Abwehrkampf gegen die Osmanen: Unbekannter Krisenherd Mazedonien – Teil 3

 

Bulgaria-1371
Vormarsch der Osmanen am Beispiel Bulgariens nach 1371: Die roten Pfeile zeigen die Stossrichtung der Truppen

 

Bildquelle: von User:Kandi (User:Kandi) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Ab Mitte des 14. Jahrhunderts expandierten die Osmanen gegen Westen. Dabei hatten sie allerdings einige Widerstände zu überwinden. Von der Liga von Lezha war schon die Rede. Die Schlacht auf dem Kosovo (Amselfeld) 1389 ist weithin bekannt. Sie war aber nicht die einzige (vergebliche) Abwehrschlacht gegen die Osmanen.

Schlacht an der Mariza: Zu Unrecht weithin vergessen

Die heutige EJR Mazedonien war die südöstlichste Teilrepublik des späteren Jugoslawiens. Deshalb war deren Gebiet als erstes von den anrückenden Osmanen betroffen. Eine der ersten militärischen Auseinandersetzung mit den Osmanen in der geografischen Region Mazedonien/Makedonien stellte bereits im Jahr 1371 die Schlacht an der Mariza dar.

Wenn man versucht, deren Hintergründe unter Bezugnahme auf die heutige staatliche Zugehörigkeit  der jeweiligen Orte der Handlung zu schildern, ergibt sich wiederum ein verwirrends Potporri.

Feldherr aus der Herzegowina als „Herr von Griechenland“

Zentrale Figuren dieser Schlacht sind die Brüder Jovan Uglješa und Vukašin Mrnjavčević. Jovan wurde in Trebinje in der Herzegowina geboren, die heute zu Bosnien und Herzegowina gehört, damals aber Bestandteil des serbischen Reiches war.

Er brachte es, ebenso wie sein Bruder, zum Despoten. „Despotisch“ steht heute im Deutschen für „willkürlich“ oder „tyrannisch“. Vermutlich waren die beiden Herren keine lupenreinen Demokraten, aber ganz so schlimm müssen sie nicht gewese sein.

Tatsächlich bedeutet „Despot“ nämlich nichts anderes als „Herrscher“. Vielleicht sollte man sagen „Herrscher 2. Grades“ oder „Teilherrscher“? Despoten waren nämlich Herrscher bestimmter Gebiete, die über sich noch den Zaren hatten. Ihre Stellung war ein bisschen so wie die eines, für eine bestimmte Region zuständigen Franchisenehmers, der in seinem Gebiet auch nicht schalten nd walten kann wie es ihm gefällt.

In der konkreten Situatin schwächlte der „Franchisegeber“ allerdings etwas. Zar Stefan Dušan war nämlich verstorben.Uglješa tat sich nach dessen Tod politisch mit Jelena, der Witwe von Stefan Dušan zusammen und gemeinsam konnten sie sich als Teilherrscher von Makedonien – gemeint ist hier die geographische Region, nicht das Staatsgebiet der heutigen EJR Mazedonien – etablieren. Seine Ambitionen gingen noch weiter: er nannte sich nämlich auch „Herr von Griechenland“.

Gemeinsam mit seinem Bruder schmiedete er eine christliche Allianz, die sich am Fluss Mariza den Osmanen entgegenstellte. Bezüglich der Schlacht gibt es zu einigen Punkten unterschiedliche Darstellungen (dazu unten sogleich noch mehr).

Einigkeit herrscht jedoch darüber, dass es sich um eine sehr bedeutende Schlacht handelt, deren Auswirkungen möglicherweise sogar noch diejenigen der Schlacht auf dem Amselfeld übersteigen. Für die geographische Region Mazedonien (und damit auch für das Gebiet, das heute die EJR  Mazedonien bildet) jedenfalls stellte die Schlacht den großen Wendepunkt dar:

Die Enyclopedia Britannica formuliert diesbezüglich

The battle involved such carnage that the field was later referred to as “the Serbs’ destruction.” It confirmed Bulgaria’s status as a vassal-state to the Turks and destroyed the independent South Serbian kingdom, whose new ruler, Marko Kraljević, became a vassal of the sultan. Macedonia and ultimately the remainder of the Balkan Peninsula were exposed to Turkish conquest.

Weitere Einzelheiten zu der Schlacht

Die Schlacht fand an dem Fluss Mariza unweit des Dorfes Tschernomen (heute Ormenio; Ορμένιο) im heutigen Griechenland statt.

Gegner war ein türkisches Herr unter Führung des Sultans Murat I, der Jahre später, nämlich 1989,  bei der Schlacht auf dem Amselfeld getötet wwerden sollte.

„Viel Feind, viel Ehr`“: Unklarheit über Jahr, Gegner und Truppenstärken

Umstritten ist jedoch bereits das Jahr, in dem diese Schlacht stattfand. Genannt werden nämlich auch 1363 und  1367. Die meisten Quellen gehen jedoch von 1371 aus.

Verschiedene Meinungen und Quellen gibt es auch dazu, wer genau die Gegner des osmanischen Heeres waren,  und wieviele Köpfe die Heere, die sich gegenüberstanden, zählten. Während einige Quellen von einem bulgarisch-serbischen Heer sprechen, ist bei anderen die Rede davon, dass auch Griechen, Ungarn und Rumänien an der Schlacht beteiligt gewesen sein sollen.

Diese Meinungen scheinen jedoch alle auf osmanische Quellen zurückzugehen. Da eine multinationale Streitmacht von unterlegenen Gegnern – frei nach dem es nach dem Motto „Viel Feind, viel Ehr“ – einen Sieg noch imposanter macht, kann es jedoch auch bewusste Übertreibung der Geschichtsschreiber gewesen sein.

Umstritten ist auch die Stärke der christlichen Streitkraft. Hier finden sich Zahlen zwischen 20.000-70.000 Kämpfern. Auf osmanische Seite sollen dagegen gerade einmal 800 (!) Soldaten gekämpft haben.

Auch hier mag das Eigeninteresse der Berichterstatter die Ursache für die hohen Zahlen auf der einen, und die geringe Zahl auf der anderen sein.

Ein Heer von 70.000 Betrunkenen, das von 800 kaltblütigen Kämpfern niedergemetzelt wird?

Immerhin scheint eindeutig zu sein, dass die christliche Streitmacht um einiges größer war als ihre osmanischen Gegner. Dennoch wurde sie vernichtend geschlagen. Beide Heerführer, also Jovan Uglješa und Vukašin Mrnjavčević wurden getötet und Tausende fliehender Bulgaren nd Serben  ertranken auf der  Flucht.

Für diesen überraschenden Sieg bietet die deutsche Wikipedia, wiederum unter Berufung auf osmanische Quellen, eine erstaunliche Erklärung: die Soldaten des serbisch-bulgarischen Heeres sollen nämlich „volltrunken“ gewesen sein, als die Osmanen einen nächtlichen Überraschungsangriff starteten.

Ein Heer von 70.000 Betrunkenen, das von 800 kaltblütigen Kämpfern niedergemetzelt wird?

Auch hier wird man zweifeln können, ob es sich wirklich so ereignet hat. Schließlich kann die Trunkenheit von den osmanischen Geschichtsschreiber auch hinzu gedichtet worden sein, um die Überlegenheit der islamischen Osmanen gegen die Christen mit ihren unkontrollierten Lebenswandel besonders zu betonen.

Möglich ist auch, dass die Zahl der Kämpfer auf osmanische Seite tatsächlich größer war und dass eine Kombination zwischen einem geschickt Überraschungsangriff bei Nacht, bei dem es sehr schnell gelungen sein könnte, die beiden Heerführer auszuschalten, z einer allgemeinen Panik und Kopflosigkeit der christlichen Streitmacht geführt haben.

Unabhängig davon waren nach dieser Schlacht die Weichen für die geographische Region Mazedonien, einschließlich der heutigen EJR Mazedonien, ein halbes Jahrtausend gestellt.

Fazit

Diese Schlacht ist aber auch aus anderen Gesichtspunkten bedeutsam:

Zum einen sieht man an ihrem Beispiel, dass die Geschichte auf dem Gebiet der geographischen Region Mazedonien, einschließlich des Gebietes der heutigen EJR Mazedonien, lange keine Geschichte eines mazedonischen Volkes, das sich als solches verstanden hätte, war, sondern die Geschichte der Anrainer, die um die Vorherrschaft über dieses Gebiet kämpften.

Insbesondere ist das  Gebiet, das heute die EJR Mazedonien bildet, lange Jahrhunderte Schauplatz für wichtige Ereignisse der serbischen Geschichte gewesen.

Außerdem belegen die unterschiedlichen Darstellungen der damaligen Ereignisse, dass Geschichte allgemein, insbesondere aber auch die Geschichte des Balkans, nur äußerst selten objektiv aufgezeichnet und überliefert wird. Dementsprechend muss man die verschiedenen nationalen Narrativen und deren Quellen, auch – oder gerade dann – wenn sie mit großer Überzeugung vorgetragen werden, kritisch hinterfragen.

 

(wird fortgesetzt)

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