Kosovo: 550 Jahre Schlacht auf dem Amselfeld (Jugoslawien auf Schusters Rappen 1939 Teil VIII )

Quelle des Beitragsbildes: Adam Stefanović, wikicommons.

In der Rubrik „Jugoslawien auf Schusters Rappen“ laden wir Sie zu einer Reise (meist) zu Fuß durch das Jugoslawien der ausgehenden 1930er Jahren aus der Sicht von neugierigen Nordeuropäern ein. Dadurch entsteht gleichzeitig eine Bestandsaufnahme des unterschiedlichen Alltagslebens in den verschiedenen Gebieten des Königreichs Jugoslawiens kurz vor seiner Auflösung im Zweiten Weltkrieg und vor der Wiedergründung des südslawischen Staats unter ganz anderen politischen Vorzeichen nach Kriegsende. Basis dieses Berichtes ist das Buch „Die goldene Triangel“ von Pieter Vervoort aus dem Jahr 1941.

Was den Besuch des Kosovos anging, so hat der Buchautor Pieter Vervoort 1939 einen richtigen Glückstreffer gelandet. Er kam nämlich mit seiner Frau genau zum Zeitpunkt der 550 Jahr-Feier der Schlacht am Amselfeld. Auf diese Weise stellt dieses Kapitel seines Buches auch den Bericht eines unbeteiligten Dritten über den Ablauf der damaligen Festivitäten da.

Wie in den anderen Kapiteln beginnt Vervoort auch mit einer schwärmerischen Einleitung, die viel von der lokalen Selbstdarstellung übernimmt:

Im Frühjahr ist das ganze Hügelfeld bedeckt mit roten Blümchen … Dann blutet diese ihre Erde wieder von all den unzähligen Rittern und Kriegerscharen, die hier auf dem Schlachfeld von Kosovo Polje vor einem halben Jahtausend fielen … In den Nächten aber singen die Amseln. Dann kommen alle die tausend und tausenden Amseln vom ganzen Balkan hierher geflogen, und sie lassen sich auf den blutenden Hügelfeld nieder und singen, singen bis zum ersten Strahlen des Morgens. Und singen und singen …

Hier greift Vervoort die Legende auf, nach der die roten Pfingtsrosen, die auf dem Amselfeld blühen, aus dem Blut der gefallenen Serben entstanden seien, während die blauen aus demjenigen der gefallenen Osmanen stammen würden.

Das Motiv der roten Pfingsrosen vom Kosovo hat auch Eingang in Gedichte und Volkslieder gefunden. Und sogar in der Rockmusik, in dem Lied Kosovski božuri der YU Grupa hat es sich niedergeschlagen:

Vervoort weiter:

So sind die Seelen der „Jungfrau vom Amselfeld“ und des Helden Milos Obilic, der den Sultan Murat erschlug, wie sie in den Liedern des Volkes besungen werden, und all der vielen tausend Ritter und Krieger, die starben, als das große Reich des Serben unterging dort in der Schlacht von Kosovo Polje.

Ist seither schon mehr als ein halbes Jahrtausend verflossen?

Der Anlass der Festivitäten: Ein Mythos zu dem unterschiedliche Ansichten bestehen

Das, was da gefeiert wurde, war ein historisches Ereignis, das zum serbischen Nationalmythos geworden war, zu dessen tatsächlicher historischer Bedeutung es aber verschiedene Ansichten gibt.

Nach Ansicht der einen stellte diese Schlacht den heldenhaften Untergang des serbischen Reiches im Kampf gegen die Osmanen dar, nach Ansicht der anderen war sie nur ein Unentschieden mit Platzvorteil für die Osmanen. Die Schlacht, in de beide Heerführer fielen, endete nämlich ohne eindeutigen Sieger. Im Ergebnis wurde aber der Widerstand der serbischen Fürsten gegen die osmanische Expansion in den nachfolgenden Jahren entscheidend geschwächt.

Umstritten ist übrigens auch, wer außer serbischen Streitkräften auf Seiten der christlichen Koalition noch an der Schlacht teilnahm. Während die Teilnahme eines bosnischen Heeres gesichert erscheint, gibt es zu einer Beteiligung von Kroaten verschiedene Meinungen. Besonders umstritten ist, ob auf Seiten der Serben auch Albaner gegen die Osmanen kämpften.

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Beide Heerführer fielen während der Schlacht. Bildquellen: Murad I von https://www.pinterest.com/https://www.pinterest.com/, gemeinfrei, und Lazar von Hristofor Žefarovićhttp://www.heraldikasrbija.com/galerija/main.php?g2_itemId=1801&g2_imageViewsIndex=1, gemeinfrei.

Vervoort Bericht enthält die Beschreibung eines üppigen Festes von Menschen “in ihren fantastischen bunten Trachten, die noch die gleichen sind, wie sie damals waren“, die vom frühen Morgen bis tief in die Nacht feiern:

Da und dort brannten Lagerfeuer, hockten oder lagen Männer und Weiber darum in schwere Felle eingewickelt, mit den Mänteln bedeckt, mit türkischen Teppichen. Lämmer wurden geschlachtet und am Spieß gebraten, Kaffee wurde gekocht, Schnaps getrunken und Wein aus den Schläuchen in Krüge gefüllt. Und gesungen, gerufen, gegeigt, kleine Menschlein an den Brüsten gesäugt und Tiere gefüttert, heimische Andacht vor Ikonen gehalten, Waffen geputzten und Kuchen gegessen, Freunde umarmt und Hühner gerupft und Karten gespielt. Und immerfort strömten die Scharen von allem Wegen herauf zum Amselfeld. Trunkenen Blickes stand ich da, und stand und blickte auf die bildgewordenen Sagen und Lieder einer halbtausendjährigen Geschichte …..

Das ganze Amselfeld aber war ein einziger großer Festplatz. Da waren Zelte aufgeschlagen, Tisch- und Bankreihen aufgestellt, ganze Berge Brotes aufgestapelt. Da wurden Ochsen gebraten und aus großen Weinfässern Festtrank ausgeschenkt, da wurde gegessen, getrunken, gespielt und getanzt; da waren Seiltänzer und Wahrsager, Affenschaukel und Tanzbären, Limonadenverkäufer und Baklava-Bäcker; da wimmelte, strömte, ritt und fuhr, hockte und lag das ganze herrliche Volk und feierte das Fest von Kosovo Polije .

Weiter berichtet er von einem Staffellauf, bei dem vom Kloster Gracanica das Ampellicht aus der Gruft, in den einstmals Fürst Lazar ruhte, auf das Schlachtfeld am Kosovo Polje gebrachht wurde.

Besonders hebt er hervor, dass diese Feier keine rein serbischen Angelegenheit war, sondern auch Abordnungen aus allen Ländern des Königsreichs in ihren mannigfaltigen Trachten aus Mazedonien und Montenegro, aus Dalmatien, Bosnien, Slowenien, Kroatien und Slawonien vertreten waren:

Inmitten des Schlachtfeldes, wo der Kampf am heißesten gewesen und heute das große Denkmal gen Himmel ragt, war der Feldaltar errichtet. Ein farbenprächtiges Bild bot dieser feierliche Akt: der Patriarch in seinem Ornat von schwerem Brokat und mit einer blauen Krone auf, die Bischöfe und Priester, Generäle und Offizier, an der Spitze der Kriegsminister, die Abordnungen aus allen Ländern des Königsreichs in ihren mannigfaltigen Trachten aus Mazedonien und Montenegro, aus Dalmatien, Bosnien, Slowenien, Kroatien und Slawonien… Ich glaube nicht, dass ein zweites Land auf Erden so vielerlei und solch wunderbare Volkstrachten aufweisen kann, die nicht etwa zu solch festlichen Anlässen aus Museen hervorgeholt werden, sondern heute noch wirklich Menschenkleider sind Un das war das überwältigende unvergessliche Erlebnis auf dem Amselfeld, dass sich alle diese Menschen aus sämtlichen Landschaften Volksstämmen beisammen sah auf einem Platze.… Das war Südslawien mit allen seinen Stämmen und Schichten vereint in dem einen großen Gemeinsamen: im Stolze seine Geschichte

Das Kapitel endet mit einem sehr pathetischen Absatz, der Motive der Einleitung aufgreift:

Im Frühjahr ist das Schlachtfeld über und über mit roten Blumen bedeckt, die nur auf dem Amselfeld und sonst nirgends Blühen. Ich weiß nicht ob das wahr ist, dass sämtliche Amseln fliegen vom ganzen Balkan hierher und nächtens singen. Aber ich weiß: was muss das doch für ein Land sein, dessen Volkspoesie den Kampf und Untergang seiner unglücklichen Helden in vielen Liedern besingt! Wie stolz muss das Herz dieses Volkes sein, das den Tag von Kosovo Polke festlich begeht! Und ich weiß: Man muss es darum haben, dieses Volk und Land Jugoslawien!

Gerade hier aber, bei der Darstellung des Kosovo-Gedenkens als gesamtjugoslawisches Anliegen, liegen die Probleme bei der Wahrnehmung von Vervoort, die in gewisser Weise typisch ist für die Erzählungen weitgereiste Weltenbummler, die ihre Erlebnisse zu Papier bringen, ohne vorher allzu viele Kontakt mit dem Objekt ihrer Erzählungen gehabt zu haben. Da sie ja vor Ort waren, gelten sie als glaubwürdig, obwohl sie mangels Geschichts- und Sprachkenntnisse – ähnlich wie manche Journalisten, die wegen aktueller Ereignisse schnell mal von einer Gegend der Welt in eine andere versetzt werden – nicht selten tatsächlich ein unvollständiges oder auch falsches Bild zeichnen.

Auch wenn damals, im Jahr 1389, eine christliche Allianz gegen die Osmanen zu Felde zog, ist das Gedenken an die Schlacht auf dem Kosovo inzwischen, primär eine serbische Angelegenheit. Deshalb kann man vermuten, dass es auch beim 550. Jubiläum der Schlacht nicht anders war. Zumals die 1930er Jahren auf dem Kosovo durch eine serbische Kolonnialisierungsbewegung und die Abwanderung von Albanern in die Türkei und nach Albanien gekennzeichnet waren.

Die nächste Etappe der Wanderung durch Jugoslawien im Jahr 1939 führt uns nach (Nord)Mazedonien. Sobald dieser Beitrag online ist, wird hier ein link darauf gesetzt.

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