kindern erkannt und sie rufen ihr zu. Nun kann sie nicht an sich halten und lässt den Zug stoppen, um ihre Kinder zu beschenken. (Vorher sie nun auf einmal die Geschenke hat, bleibt allerdings unklar…).
  • Hasanagan sieht dies und ruft seine Kinder zurück, weil das Herz ihrer Mutter „zu Eisen geworden“ und sie selbst „mittleidlos geworden“ sei.
  • Die Kinder befolgen die Aufforderung ihres gestrengen Vaters, was die Mutter so sehr trifft, dass sie auf der Stelle stirbt.

Was will uns der Dichter damit sagen?

Über die Botschaft dieser Ballade kann man lange spekulieren. Wer dazu Lust hat, findet im Internet reichhaltig Nahrung, einschließlich einer detaillierten Analyse der verschiedenen sprachlichen Fassungen und Übersetzungen eines Dr. Franz Mikolisch, der im Jahre 1883 feststellt, dass es sich um einen „der Kritik sehr bedürftigen Text“ handeln würde.

Manche vergleichen die Geschichte mit derjenigen von Romeo und Julia. Zu dieser dürfte jedoch ein wesentlicher Unterschied bestehen: Romeo und Julia scheitern letztendlich an äußeren Zwängen. Bei Hasanagan und seiner Frau ist es eher der Umstand, dass sich die beiden in unterschiedlichem Maße von alten Wertvorstellungen verabschiedet haben.

Inkonsequent befolgte Werte führen zu Konflikt

Und das führt zu einem Paradoxon: Hätten sie sich beiden vollständig nach den herrschenden Wertvorstellungen verhalten, so wäre es ebenso wenig zu dem tragischen Ende gekommen, wie dann, wenn sie vollständig mit diesen gebrochen hätten.

Im erster Falle hätte Hasanagan nämlich einfach akzeptiert, dass seine Frau die strengen gesellschaftlichen Konventionen zu befolgen hat, und wäre zu ihr zurückgekehrt, nachdem seine Wunden ausgeheilt waren. Er hätte mithin einfach akzeptiert,dass die Regeln der Gesellschaft stärker sind als seine persönlichen Bedürfnisse und Wünsche.

Dadurch, dass er sich seine Frau während seiner Verwundung an seiner Seite gewünscht hat, hat er also gegen die Regeln seiner Zeit verstoßen. Wenn man so will, hat er sich als moderner Mann erwiesen, der bereit ist, auch dann zu seinem emotionalen Bedürfnissen zu stehen, wenn dies gegen gesellschaftliche Konventionen verstößt.

Wäre er sich jedoch vollständig der Härte und Menschenfeindlichkeit dieser Regeln, bewusst gewesen, dann hätte er Verständnis für das Verhalten seiner Frau zeigen müssen. Insbesondere aber hätte er wohl die Beschenkung der Kinder als das erkennen können, was es war: ein Zeichen des Gefühls und der Liebe, nicht ein Indiz für ein Herz aus Eisen und Mitleidslosigkeit.

Hasanaginica machte nur einen Fehler

Hasanaginica macht einen Fehler, der ihr jedoch von den herrschenden Normen diktiert wird: Sie besucht ihren verwundeten Mann nicht. Bezüglich des Restes der Ereignisse ist sie Objekt und Spielball des Willens der anderen. Sie fügt sich so lange in ihr Schicksal, wie sie – was sie bewusst vermeiden wollte – direkt mit ihren Kindern konfrontiert wird. In diesem Rahmen handelt sie dann wieder selbstbestimmt indem sie diese beschenken will.

Ihr Verhalten ist also, abgesehen von der Ausgangssituation, durchaus verständlich.

Hasanagan macht dagegen mehrere Fehler

Anders bei Hasanagan: Bereits das Ausstellen des Scheidebrief ist eine harte Sanktion. Er versagt jedoch völlig als er seiner Exfrau Mitleidlosigkeit in einer Situation vorwirft, wo diese den Kindern, die durch das sein Verhalten von ihr getrennt sind, ihre Zuwendung zeigen wollte.

Hasanagan ist also entweder jemand, der sich erst teilweise von den eigenen Konventionen befreien konnte. Oder aber er ist Egozentriker, der sich vor allem von seiner eigenen Verletztheit leiten lässt.

Wissenschaftlicher Erklärungsversuch: Umbruchzeit führt zu Brüchen

Die Handlung und die vermeintlichen Motive der Handelnden machen einen etwas ratlos, Etwas verständlicher werden sie, wenn man die „komplexe soziokulturelle Grammatik“ mitbedenkt, wie dies Mirianda Jakiša und Christoph Deupmann in ihrer trotz des etwas lange geratenen Titels „Die stolze Scham der Hasanaginica – Goethes Klagegesang von der edelne Frau des Asan Aga und die südslavische Vorlage als Archiv kultursynkretischer Prozesse“ sehr erhellenden Arbeit anraten.

Hier einige der Kerngedanken aus diesem Aufsatz:

Dreh- und Angelpunkt der Handlung sei die „rätselhafte Scham und die darauf erfolgende Verstoßung der Frau(die) den ganzen, letztlich tödlichen Handlungsprozess in Gang“ setzt (S. 384). Dabei sei diese Scham „verständlich und unverständlich zugleich“ (S. 387). In den damaligen Zeiten der Islamisierung hätten sich in Bosnien und Herzegowina „im Kontakt disparater Kulturen nicht ohne weiteres zu schließende Brüche“ (S. 391) ergeben und zu einer „Kollision unvereinbarer Normen“ (aaO) geführt.

Erwartung an Ehefrau derjenigen im Westen diametral entgegengesetzt

Einer dieser Kontraste besteht darin, so weiter, dass in den südslawischen Heldenepen die Rolle der Frau diametral anders interpretiert wird, als nach dem ritterlichen Lebensideal des Westens. Während nach dem letzteren es „der Frau geradezu zur Hauptpflicht auferlegt wird, den kranken Gatten zu pflegen, … ist es hier gerade umgekehrt“ (S. 391, dort Anm. 40.). Dort gäbe es nämlich eine „Scheu der Frau vor dem Anblick des versehrten, hilflosen und schwachen Mannes“ (S. 391).

Reste körperfeindlichen Christentums spielen eine Rolle

Dieser kulturelle Hintergrund wird noch weiter ausgeführt. U.a. wird erwähnt, dass die bosnisch-muslimische Auffassung von der Mann-Frau-Beziehung damals liberaler als diejenigen der christlichen Konfessionen gewesen sei. Bei letzteren sei die Beziehung zwischen Mann und Frau als „sündhafter Tatbestand“ (S.392) abgestempelt worden, was sogar dazu geführt habe, dass man weder den Namen des anderen noch die Beziehung als „Ehemann“ oder „Ehefrau“ verwandte, nur um keine Hinweis auf – auch körperliche – Nähe zu geben. Vor so einem Hintergrund ist es in der Tat nachvollziehbar, dass man den Ehemann nicht in verwundetem Zustand besuchen darf. Wer nach außen jeden Anschein der Vertrautheit vermeiden möchte, wer sich nicht einmal beim Vornamen nennt, der besucht sich auch nicht in Lazarett.

Die These von Jakiša/Deupmann muss nicht zutreffend sein. Aber auf ihrer Grundlage würde auf einmal „ein Schuh“ aus der ganzen Geschichte: Hasnaginica hat sich noch nicht von den Resten der körperfeindlichen christlichen Sozialisation gelöst, und kann deshalb die Erwartungshaltung ihres Mannes nicht erfüllen.

Manchen mag es in der heutigen Zeit mit ihrem einseitigem Bild vom Islam verwundern, dass dann dieser Annahme der Islam liberaler sein soll als das Christentum. Jedoch sei daran erinnern, dass es im Islam durchaus Zeiten und Strömungen gab, in denen man em Christentum in punkto vorbehaltlosem Verhältnis zur Erotik einigen voraus war. Ähnliches gab es auch bezüglich der Wissenschaft.

Wieso konnte Goethe das überhaupt übersetzen?

Damit sind einige, aber noch nicht alle, diesbezüglichen Fragen beantwortet. Der Aufsatz bietet Argumente und Vorschläge für mögliche weitere.

Wenden wir uns nun einem anderen Punkt zu: Wie konnte Goethe die Ballade überhaupt übersetzen?

Um es klar zu sagen: Er konnte es nicht!

Nachdichtung, keine Übersetzung

Anders als Jacob Grimm und Wilhelm von Humbold hatte er nämlich keine Kenntnisse der bosnisch-serbisch-kroatischen Sprache (die die Betroffenen aufgrund ihrer Kontakte zum serbischen Gelehrten Vuk Stefanović Karadžić wohl „Serbisch“ genannt hätten).

Deshalb benutzte Goethe als Ausgangstext eine bereits bestehende deutsche Übersetzung, die von Clemens Werthes stammte, der sich jedoch teilweise vom Original entfernte. Daneben legte sich Goethe das Original, das er zwar nicht verstand, aber so in seinem Rhythmus nachempfinden konnte. Es handelt sich bei Goethes Text also um eine „Nachdichtung unter Hinzuziehung des südslawischen Originals“, so Gabriella Schubert in  ihrem lesenswerten Aufsatz „ Das „goldene Zeitalter“ deutsch-südslawischer, insbesondere deutsch-serbischer kultureller Wechselbeziehungen. Motivationen und Wirkungen“.

Das Ergebnis war offensichtlich besser als die Vorlage von Werthes. Schubert drückt das, sehr wissenschaftlich, so aus, dass Goethe „ohne jede Kenntnis der Originalsprache, aber intuitiv mit einem Gefühl für den ursprünglichen Duktus“ gearbeitet, und anders als Werthes sogar das ursprüngliche Betonungsschema getroffen habe.

Rezeptionsgeschichte

Der merkwürdige Stoff der Ballade hat auch Autoren aus anderen Ländern zu eigenen Übersetzungen und Nachdichtungen veranlasst. Dazu gehören unter anderem, so Vasa D. Mihailovich in der Fachzeitschrift „Serbian Studies“, die von der Nordamerikanischen Gesellschaft für serbische Studien herausgegeben wird, mindestens zwanzig Übersetzungen in das Englische.

Hasanaginica als europäischer Hit

Unter den Autoren dieser Texte sind auch so prominente wie Walter Scott. Der Schotte war weltweit einer der meistgelesenen Autoren seiner Zeit und mancher männliche Leser wird sich noch daran erinneren, dass er dessen historischen Roman Ivanhoe mit glühenden Ohren gelesen hat.

Die hohe Zahl dieser Übersetzungen, besser Nachdichtungen, alleine in das Englische (es gibt auch welche in Italienisch und Französisch, um nur zwei weitere Beispiele zu nennen), zeigt jedoch, wie umfassend sich diese kleine Geschichte aus Imotski in den kulturellen Kreisen in Europa verbreitete. Wenn man dann noch bedenkt, dass damals vermutlich viel mehr Menschen Lyrik und Balladen gelesen haben, als dies heute der Fall ist, dann lässt sich sagen, dass die Hasanaginica sich zum europäischen Hit mauserte.

Nachdichtungen im Westen aus Respekt vor Goethe, nicht als Liebe zu Bosnien

In der Heimat dieser Ballade ist man deswegen sehr stolz und sieht das vor allem als Beleg für die eigene Bedeutung. Hier gießt allerdings die eben schon zitierte Vasa D. Mihailovich Wasser in den Wein. Sie ist nämlich (S. 66 ihres oben genannten Aufsatzes) der Meinung, dass die Nachdichtungen der anderen europäischen Dichter nicht wegen der Begeisterung zu Land und Leute der Handlung, sondern wegen aus Anerkennung vor dem deutschen „Interpreten“ entstanden sind. Sie schreibt nämlich:

I believe that they have translated it mainly as a tribute to Goethe.

 „It`s the singer, not the song“, würden die Rolling Stones sagen

Auch bei Goethe war es, zumindest nach Auffassung der Slawistik-Professorin Gabriella Schubert, weniger das geografische Umfeld als die Ballade selbst, die ihn zu seiner Nachdichtung veranlassten, Sie schreibt dazu nämlich:

 Auch Goethes Übersetzung der Hasanaginica muss als rein zufällig angesehen werden – zufällig in dem Sinne, dasss er dazu .. nicht durch ein besonderes Interesse an den Südslawen sondern durch die subjektive Empfindung einer ihn besonders ansprechenden Lyrik motiviert war.

Dennoch attestiert sie der Nachdichtung von Goethe eine sehr breite Wirkung.

U.a. sei durch sie der fünffüßige Trochäus in der deutschen Dichtung üblich geworden. Außerdem zitiert sie einige Ausschnitte aus nachfolgenden deutschen Gedichten (Zelt des Vesirs, Ist`s ein Schwan, der flügelhängend trauert?), die nahelegen, dass hier Elemente aus der Hasanaginica nachwirken.

Im ehemaligen Jugoslawien: Hasanaginica an vielen Ecken

Im ehemaligen Jugoslawien gehörte die Ballade in vielen Schulen zum Pflichtstoff. Deshalb können auch heute noch viele dort zumindest die Anfangszeile ohne großes Nachdenken auswendig rezitieren. Kein Wunder, da man auch heute an der Hasanaginica im Kulturbetrieb dort kaum vorbei kommt: Es gibt Bühnenadaptionen der Ballade, Filme auf dieser Basis und Rezitationen.

Hasnaginica auch am Untergang des Rock`n`Roll beteiligt

Die bei weitem pfiffigste Version stammt jedoch aus dem Alternativkulturfilm „Kako je propao Roc`k`n`Roll“ (Wie der Rock`n`Roll zugrunde ging) aus dem Jahr 1989 (übrigens dasselbe Jahr, als Jim Jarmusch seinen Mystery Train herausbrachte; beide Filme würden hervorragend in ein Double-Feature passen. Dort wird der Anfang der Ballade als Rap dargeboten – begleitet von einer, im Turboflok weit verbieteten Brachialziehharmonikas:

Dem Autor diese Zeilen gefällt übrigens eine andere musikalische Ausgestaltung besser. Beide Texte, das Original und die Nachdichtung von Goethe, lassen sich nämlich hervorragend zur Musik von „House of the Rising Sun“ singen oder rezitieren. (Der Umstand, dass beide Versionen im selben Rhythmus dargebracht werden können, belegt übrigens, dass es Goethe wirklich hervorragend gelungen ist, den Rhythmus und die Struktur des Originals beizubehalten.)

Goethes deutsche Nachdichtung im Wortlaut

Klagegesang der edlen Frau des Asan Aga

Was ist Weißes dort am grünen Walde?

Ist es Schnee wohl, oder sind es Schwäne?

Wär es Schnee, er wäre weggeschmolzen;

Wären’s Schwäne, wären weggeflogen.

Ist kein Schnee nicht, es sind keine Schwäne,

‘s ist der Glanz der Zelten Asan Aga.

Nieder liegt er drin an seiner Wunde.

Ihn besucht die Mutter und die Schwester;

Schamhaft säumt sein Weib, zu ihm zu kommen.

Als nun seine Wunde linder wurde,

Ließ er seinem treuen Weibe sagen:

»Harre mein nicht mehr an meinem Hofe,

Nicht am Hofe und nicht bei den Meinen.«

Als die Frau dies harte Wort vernommen,

Stand die Treue starr und voller Schmerzen,

Hört der Pferde Stampfen vor der Türe,

Und es deucht ihr, Asan käm, ihr Gatte,

Springt zum Turme, sich herabzustürzen.

Ängstlich folgen ihr zwei liebe Töchter,

Rufen nach ihr, weinend bittre Tränen:

»Sind nicht unsers Vaters Asan Rosse,

Ist dein Bruder Pintorowich kommen!«

Und es kehret die Gemahlin Asans,

Schlingt die Arme jammernd um den Bruder:

»Sieh die Schmach, o Bruder, deiner Schwester!

Mich verstoßen, Mutter dieser fünfe!«

Schweigt der Bruder, ziehet aus der Tasche,

Eingehüllet in hochrote Seide,

Ausgefertiget den Brief der Scheidung,

Daß sie kehre zu der Mutter Wohnung,

Frei, sich einem andern zu ergeben.

Als die Frau den Trauerscheidbrief sahe,

Küßte sie der beiden Knaben Stirne,

Küßt’ die Wangen ihrer beiden Mädchen.

Aber acht vom Säugling in der Wiege

Kann sie sich im bittern Schmerz nicht reißen!

Reißt sie los der ungestüme Bruder,

Hebt sie auf das muntre Roß behende,

Und so eilt er mit der bangen Frauen

Grad nach seines Vaters hoher Wohnung.

Kurze Zeit war’s, noch nicht sieben Tage;

Kurze Zeit gnug; von viel großen Herren

Unsre Frau in ihrer Witwentrauer,

Unsre Frau zum Weib begehret wurde.

Und der größte war Imoskis Kadi;

Und die Frau bat weinend ihren Bruder:

»Ich beschwöre dich bei deinem Leben,

Gib mich keinem andern mehr zur Frauen,

Daß das Wiedersehen meiner lieben

Armen Kinder mir das Herz nicht breche!«

Ihre Reden achtet nicht der Bruder,

Fest, Imoskis Kadi sie zu trauen.

Doch die Gute bittet ihn unendlich:

»Schicke wenigstens ein Blatt, o Bruder,

Mit den Worten zu Imoskis Kadi:

Dich begrüßt die junge Wittib freundlich

Und läßt durch dies Blatt dich höchlich bitten,

Daß, wenn dich die Suaten herbegleiten,

Du mir einen langen Schleier bringest,

Daß ich mich vor Asans Haus verhülle,

Meine lieben Waisen nicht erblicke.«

Kaum ersah der Kadi dieses Schreiben,

Als er seine Suaten alle sammelt

Und zum Wege nach der Braut sich rüstet,

Mit den Schleier, den sie heischte, tragend.

Glücklich kamen sie zur Fürstin Hause,

Glücklich sie mit ihr vom Hause wieder.

Aber als sie Asans Wohnung nahten,

Sahn die Kinder obenab die Mutter,

Riefen: »Komm zu deiner Halle wieder!

Iß das Abendbrot mit deinen Kindern!«

Traurig hört’ es die Gemahlin Asans,

Kehrete sich zu der Suaten Fürsten:

»Laß doch, laß die Suaten und die Pferde

Halten wenig vor der Lieben Türe,

Daß ich meine Kleinen noch beschenke.«

Und sie hielten vor der Lieben Türe,

Und den armen Kindern gab sie Gaben;

Gab den Knaben goldgestickte Stiefel,

Gab den Mädchen lange, reiche Kleider,

Und dem Säugling, hülflos in der Wiege,

Gab sie für die Zukunft auch ein Röckchen.

Das beiseit sah Vater Asan Aga,

Rief gar traurig seinen lieben Kindern:

»Kehrt zu mir, ihr lieben armen Kleinen;

Eurer Mutter Brust ist Eisen worden,

Fest verschlossen, kann nicht Mitleid fühlen.«

Wie das hörte die Gemahlin Asans,

Stürzt’ sie bleich, den Boden schütternd, nieder,

Und die Seel entfloh dem bangen Busen,

Als sie ihre Kinder vor sich fliehn sah.

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