Fazit: Drei Dinge besitzt das Land (Jugoslawien auf Schusters Rappen 1939 X. und letzter Teil)

In der Rubrik „Jugoslawien auf Schusters Rappen“ laden wir Sie zu einer Reise (meist) zu Fuß durch das Jugoslawien der ausgehenden 1930er Jahren aus der Sicht von neugierigen Nordeuropäern ein. Dadurch entsteht gleichzeitig eine Bestandsaufnahme des unterschiedlichen Alltagslebens in den verschiedenen Gebieten des Königreichs Jugoslawiens kurz vor seiner Auflösung im Zweiten Weltkrieg und vor der Wiedergründung des südslawischen Staats unter ganz anderen politischen Vorzeichen nach Kriegsende. Basis dieses Berichtes ist das Buch „Die goldene Triangel“ von Pieter Vervoort aus dem Jahr 1941.

Vervoort schließt die Berichte über die Wanderung durch die jugoslawischen Länder mit einem Kapitel, dass er „Civilja jugoslavija“ („Es lebe Jugoslawien“ im Oiriginal müsste es eigentlich: „Živela Jugoslavija“ heißen) nennt. In der ihm eigenen pathetischen Art beginnt er:

Nun geht der Weg zu Ende, wir müssen Abschied nehmen von dem Lande, dass wir durchwanderten im frühen Sommer – war dies nur der eine Sommer und die seelige Maienwochen? War das nicht ein volles Zeitalter lang, ein ganzer Abschnitt unseres Lebens? Oh, dieses Land des großen Sommers! Diese Wanderwege, wie ein goldener Strich quer durch die Geografie meines Herzens!

Vervoort schätzt an Jugoslawien drei Dinge

Dann leitet er im selben Stil zu den drei Dingen über, die ihm am prägensten für das Jugoslawien, das er gesehen hat, erschienen:

Drei Dinge will ich noch nennen von allen, die mir am schönsten und liebenswertesten scheinen, bedeutungsvolle Züge im Antlitz dieses Volkes, darin es sich der Mühe lohnt zu lesen, um seine Welt und Seele in etwa zu erkennen und zu begreifen.

Welche drei Dinge mögen das sein? Haben Sie eine Vermutung? Dann wollen wir doch mal sehen, ob sich diese mit den Vorschlägen von Vervoort deckt!

Vom ersten sprach ich schon: die Frauen, die in ihrem sittlich hohen Rang der wahre Kronschatz dieses Königsreich sind.

Dann spricht er, immer noch beim ersten Punkt seiner Aufzählung, übergangslos das Verhältnis zu Tradition an:

Und all das Bewahrte, Geheiligte im Volke, seine tausend Jahre alten Sitten und Gebräuche, seine Poesie und Tänze, seine wundervollen Trachten, diese ganz schöne Folklore, die nicht „gepflegt“ wird als Attraktion für die Touristen.

Um dann allerdings gleich wieder auf sein Lieblingsthema zurückzukommen:

Tief drinnen im Land, abseits von den großen Verkehrsstraßen des Fremdenstroms, dort trifft man Frauen bei der Feldarbeit und sie tragen herrliche Spitzen auf den Ärmeln ihrer Hemden, da begegnen einem Mädchen am Werkalltag in Haus und Hof, und ihre Röcke und Schürzen, ihre Westen sind mit den kostbarsten Stickereien geschmückt. Seht: so tief eingeboren ist ihnen die Freude am Schönen, und so ehrt dieses Volk die Arbeit!

Nr. 1: Frauen, traditionsbewußt und fleißig

Nummer 1 sind also die Frauen, aber auch das Verhältnis zur Arbeit und das Traditionsbewusstsein. Punkt 2 geht in eine andere, teilweise gegensätzliche Richtung:

Das andere, was ich noch nennen will: das machtvolle Regen und Entfalten in allen Teilen und Schichten des Landes zu einem modernen Staatsgebilde. Nicht aus den dickbäuchen Jahrbüchern der Statistiken muss man die Maße jener Kräfte ablesen, wie sie angeführt stehen als soziale Maßnahmen, als verkehrstechnischer Fortschritt, als Kulturbudget unter Bildungs- und Schulwesen, oder die bewundernswerten Errungenschaften auf dem Gebiet der Volkshygiene; nein man muss sich daraufhin nicht nur in den größeren Städten umschauen, in die Bibliotheken gehen und die Volkshochschulen, wer da alles kommt und sitzt. Tief drinnen im Lande habe ich Bauern und Handwerksleute, in den Stuben jüngerer Dorflehrer Bücher und Schriften gefunden, einen Hunger gefunden nach Wissen und Bildung, nach den großen Ideen der Menschheit.

Ein sehr idealistisches Bild. Ein bisschen liest es sich so, wie sich das nachfolgende zweite Jugoslawien gerne selbst beschrieben hat.

Nummer 2: Streben nach Fortschritt

Stutzig macht die Erwähnung der „bewundernswerten Errungenschaften auf dem Gebiet der Volkshygiene“. Meint er damit die Fortschritte auf dem Gebiet der Hygiene allgemein, die dazu führten, dass ansteckende Krankheiten zunehmend eingedämmt werden konnten? Oder spielt er auf das damals in Deutschland, dem Land der Leser dieses Buches, herrschenden mesnchenverachtenden Konzept von der „Rassenhygiene“ an? Der insgesamt weltoffene, neugierig auf Unbekanntes eingehende Ton (und der Umstand, dass sich dieser Begriff auch noch in Auflagen, die nach 1945 erschienen sind, findet) lässt vermuten, dass letzteres, trotz einer gewissen westlichen Überheblichkeit an manchen Stellen, nicht der Fall ist.

Jedenfalls zeigt diese Stelle, wie schwer wir uns mitunter tun, die Intention von Texten aus einem ideologischen und zeitgeschichtlichen Umfeld, das wir nicht selbst erlebt haben, einzuschätzen.

Was aber ist der dritte “bedeutungsvolle Zug im Antlitz dieses Volkes“, den Vervoort hervorhebt?

Der Autor führt dazu länger hin und berichtet von einer Gerichtsverhandlung in einer kleinen Kreisstadt, bei der der Richter sich viel Mühe gab, den „dort um den Richtertisch versammelt (en), Bauern meist und Hirten, die gespannt auf den Richter lauschten, der in das Gesetz ausgelegte“ das Recht zu erläutern:

Dieser Landrichter war ein prächtiger Mann, von Gestalt ein Bauer, seine Augen aber, sein Gesicht waren die eines Priesters. Die Männer stellten Fragen, ein jeder aus ihnen sprach und brachte seine Meinung vor. Er bot ein sonderbares Bild, diese Gerichtstag: eher von einem Diskussionsabend in der Volkshochschule auf dem Lande

Und dann lässt er den Richter selbst zu Wort kommen:

Es ist der mehr als ein Sein-Recht-Suchen, es ist dies der „Durst nach Gerechtigkeit“ in unserem Volke!

Nummer 3: Streben nach Gerechtigkeit – aber wie und für wen?

Ein sehr idealistisches Bild, das wir selbst wohl nicht so gezeichnet hätten. Auch weil wir im ehemaligen Jugoslawien Richter kennengelernt haben, die gerade nicht mit den Parteien sprechen wollen, sondern nach eigenem Bekunden versuchen, während der Gerichtsverhandlungen “auszusehen wie eine Sphinx“. Und weil uns gerade nach den Konflikten der Neunzigerjahre und dem Umgang damit (von „Aufarbeitung“ lässt sich schwer sprechen) auch deutlich geworden ist, dass manches, was als Forderung nach Gerechtigkeit daherkommt, auch Selbstgerechtigkeit sein kann, die vor allem danach trachtet, dass die Schuld der jeweils „anderen“ festgestellt wird.

Alles da, aber wirklich an ein und derselben Stelle?

Was wir aber voll unterschreiben würden, ist die etwas verklausulierte Feststellung vom Gegensatz zwischen nach wie vor gelebter Traditionen, vor allem „tief drinnen im Lande, abseits von den großen Verkehrsstraßen des Touristenstromes“ einserseits und dem „Regen und Entfalten“, also dem Wunsch nach Erneuerung, nach einem „modernen Staatsgebilde„, andererseits. Nur würden wir dies in unserem Fazit weniger harmonisch formulieren.

Bei Vervoort liest sich das so, als seien diese Tendenzen gemeinsame Eigenschaften.

Tatsächlich sind das jedoch primär Merkmale unterschiedlicher, miteinander in Konkurrenz befindlicher Bevölkerungsteile. Vervoort hat, wie viele Reiseschriftsteller, einen romantisierenden Ansatz. Er sucht bei den besuchten Völkern, die er als von der Zivilisation noch nicht verdorben darstellt, etwas einheitliches Gutes und Wahres.

Was Vervoort übersieht und was bei ihm verloren geht

Dadurch übersieht er, dass die jugoslawische Gesellschaft wohl damals schon eine brutal gespaltene war, nicht nur durch die Geographie und die kulturelle und religiöse Prägung, sondern – vielleicht noch viel mehr – durch die Kluft zwischen Traditionalisten und Erneuerern, zwischen den in der Vergangenheit Lebenden und den Zukunftsgewandten.

Dadurch geht auch verloren, dass die größte Aufgabe, die auch heute noch von den dortigen Gesellschaften, zu lösen ist, darin besteht, sich unter Beibehaltung des eigenen Charakters für das Neue zu öffnen, ohne dabei gleichzeitig zu einer seelen- und gesichtslosen McDonald’s Gesellschaft zu werden.

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