Jüdische Geschichte in BuH 1918 bis 1945 (Buchbesprechung)

In Bosnien und Herzegowina (BuH) leben vor allem drei Volksgruppen: Bosnier/Bošnjaken, Kroaten und Serben.

Diese „konstitutiven Völker“ sind so dominant, dass die anderen Volksgruppen – wie auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte  in seiner Sejdić/Finci-Entscheidung betätigte – benachteiligt werden.

Zu diesen Gruppen, die gemeinhin als „die anderen“ (ostali) bezeichnet werden. gehören die Juden, die lange Zeit einen wichtigen Teil der Gesellschaft in BuH bildeten.

Umso erfreulicher ist es, dass nun mit dem Buch  Pravni položaj Jevrejske zajednice u BiH od 1918. do 1945. godine (Rechtliche Situation der jüdischen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina von 1918 bis 1945) von  Benjamina Londrc, Oberassistentin an der Universtität in Travnik und Assistentin in Zenica – leider nur in lokaler Sprache – eine weitere Publikation dazu vorliegt. Sie befasst sich mit der Periode von 1918 bis 1945, einem wichtigen Teil der jüdischen Geschichte in BuH, der zudem von einem mehrfachen Wechsel der Staatsfom gezeichnet ist, und ergänzt die bisher bestehende Literatur vor allem im rechtlichen Bereich.

 Steuervorteile unter den Osmanen

Im einleitenden Teil erfährt der Leser auch vieles über die vorangegangene Geschichte der Juden in BuH. Allgemein beschränkt sich die Darstellung hierbei nicht nur auf das Recht, sondern erfasst auch das gesellschaftliche Umfeld. So erfährt der Leser, dass die Juden während des osmanischen Reiches zuerst die selbe Rechtsstellung hatten wie andere nicht islamische Religionen, was auch verschiedene Formen der Diskriminierung umfasste (Verbot der Errichtung von Gotteshäusern, Bekleidungsvorschriften).

Im Laufe der Zeit wurden diese Vorschriften allgemein gelockert. Den Juden gelang es teilweise sogar, durch geschicktes Taktieren, weitere Vorteile zu erlangen.

So wurde man beispielsweise nur in die dritte, geringste Klasse für die nur von icht-Muslimen zu zahlenden Immobiliensteuer harač eingruppiert (S. 22). Wegen des großen Vertrauens, das Juden in finanziellen Dingen genossen, stellten sie einen überdurchschnittlich großen Anteil an Finanz-, Steuer- und Zollbeamten (S. 23).  Diese Bedeutung war so groß, dass man während des Faschismus, als alle Juden aus dem öffentlichen Dienst entlassen wurden, Schwierigkeiten hatte, Ersatz für diese zu finden.

Für die große Integration der aus Spanien zugewanderten Juden spricht auch, dass es im osmanischen Reich, anders als in anderen Teilen Europas, kaum Judenprogrome und keine gesonderten Ghettos für die Juden gab (Dzevdad Dino in seiner Rezension zum hier besprochenen Buch, dort S. 188)

Wenig erfolgreicher Boykottaufruf

Das Bild, das von der Situation der Juden in BuH bis zum Beginn des Faschismus ist gezeichnet wird, ist überwiegend positiv. Jedoch werden auch Konflikte nicht verschwiegen.

Einer davon ist der Aufruf zum Boykott jüdische Geschäftsleute durch den Führer der islamischen Glaubensgemeinschaft reisu-l-ulema Dzemaludin Causevic im Jahre 1925, der gegen die damals aufkommenden zionistischen Bestrebungen auch unter den Juden in BuH gerichtet war.

Nach den Befunden der Autorin war dieser Boykottaufruf jedoch nur von geringem Erfolg gegönnt. Eine der Ursachen hierfür war, dass die jüdischen Gewerbetreibenden in BuH auch während der damaligen Weltwirtschaftskrise noch bereit waren, auf Kredit zu verkaufen. Ein anderer lag darin, dass ein Abbruch der Geschäftsbeziehungen seitens der muslimischen Bosnier dazu geführt hätte, dass diese ihre Schulden sofort hätten zurückzahlen müssen (S. 50)

Ab 1941 wurden große Gebiete von BuH Teil des faschistischen Marionettenstaates Nezavisna Država Hrvatska NDH (Unabhängiger Staat Kroatien). In diesem wurde die Diskrimierung und Vernichtung der Juden im Zeitraffer nachvollzogen. Bemerkenswert, dass man auch hier die eigenen Untaten dadurch zu rechtfertigen suchte, dass man sie durch Gesetz und andere Vorschriften (S. 78) als Recht darstellte.

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Ausführungsvorschrift zur „Gesetzlichen Verordnung über die verpflichtende Meldung jüdischen Eigentums und jüdischer Unternehmen“ aus dem Jahr 1941

Am Ende des Zweiten Weltkrieges waren 70 % der Juden von BuH tot, viele weitere emigriert.

Früher hatten die aus Spanien zugewanderten Sephardim und der mit der österreich-ungarische Verwaltung hinzugekommenen Aschkenasim eigene Gotteshäuser, heute teilen sie sich in Sarajevo eine Synagoge, da es nur mehr einige Juden gibt (S. 101, vgl.auch S. 29).

Damit bedeutete 1945 auch in BuH das fast vollständige Ende einer europäischen Kultur. Dieses Buch erzählt also auch von einem Kapitel verherrenden deutschen Einflusses in Südosteuropa. Deshalb wäre es gut, wenn es auch in deutscher Sprache erscheinen würde.

Die näheren Angaben zum Buch

Benjamina Londrc,  Pravni položaj Jevrejske zajednice u BiH od 1918. do 1945. godine (Rechtliche Situation der jüdischen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina von 1918 bis 1945,  Sarajevo 2016, 155 Seiten, ISBN 978-9958-586-10-01

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