Nordmazedonien: Sonniges Multikulti-Land mit heiligen Klöstern und Balkan-Speed-Dating (Jugoslawien auf Schusters Rappen 1939 Teil IX )

In der Rubrik „Jugoslawien auf Schusters Rappen“ laden wir Sie zu einer Reise (meist) zu Fuß durch das Jugoslawien der ausgehenden 1930er Jahren aus der Sicht von neugierigen Nordeuropäern ein. Dadurch entsteht gleichzeitig eine Bestandsaufnahme des unterschiedlichen Alltagslebens in den verschiedenen Gebieten des Königreichs Jugoslawiens kurz vor seiner Auflösung im Zweiten Weltkrieg und vor der Wiedergründung des südslawischen Staats unter ganz anderen politischen Vorzeichen nach Kriegsende. Basis dieses Berichtes ist das Buch „Die goldene Triangel“ von Pieter Vervoort aus dem Jahr 1941.

Südserbien ist Mazedonien und Üsküp ist Skopje

Auch hier bedarf es wieder eines terminologischen Hinweises: Vervoort spricht nur in seinem Bericht über Mazedonien nur selten von „Mazedonien“, sondern gebraucht meist den Begriff „Südserbien“, wie das auch in Serbien lange üblich war. Dies deshalb, da Mazedonien erst nach dem Zweiten Weltkrieg im Zweiten Jugoslawien eine eigenstädnige Republik wurde, und vorher – zu den Zeiten, zu denen es nicht Teil des Osmanischen Reichs war, lange zu Serbien gehörte. Skopje (das Vervoort mit seinem türkischen Namen Üsküp beneennt) war im Mittelalter sogar Residenzstadt der serbischen Herscherdynastien und Stefan Stefan Uroš IV. Dušan wurde dort zum Zaren der Serben gekrönt.

Das Land, über dem die Sonne immer und ewig scheint

Ein in Jugoslawien bekanntes Lied besagt, dass Mazedonien dort ist, wo immer und ewig die Sonne scheint.

Es wurde geschrieben, lange nachdem Vervoort dort gereist ist. Dass das Lied einen wahren Kern hat, zeigt sich auch an den beiden ersten Wörtern des Kapitels „Das Herz des Balkans“ in Vervoorts Buch. Diese heißen nämlich schlicht:

Sonne, Sonne …

Danach setzt Vervoort wieder zu einer seiner ausufernden Elegien an, die aber viele geografische, klimatische und kulturelle Informationen enthalten:

Tabakfelder in den Niederungen, weit gedehnt; die Höhen bewaldet mit Eichen und Buchen, mit Zedern wohl tausendjährigen Alters; auf den Bergalmen Schafherden der Zinszaren, diesem uralten Hirtenvolk, und hoch droben im Einsamen wilder Steinhalten zeltartige Hütten aus Zweiggeflecht und Tierfellen wallachischer Nomaden, die in seltsamen schwarz-weißen Trachten gekleidet gehen deren und deren Frauen tätowiet sind. Am Rande der Wälder Schweineherden …

In den Steppen ganze Büffelherden, die mittags zu Tränke ziehen und sich im schlammigen Ufer des Flusses wälzen… Oh, und Mohnfelder, unabsehbare Felder mit rotem Mohn in der Sonne, leicht wogend wie ein blutendes Meer. Und Sonne, Sonne, ein festlich blühendes Gestirn über dem Sonnenland Südserbien, drunten im Herzen des Balkans

Multikulti in der seltsamsten und schönsten Landschaft

Dann wird in blumigen Worten „die seltsamste und wohl auch die schönste (Landschaft) in Serbien“ beschrieben. Und festgestellt, dass man nirgends so viele Gegensätze und solch bunte Mannigfaltigkeit auf einem so kleinen Raum angesammelt findet. Dies zum einen bezüglich der Landschaftstypen aber auch hinsichtlich der Bevölkerung:

Und die Menschen dieser Landschaft: seit Jahrhunderten leben hier verschiedene Völker und Rassen beisammen und nebeneinander. Wohl sind die Mehrzahl Serben, doch wohnen auch Griechen, Türken, Albaner, Arminia, Arnauten und Zinzaren auf diesem Boden Mazedoniens. Und sie alle haben ihre eigenen Sitten bewahrt, ein jedes lebt in der Gewohnheit und Weise, wie es von ihren Vorfahren auf sie überkommen ist. Zudem hat die große Wechselhaftigkeit des Klimas das Leben des Volkes ungeheuer beeinflusst. Wohnen die einen in den Niederungen mit fruchtbaren Feldern und Gärten, wo Wein und Tabak gedeihen, und Feigen reifen, so leben die anderen hoch droben auf den Bergen ,bis zu 2000 m Höhe, ziehen mit ihren Herden von Weideplatz zu Platz, durch die raue Wildnis der Schluchten und Steinhalden.… Und nicht das Meer, Berge sind’s, die trennen. Dies habe ich außer in Norwegen droben bei keinem anderen Volke so eindrucksvoll wahrgenommen als bei der Bevölkerung Südserbiens.

Plädoyer gegen das wohlfeile westliche Balkan-Bashing

Vervoort schwärmt weiter davon wie hier „Morgenland und Abendland.. Beschaulichkeit nebst Technik, Mystik und Nationalismus (!)verknüpft und verflochten“ sind spart auch nicht mit Kritik an dem damals im Westen schon wohl feilen Balkan-Bashing:

Aber es gibt ja nun Menschen des hoch gebildeten Westens, die zumal anderer Länder Kultur nach asphaltierten Straßen und Wasserklosetts ausrechnen, die vom Balkan immer nur als von dem Pulverfass sprechen, und dass es dort Joghurt gibt, wovon man 124 Jahre alt wird,… Ahnt man denn, die unerschöpfliche Reich Südserbien an Schätzen alter Kultur und bedeutender Kunstwerke ist! Welche großen Völker der Menschheitsgeschichte haben nicht diese Landschaft bewohnt! Illyrier und Kelten, Griechen, Mazedonier, dann die Römer, die Ostgoten, Byzantiner, die Serben, die Türken mit ihren mannigfaltigen Volkschaften. Und all diese Völker aus verschiedenen Epochen ließen Spuren ihres Wirkens und Schaffens zurück, hinterließen Zeugen ihrer Macht und Kultur.

Zur Rolle der Frau: Einen Schritt vor, zwei zurück

Der Autor macht auch deutlich, dass der Balkan bei weiten nicht so rückständig ist, wie man manche denken. Diesbezüglich stellt er zur Rolle der Frauen fest:

Allenthalben in den größeren Städten Jugoslawiens begegnet man Frauen, die studieren, die im öffentlichen Leben stehen, Lehrerinnen sind, Künstlerinnen Frauen mit modernen Anschauungen und Lebensarten.

Das liest man als Leser des 21. Jahrhunderts gerne. Dann wird man jedoch vom Autor vor den Kopf gestoßen. Sofort anschließend stellt er nämlich fest:

Doch darauf kommt es nicht an. Nein, dies ist des Landes größter Reichtum nicht. Ach nein: die stille Frau im Volke.

Und danach spricht er vom, „Wirken (der Frauen) im Heim und Haus“ sowie von ihrer „Stellung in der Familie und an des Mannes Seite“.

Wir werden auf Vervoorts Haltung zu den Frauen in Jugoslawien im letzten Teil dieser Serie nochmals zurückkommen.

Brautwerbung in Bitola: Speed-Dating der traditionellen Art

Vorher möchten wir aber über eine weitere Beobachtung von Vervoort mit Bezug zum Verhältnis zwischen den Geschlechtern berichten, bezüglich deren wir seine Schlüsse ebenfalls nicht unbedingt teilen können. Vervoort beschreibt nämlich ein Brautwerbungsritual auf dem Gebiet des heutigen Nordmazedoniens, zu dem am Jahrestag des Heiligen Sava in Bitola, nahe der griechischen Grenze die unverheirateten Männer und Frauen aus der Umgegend zusammenkamen.

Bild: ​Wikipedia Benutzer PetarM, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8392679

Festlich gekleidet in ihrer kostbarsten Tracht stellten sich die Mädchen auf der einen Seite des Platzes auf, gegenüber die Burschen.

Dann defilieren die Gruppen ein paar Mal aneinander vorbei, sodass jeder sich erst einmal ein Bild vom Angebot machen kann. Wenn eine junge Frau einen potentiellen Kandidaten erblickt, so sendet sie ihm dafür Zeichen:

Hat nun das Mädchen in der Reihe denjenigen erblickt, der wohl ihren Träumen entspricht, so verhält sie leicht ihren Schritt, sieht ihn an, lächelt und nickt kaum merklich mit ihrem Kopf.

Nun ist es an dem Mann, Zeichen zu senden – oder aber die Signale zu übersehen.

Vervoort beschreibt ein traditionelles Ritual, die aber den Regeln mancher Verkupplungsshows oder Speed-Dating-Veranstaltungen ähnlich sind. Vermutlich ist dies kein Zufall, schließlich könnten solche Shows von nationalen Bräuchen inspiriert sein, weil arbeitslose studierte Ethnologen mangels anderer Berufschancen auf einmal „etwas mit Medien“ machen mussten.

Weiter geht es dann so:

Wenn er dann wieder lächelt und nickt, so weiß sie, dass auch sie ihm gefällt. Beim nächsten Umgang der Burschen dann verbeugt er sich vor ihr etwas tiefer, und wenn sie jetzt abermals nickt, tritt er aus der Reihe heraus, geht zu ihr hin und gibt ihr die Hand.

Schön denkt man, jetzt haben die beiden Gelegenheit, sich zu beschnuppern und das Ganze notfalls auch wieder sein zu lassen.Das ist jedoch verkehrt gedacht. Bei Vervoort heißt es nämlich weiter:

Von diesem Augenblick an ist sie seine Braut, ist beider Verlobung geschlossen. Er nennt seinen Namen und den Ort, und sie den ihren. Darauf gehen sie heim, jeder alleine für sich zurück in sein Dorf, und an einem der nächsten Sonntage kommen beide Väter zusammen und besprechen alles weitere miteinander.

Vervoort sieht durchaus, dass ein solcher Beziehungsbeginn durchaus seine Tücken haben kann:

Ja aber sie kennen sich doch nicht, haben einander vorher nie gesehen? Sie konnten sich nicht einmal ernsthaft prüfen, sich vorher mit Freunden noch Verwandtschaft beraten? Worauf denn wollen sie ein Glück aufbauen, eine Gemeinschaft für das Leben!

Unser dänischer Wanderer findet eine sehr pragmatische Antwort dafür:

Nein, sie kennen einander vorher nicht, konnten sich nicht prüfen und mit anderen beraten. Aber sie kennen nachher auch die Seufzer der Enttäuschung nicht, sie kennen die Untreue nicht, nicht des Herzens dunkles Spiel.

Mit anderen Worten: wer auf diese Weise – ohne gemeinsame Phasen der Verliebtheit und des gemeinsamen Zukunftsplanens – verheiratet wird, kann sich keine Hoffnungen machen, die später enttäuscht werden können.

Vervoort geht in seiner Bewunderung für die Bitolaer Vorform von Tinder sogar soweit zu behaupten, dass es wegen dieser Art der Zusammenführung der künftigen Ehepartner auch „nicht den Selbstmord wegen zerrütteten Eheglücks“ gäbe.

Eine reichlich romantische Art, die Dinge zu sehen. Die vor allem auch übersieht, dass es in Gesellschaften, die auf diese Weise ihre Ehepartner bestimmen, durchaus Enttäuschungen, Seitensprünge und Mord sowie Selbstmord wegen zerrütteten Eheglücks“ gibt.

Autoren aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien selbst, die sich mit den Folgen ähnlicher Formen der Zusammenführung von Brautleuten befasst haben, berichten anderes. Der Rechtswissenschaftler Djuric Krstic etwa schreibt (im Zusammenhang mit dem historischen Strafrecht in Montenegro) dazu:

Die Folge ist dann, dass sich Frau oder Mann unglücklich fühlen, worüber es eine Fülle von Liedern gibt und es kommt auch zu Untreue zwischen den engsten Verwandten. Brautvögelei, wenn wenn nicht sogar Schwägerinnenfickerei sind weit verbreitet.

Wir entschuldigen uns bei allen, die sich durch diese Wortwahl verletzt fühlen, aber wie anders sollte man übersetzen:

Posljedica je toga da se zena ili muz nadju nesrecnim, te o tome postiji mnostvo pjesama, a dogodjaju se i preljube medju najblizim rodjacima. U velikom je obicaj nevjestojebstvo, ako ne i snahojebstvo (Kristic, Dj, Prvni obicaj kod Kuca, Beograd 1979, S. 75, zitiert nach Svetislav Marinovic, Kaznenen istorija Crne Gore, Podgorica 2007, S. 23.)

Der Bericht über den Aufenthalt in (Nord)Mazedonien schließt mit der Beschreibung des offensichtlich sehr beeindruckenden Festes für den Heiligen Naum am Ohridsee.

Hoch droben bei den Glocken hat man einen herrlichen Fernblick über den See hinaus und weit über die Berge Südserbiens, Albaniens und Griechenlands hin.

Ein erhebender Anblick ist das, wie wir selbst schon erlebt haben, während wir ihn mit dem Gesang der Mönche aus der Kirche im Hintergrund genossen. Manchmal scheint der Himmel nah zu sein.

Sobald die letzte Folge dieser Serie eingestellt ist, wird hier ein link darauf gesetzt.

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