Bosnien: Esel, Kaffee, Holz und ein weiteres sprachliches Missverständnis (Jugoslawien auf Schusters Rappen 1939 Teil VI)

Quelle des Beitragsbildes: Naklada: Knjižare H. Kopčić, Sarajevo. B.224-1938.

In der Rubrik „Jugoslawien auf Schusters Rappen“ laden wir Sie zu einer Reise (meist) zu Fuß durch das Jugoslawien der ausgehenden 1930er Jahren aus der Sicht von neugierigen Nordeuropäern ein. Dadurch entsteht gleichzeitig eine Bestandsaufnahme des unterschiedlichen Alltagslebens in den verschiedenen Gebieten des Königreichs Jugoslawiens kurz vor seiner Auflösung im Zweiten Weltkrieg und vor der Wiedergründung des südslawischen Staats unter ganz anderen politischen Vorzeichen nach Kriegsende. Basis dieses Berichtes ist das Buch „Die goldene Triangel“ von Pieter Vervoort aus dem Jahr 1941.

Die Beschreibung der Faszination des Orients setzt sich auch bei den Kapiteln über die Reiseetappen in Bosnien fort. Vervoort schwärmt:

Sarajevo, phantastische Stadt, wo Orient und Okzident ihre Lippen küssend berühren, wo die Muselmanenfrauen in hellblauen oder bräunlich zebragestreiften Kattun gekleidet einhergehen, der als Rock faltig bis auf die Füße herabreicht, umd die Hüften mit einer Schnur gegürtet ist und Schultern, Arme und Brust und noch den ganzen Kopf umhüllt in einem einzigen Stück, dazu das Gesicht mit einem schwarzen Tuch maskenartig bis zum Kinn herauf verschleiert. Wo die Männer des Islam merkwürdige Hosen tragen, die unten eng das Bein umschließen; oben pluderweit sich bauschen und hinten einen spassigen Wippsack bilden, schaukelnd fast bis auf die Erde herab …

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Quelle der obigen Bilder: Leo Wehrli – Dieses Bild stammt aus der Sammlung der ETH-Bibliothek und wurde auf Wikimedia Commons im Rahmen einer Kooperation mit Wikimedia CH veröffentlicht.

Und die vielen großen und kleinen Moschen mit ihren weißen Minaretten aus dem Grün der Bäume über dem Gewimmel von Dächern und Mauern der Gassen hinweg, wo hoch droben am Mittag der Muezzin steht und die Gläubigen des Propheten zum Gebet aufruft, in singendem Tonfall eine Sure aus dem Koran auf die Stadt herabruft.

Und die vielen großen und kleinen Moschen mit ihren weißen Minaretten aus dem Grün der Bäume über dem Gewimmel von Dächern und Mauern der Gassen hinweg, wo hoch droben am Mittag der Muezzin steht und die Gläubigen des Propheten zum Gebet aufruft, in singendem Tonfall eine Sure aus dem Koran auf die Stadt herabruft.

Wer Sarajevo Jahrzehnte später als pulsierende moderne Metropole mit westlich gekleideter Bevölkerung und einer bunten alternativen Kulturszene kennengelernt hat, hat Schwierigkeiten, diese beiden Städte miteinander zusammenzubringen. An solchen Stellen wird der gewaltige Modernisierungschub, den das zweite Jugoslawien, das nach Erscheinen dieses Buches entstand, ausgelöst hat, deutlich!

Wie Maria und Josef: Keine Herberge und einen Esel dabei

Bei aller Faszination gestaltete sich der Aufenthalt in Sarajevo für die beiden Wanderer nicht frei von Hindernissen:

In Sarajevo hat es aber seine liebe Not: man wollte uns nicht aufnehmen. Kreuz und quer zogen wir durch die Straßen, von Hotel zu Hotel, bis in den späten Nachmittag hinein suchten wir und fragten nach.

Der Grund war jedoch keineswegs Fremdenfeindlichkeit. Das Problem bestand vielmehr darin, dass sich die beiden Wanderer mittlerweile einen Esel zugelegt hatten, der ebenfalls eine Unterkunft für die Nacht brauchte. Dies wäre bei den Hirten in der steinigen Karstwüste des dalmatinischen Hinterlandes sicher leicht zu machen gewesen. In Sarajevo sah die Sache jedoch so aus:

(Wir zogen) von Hotel zu Hotel, bis in den späten Nachmittag hinein suchten wir und fragten nach. Aber nein, wir konnten mit dem Esel nirgends unterkommen. Sie hätten keine Stallungen, sagten sie, nur Autoboxen, erstklassige Garagen. Es wimmelte von Fremden, die mit der Bahn fuhren, im Flugzeug, im eigenen Wagen; aber ausländische Touristen, die mit einem Esel reisten?

Berlin, störrischer Esel
Scherl: Tiefsinnige Tierfabel in Charlottenburg. 1936 4263-36; Bundesarchiv Bild 183-S25043

Das Problem ließ sich dann doch mit einer Unterkunft in der Pension „Gradski Podrum“ (Stadtkeller), die über einen Garten und einen Stall verfügte, lösen. Und wir haben bei Schilderung dieser Angelegenheit ganz nebenbei erfahren, dass ausländsche Touristen in Sarajevo damals keine Seltenheit waren.

Der Flughafen Sarajevo in den 1930ern

Das mit der Anreise per Flugzeug haben wir zur Sicherheit nochmals überprüft. Und tatsächlich gab es bereits ab 1930 eine Linie Belgrad-Sarajevo-Podgorica, die mit kleinen Flugzeugen bedient wurden. (Bei dieser Gelegenheit haben wir auch erfahren, dass die erste internationale Flugverbindung von Sarajevo aus nach Frankfurt am Main führte und im Jahre 1970 eröffnet wurde.)

Kaffeekultur und Kaffeekult

Ohne Esel erkundet man dann die Stadt. Dabei macht man dann auch zahlreiche Bekanntschaften, nicht nur mit Menschen, sondern auch mit Sitten und Gebräuchen. Einer davon wird auch heute noch ähnlich gepflegt:

Das ist eine höchst spaßige Angelegenheit in Bosnien und Serbien: man kann keinen Besuch machen, kein Büro oder Geschäft betrieben, nicht mal eine Freimarke kaufen, ohne dass man höflich gefragt wird: Belieben einen Schwarzen? Und so man beliebt, wird nach Kaffee geschickt oder telefoniert; dann kommt so ein kleines Mohammedanerlein im Nu angewackelt mit einem großen Behälter aus Glas und Kupfer, eine Art Käseglocke mit Klapptürchen darin, und unter dem Glaskrug stehen die dünnen Tässchen voll Türk. Wir unterhielten uns bei Kaffee und Tabak auf das angenehmste.

Holz, das Gold Bosniens

Außerhalb der Stadt machte man dann Bekanntschaft mit einem der wichtigsten Wirtschaftsgüter des waldreichen Bosnien:

Wenn man auf irgend einem Platze des südslawischen Königreichs einen großen Stapel Holz erblickt und man erkundigt sich, was für ein Holz das sei, so bekommt man unweigerlich zur Antwort: Bosnien. Wenn dir ein Flussschiff begegnet, hoch mit Holz beladen, und wo immer du Wagen an Wagen im Zug an dir vorüberrollen siehst, die Bretter, Rundhölzer oder Balken fahren, du brauchst nicht zu fragen, man würde dir sagen: Bosnien. Und in den Straßen der Städte, auf Dorfwegen oder über einsam steinige Höhen, wo einer kommt mit seiner kleinen Karawane, Esel oder Pferde, die schwer beladen mit Holz daher zieht, sei versichert: es ist Holz aus den Wäldern von Bosnien.

Gut beobachtet. Was Vervoort vermutlich nicht wusste ist, dass „die Wälder weit gedehnt durch die Täler, weit, weit über die Berge hin, die handlich rauschenden Wälder. Fichten und Föhren hoch droben, bis an die Ränder der schneegekrönten Gipfel, die diese Landschaft umkränzen weit im Rund“ der Grund waren, warum in der weitgehend naturbelassenen, dünnenbesiedelten Waldeinsamkeit Bosnien und Herzegowina die von dem Autor wenig geliebten Schmalspurbahnen gebaut wurden.

Sprachliche Missverständnis: Gläubige werden zu Nusbäumen

Wie auf den Bahnhöfen der vermeintlichen Stadt Zazenske wird auch hier ein sprachliches Missverständnis beschrieben. Vervoort wundert sich, warum es in den weiten bosnischen Wäldern soviele Nussbäume gibt. Deshalb fragt er einen „Bauersmann, der ein bißchen Deutsch verstand“, nach der Ursache.

Der Bauer, der „eine echter Patarener“, wie in früherer Zeit das Volk von Bosnien genannt wurde“, verstand die Frage nicht, desahlb wiederholte der Autor sie.

Der Bauer schaut „lächelnd irgendwohin ins Weite und dann murmelt er: Bogomillen … „

Vervoort weiter:

Bogumilen? Nein, was konnte das bedeuten? Nannten sie hierzulande die Nussbäume so? Oder lautete vielleicht eine Sage aus früherer Zeit so von einer kleinen Schar Hirten, die diese Fruchtbäume hier in die Wildnis gepflanzt hatten?

Später, wieder in Sarajevo, erfuhr der Autor, dass Bogumilen eine christliche Glaubensrichtung waren, zu der er folgende Informationen er bekam:

Bogomilien, jene schwärmerische Christen zur Zeit des Mittelalters, die sich zusammenschlossen zu einer sozialen Gemeinschaft, die ihr Gewerbe und Handwerk, ihre Agrarwirtschaft und den Handel in einer apostolischen Gemeinschaft organisierten: die ersten sozialen Gesellschaftsbestrebungen der damaligen Zeit. Sie wurden blutig bekämpft, verfolgt und zerstreut: denn in anderen Gegenden weiter südlich auf dem Balkan, stifteten sie häufig Unruhe und Verwirrung an, traten als eine den Manischären verwandte Sekte auf, waren fanatisch und unwirksam, griffen zu den Waffen und überfielen die anderen slawischen Christensiedlungen …. Man sagt, die Idee und die Organisation der Herrenhuter seien Zweige aus der alten Wurzel jener Bogomilien Bosniens.

Zugreise mit einem Esel

Irgendwann war es dann Zeit, weiter zu reisen. Die beiden wollten von Sarajevo aus mit dem Zug nach Belgrad, um vond dort aus Serbien zu Fuß zu erkunden. Das Problem war nur, dass sie ihren Esel mitnehmen wollten. Nach langem Hin und Her konnten sie den Bahnvorsteher überreden, die Mitfahrt zu gestatten und auf der Fahrkarte zu vermerken “Reist mit Tier“. So konnte die Fahrt ohne weitere Probleme beginnen:

Glücklich gelangten wir in den Motorzug hinein und fuhren ab. Die Beamten auf dem Bahnsteig hatten wohl gelächelt über unseren seltsamen Kofferträger, doch sie waren ahnungslos.

Dieses Mal hattte Vervoort an dem Zug nichts auszusetzen, obwohl er wiederum mit einer Schmalspurbahn fuhr.

Der Motorzug hatte Stromlinienform und einen Zeppelinanstrich, seine Wagen waren breit, obwohl er auf Schmalspur lief, elegant eingerichtet, sogar eine Bar gab es im zuge. Großartig ledergepolstert sassen wir einander gegenüber am breiten Fenster und genossen die herrliche Aussicht.

Strohhut für die Vorder- und Hinterseite des Eselchens

Leider sind wir nicht eisenbahnkundig genug, um sagen zu können, was für ein „Motorzug“ das war. Wir vermuten stark, dass es sich um einen von einer Diesellok gezogenen Zug handelte. Auf alle Fälle hatte sich unser dänischer Wandersmann gründlich vorbereitet, um Einwände gegen die Mitnahme des Esels im Vorneherein zu begegnen:

Das Eselchen stand zwischen und zu den Knien und genossen mit. Die mit uns reisten im Wagen waren fast alle Ausländer, von daher und dort, von überall her, unsere lieben Mitreisenden schauten erstaunt auf den Esel und zu uns herüber, einige belustigt, die meisten empört. Aber was wollten Sie den? Ich hielt einen alten Strohhut bereit für für alle Fälle: falls mein Eselchen Appetit bekommen sollte – oder aber guten Appetit gehabt hatte. Da durften sie unbesorgt sein.

Bahnstrecke Bosnien – Serbien wie sie nicht im Baedecker steht

So ging es dann durch“ interessanteste Berglandschaft; oft waren gewaltige Höhenunterschiede zu übersteigen, in kühnen Kehren und und Schleifen gelangten wir höher, durch vier, fünf Tunnels… bis wir endlich schwindelhoch droben fuhren und talwärts blickten auf die vielen Stockwerke der Bahngleise.“

Einer der ausländischen Mitreisenden, Wolfram mit Vornamen, verkündet stolz, dass er in seinemReiseführer, dem Baedecker, gelesen habe, es seien neunudneunzig. Zur sSicherheit zählt er jedoch mit „und notierte sie … auf dem Rande der Speisekarte.“ Eine Eigenart, die Vervoort spöttisch kommentiert: „Nun vielleicht hatte er einen strengen Vater gehabt, der auf so etwas hielt, oder er traute dem Balkan nicht recht“.

Das Mißtrauen war tatsächlich angebracht. Irgenwann waren es „ein-hun-dert-und-eins, ein-hun-dert-und-zwo.. Und es wurden noch immer mehr, wurden ein-hun-dert-und-sechs-und-dreißig“.

Für Wolfram stellte das ein riesiges Problem dar. Vervoort nutzt diese Szene, sich allgemein über diese Art von Touristen auszulassen:

Aber bei mir im Baedecker steht doch `neunundneunzig Tunnels` entschuldige sich Wolfram ganz betroffen.

Bosnische_Ostbahn_Flügelstrecke_km_3
Bildquelle: Wikicommons Von Autor unbekannt – Milena Preindlsberger-Mrazovič: Die bosnische Ostbahn: Illustrierter Führer auf den bosnisch-hercegovinischen Staatsbahnlnien Sarajevo–Uvac u. Megjegje–Vardište; Wien, Leipzig: A. Hartleben’s Verlag, 1908, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=53324579

Was jetzt? Die beiden waren aus dem Gleichgewicht geraten, und sie hatten sich gerade auf diese bosnische Bergfahrt doch so gefreut. Was hat das Reisen den noch für einen Sinn, wenn nicht einmal auf den Baedecker Verlaß war! Wolfram erhob sich und trat zu einer anderen Gruppe Mitreisenden, sprach einen Herren an… Ob der Herr vielleicht die Güte haben und in seinem Grieben einmal nachschauen wolle, wieviele Tunnel dort angegeben wären? … Und die Herren verglichen, sie diskutierten und beleuchteten das, ganz erfüllt waren sie von der unerhörten Differenz zwischen den erbauten und den baedeckerschen Tunnels.

Goldene Triangel (10)

Neuer Schaffner mag keine Esel

Aber auch den Vervoorts vergeht bald das Lachen. Nach einem Personalwechsel geraten sie an einen Schaffner, der kein Pardon mit dem Esel hat und sie aus dem Zug weist.

Während eines Zwischenhaltes mussten sie eine Möglichkeit finden, das Tier unterzubringen. Die Lösung bestand darin, den grauen Langohr mit Unterstützung von Mönchen zu einem Freund per Bahn nach Deutschland, genauer nach Würzburg, zu schicken.

Wird fortgesetzt. Die nächste Etappe führt uns nach Serbien. Sobald der Folgebeitrag online ist wird hier ein link auf diesen gesetzt.

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