Zar und Kräutermann

Verschwörungstheoretiker behaupten, dass Jugoslawien nicht von Josip Broz, genannt Tito, sondern von einem von Moskau eingesetzten Double geführt worden wäre.

Bezüglich Montenegros weiß man dagegen definitiv, dass es eine Zeit lang von einem falschen Herrscher regiert wurde. Und auch hierbei gibt es wiederum Verbindungen nach Rußland.

Stefan der Kleine“ macht große Karriere

Die Rede ist von „Stefan dem Kleinen,“ (Šćepan mali) der in Montenegro von 1767 bis 1773 als einziger Herrscher in der Geschichte des Landes, der den Titel „Zar“ trug, herrschte.

Stefan war – das scheint historisch gesichert – ein Kräuterdoktor, der sich in Montenegro ansiedelte. Umstritten ist dagegen bereits, von woher er kam. Jedenfalls scheint er seinen Job gut gemacht zu haben. Deshalb erwarb er sich ein hohes Ansehen.

Mehr noch: Da er einem Porträt des kurz vorher (vermutlich im Auftrag seiner Gattin und Nachfolgerin Katherina der Großen) ermordeten russischen Zaren Peter III in einer der Kirchen des Landes sehr ähnlich sah, kam bald das Gerücht auf, der Zar hätte damals das Attentat überlebt und würde nun inkognito in Montenegro leben

Ob man es glaubt oder nicht: Dieses Gerücht führte tatsächlich, zusammen mit anderen Umständen, dazu, dass Stefan der Kleine zum Herrscher und Zar von Montenegro ernannt wurde.

Mit ein Grund dafür, dass die eher unwahrscheinliche Geschichte des geflohenen Zars geglaubt wurde, war wohl der damalige Zustand Montenegros. Das lag damals im Einflussbereich der damaligen Großmächte und im Inneren stritten sich rivalisierende Stammeshäuptlinge. In dieser Situation wurde das Land vor äußeren Feinden letztlich vor allem durch seine unzugängliche Geografie geschützt. Kein Wunder also, dass viele auf einen heilsbringenden Retter von außen warteten. Und ein angeblicher Russe hatte dabei gute Karten, da Russland in Montenegro in hohem Ansehen stand – und auch heute noch steht. Hinzu kam, dass man sich von dem ebenfalls orthodoxen Russland Unterstützung im Kampf gegen die Osmanen erwartete.

Vor diesem Hintergrund störte es die ansonsten sehr traditionsbewußten Montenegriner nicht einmal, dass die Ernennung eines solchen Zars mit althergebrachten Bräuchen brach, da dadurch die weltliche von der geistlichen Macht getrennt und die Herrschaft der eingesessenen Dynastie Petrović-Njegoš unterbrochen wurde.

Despot kümmert sich um soziale Sicherheit

Stefan der Kleine, der auch Italienisch, Französisch und Deutsch (aber erstaunlicherweise kein Russisch) sprach, scheint ein kluger Herrscher gewesen zu sein. Er übte sein Amt zwar despotisch aus, war aber gleichzeitig immer auch auf das Wohl seiner Untertanen bedacht. So verhängte er drakonische Strafen für Diebstahl, führte 1771 die erste Volkszählung durch (um die Schießpulvervorräte für den Kampf gegen die Osmanen gerecht verteilen zu können!) und legte eine Preisobergrenze für Getreide fest. Außerdem hat er das erste ständige montenegrinische Gericht eingerichtet, das mit zwölf Stammesältesten besetzt war.

Eine seiner größtem Erfolge war aber, dass es ihm gelang, der Blutrache unter den montenegrinischen Stämmen Einhalt zu gebieten. Diese Maßnahme dient nicht nur der inneren Sicherheit, sondern sie verstärkte auch die Möglichkeit sich nach außen zu verteidigen.

Das war auch bitter notwendig, da die Osmanen während der Regierungszeit von Stefan dem Kleinen das Land mit einem Heer von 50.000 Soldaten überfielen. Das waren mehr Soldaten als das Land Einwohner hatte. Deshalb konnte man gerade einmal 10.000 Kämpfer gegen die Osmanen mobilisieren. Dennoch ging deren Angriff ins Leere. Insbesondere gelang es nicht, Stefan gefangen zu setzen. Die osmanische Armee zog sich deshalb wieder aus dem unwirtlichen Land zurück.

Viele einflussreiche Gegner

Eine Politik, die das kleine Montenegro stärkte, war jedoch nicht im Interesse der damaligen Großmächte Österreich Russland, Türkei und der Venezianischen Republik.

Russland schaffte es sogar dadurch, dass es die Legende vom angeblich überlebenden Zaren durch einen Abgesandten dementierte, dass Stefan der Kleine kurzzeitig des Amts enthoben und in Haft gesetzt wurde. Ihm gelang es jedoch, nicht nur entlassen zu werden, sondern er wurde auch wieder in seine Funktion eingesetzt.

Nicht das einzige Mal, dass er einer schwierigen Situation entkam. So hatten bereits im Jahre 1767 die Venezianer versucht, ihn zu vergiften

Katharina die Große machte sich sogar Sorgen, dass der betrügerischer Wiedergänger ihres ermordeten Ehemanns nach Russland kommen und auch dort dessen Rolle einnehmen könnte. Und in den Nachbarlädnern Montenegros stellten Lehensmänner die Tributzahlungen an ihre osmanischen und venezianischen Lehensherren ein.

Übles Ende

Besonders fürchtete ihn der osmanische Gouvernour in Albanien Kara Mahmud Pasha, der eine Invasion aus Monetenegro befürchtete, und deshalb einen Diener Stefans als Auftragsmörder anwarb.

Was dann geschah, beschrieb einer seiner Biographen so:

Tragisch war sein Ende. Bei Anzündung einer Mine verlor er die Augen , und als er von nun an blind in seinem Kloster lebte, wurde sein Diener, ein geborner Grieche, der ihn während seines Krankenlagers bedient und gepflegt hatte , vom Pascha von Scutari durch Bestechung gewonnen, ihn umzubringen . Bei einer guten Veranlassung schnitt jener dem blinden Stjepan im Schlafe den Hals ab, versperrte das Zimmer und sagte den Leuten, sie möchten keinen Lärm machen, und nicht ins Zimmer gehen, bis er zurückkomme , indem sein Herr etwas auf die Augen gelegt habe und darum der Ruhe bedürfe. Als er aber nach mehreren Stunden nicht rührte, wurde das Zimmer gesprengt und Stjepan Mali in ſeinem Bette im Blute schwimmend todt gefunden.

Geschichte inspiriert Autoren

Die Geschichte von Stefan dem Kleinen wurde hier wesentlich verkürzt wiedergegeben. Dabei mussten viele Aspekte (beispielsweise die Konkurrenz zu, aber auch zeitweise Zusammenarbeit, mit dem eigentlich zur Regierung berufenen Fürstbischof ) weggelassen werden.

Es ist wohl kein Wunder, dass der falsche Zar nicht nur im Lande selbst, sondern auch weit darüber hinaus, breite, mittlerweile allerdings weitgehend vergessene Spuren in Literatur und Kunst hinterlassen hat.

Bereits im Jahr 1784 erschien eine erste Biografie, die ein gewisser Stefano Zannowich verfasst hatte. Dessen Geschichte ist wenig schmeichelhaft für die Montenegriner. Zannowich behauptete nämlich, dass Stefan der Kleine nur deshalb nach Montenegro gekommen sei, weil er dessen Bewohner für naiv genug hielt, eine solche bizarre Geschichte zu glauben.

Dieser Zannowich wiederum war selbst eine eher skurrile Person. Unter anderem soll 1776 Friedrich den Großen von Preußen angeschrieben haben und sich selbst als Stefan der Kleine ausgegeben haben, wobei er darauf hinwies, dass man ihn irrtümlich für tot halten würde …

Die Geschichte des falschen Zaren gelangte irgendwann auch nach Deutschland. Dort schrieb ein gewisser Karl Herloßsohn im Jahre 1828 den Roman „Der Montenegrinerhäuptling“, der sich lose an den damaligen Gegebenheiten orientiert. Danach soll Stefan in Wirklichkeit ein venezianischer Offizier namens Stefan Piccolo gewesen sein, der auf dem Umweg über Montenegro tatsächlich russischer Zar werden wollte. Als er dann erkannte, dass ihm das nicht gelingen würde, versuchte er, Montenegro den Osmanen zu übergeben. Als dieser Plan entdeckt wurde, enthauptete man ihn. Der deutsche Autor machte also von seiner künstlerischen Freiheit bei der Ausgestaltung der Geschichte reichlich Gebrauch!

Ebenfalls in deutscher Sprache veröffentlicht wurde eine weitere Variante der Geschichte des kleinen Stefans. Verfasst hat sie der serbische Linguist und Historiker Vuk Karadžić. In seinem Werk „Montenegro und die Montenegriner: ein Beitrag zur Kenntniss der europäischen Türkei und des serbischen Volkes“, aus dem auch die oben zitierte Passage stammt, widmet er der Geschichte des falschen Zaren breiten Raum. Dabei hebt er insbesondere hervor, dass die Montenegriner diesem so ergeben waren, dass sie ganz vergaßen, dass dieser sie in einen Krieg mit den osmanischen gestürzt hatte, der beinahe zur Zerstörung des Landes geführt hätte.

„Amtsnachfolger“ als Biograph

Der nächste Autor, der sich des Themas annahm, war quasi einer seiner Amtsnachfolger. Petar II Petrović-Njegoš, Fürstbischof von Montenegro von 1830 bis 1851 und einer der ersten und bedeutendsten Schriftsteller des Landes in Personalunion, veröffentlichte 1851 ein Theaterstück mit dem Titel „Der falsche Zar Stefan der Kleine“. Seine Uraufführung erlebte das Stück jedoch erst mehr als 100 Jahre nach seiner Veröffentlichung im Jahre 1969 im montenegrinischen Nationaltheater.

Im Jahre 1868 folgte dann eine Biografie “Der kleine Stefan, verfasst aufgrund der Volksüberlieferungen“ aus der Feder von Stjepan Mitrov Ljubiša.

In den Jahren 1955 und 1979 diente die Geschichte dann als Vorlage für zwei Spielfilme.

Und 2002 erblickte erneut ein Bühnenstück, dieses Mal mit dem Titel „Der falsche Zaren Stefan der Kleine, der Montenegro von 1766 bis 1773 regierte“ das Licht der Welt.

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