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Das Buch „Weltgeschichte und Alltag im Banat – Fälle aus einem Anwaltsarchiv von der Monarchie bis zum Kommunismus“ von Tibor Varady ist vielschichtig.

Sprachenvielfalt, Zusammenleben und Politik

Das fängt schon bei den Personen, die in diesem Buch vorkommen, an. Sie sprechen nämlich drei unterschiedliche Muttersprachen: Serbisch, Ungarisch und Deutsch. Viele von ihnen konnten durch das multinationale Zusammenleben am Ort der Handlung, dem Banat, zudem die Sprachen der jeweils anderen recht passabel.

Allerdings funktionierte dieses Zusammenleben nicht immer reibungslos. Genau diese Störungen gaben den Anlass zu diesem Buch

Es erzählt nämlich über mehr als ein Jahrhundert die Geschichte der systematischen Diskriminierung von – je nach politischen Rahmenbedingungen – wechselnden Volks- und Bevölkerungsgruppen.

Anwaltsperspektive eröffnet zusätzliche Einblicke

Dies geschieht aus einer besonderen Perspektive, nämlich derjenigen einer Familenanwaltskanzlei, die im Laufe ihrer mehr als einhundertjährigen Geschichte Angehörige aller betroffenen Gruppen vertreten hat.

Deutlich wird dabei, dass Opfer und Täter im Laufe der Geschichte wechseln, die Methoden aber dieselben bleiben.

Besondere Erkenntnissse ergeben sich dadurch, dass die Gerichtsverfahren (solche sind meist Gegenstand der Berichte) aufgrund von Anwaltsakten erzählt werden. In diesen findet sich auch die interne, vertrauliche Kommunikation zwischen Mandant und Anwalt. Dies erlaubt breitere und ungefilterte Einblicke als dies Gerichtsakten tun würden.

In der Verlagswerbung heißt es dazu:

Aus den Akten …. wird das Zusammenleben der Menschen anhand der rechtlichen Konflikte innerhalb einer multiethnischen Kleinstadtkultur in den verschiedenen Staatsformen des 20. Jahrhunderts lebendig.

Das Alltagsleben im alten Österreich und danach, die Brüche zwischen der k.u.k. Monarchie, dem Königreich Serbien, der deutschen Besetzung, dem kommunistischen Jugoslawien und dem heutigen Serbien werden aus den Kanzleiunterlagen sichtbar, war doch der Anwalt oft die wichtigste Hilfe für den Bürger gegen die aktuellen Regime und ihre Willkür.

War in der aktuellen Situation der Ausgang des Prozesses das Entscheidende, wird heute durch die Akten die Welt lebendig, in der diese Prozesse stattgefunden haben.

Buch erscheint in verschiedenen Sprachen

Auch die Unterlagen, aufgrund deren die Ereignisse recherchiert wurden, sind in den drei genannten Sprachen verfasst. Deshalb bedurfte es zum Verfassen eines solchen Buches eines Autors, der diese drei Sprachen beherrscht.

Dabei handelt es sich um Professor Dr. Tibor Varady, bekannter Jurist, aber auch Publizist, der früher u.a. an den Juristischen Fakultät in Novi Sad und an der Central European University in Budapest lehrte. Er ist zugleich auch der Enkel und der Sohn der früheren Inhaber der Kanzlei, deren Archiv  die Basis für das Buch bildete.


Das Buch erschien zuerst in ungarischer, dann in serbischer Sprache. Nun ist es beim österreichischen Böhlau-Verlag auch in Deutsch erschienen.

Lektüre für viele

Es ist eine empfehlenswerte Lektüre nicht nur für alle, die sich mit dem ehemaligen Jugoslawien befassen. Auch diejenigen, die sich dafür interessieren, wie das Recht von Gesellschaftssystemen mit unterschiedlichen Vorzeichen missbraucht wird, und wie man diesen Missbrauch  nachträglich aufdecken und abarbeiten kann, werden von der Lektüre profitieren..

Da das umfangreiche Buch sich mit juristischen Dingen auseinandersetzte, muß man an manchen Stellen sehr konzentriert lesen. Zahlreiche Abbildungen von Originaldokumenten und Fotografien lockern das Werk jedoch auf.

Weitere Stimmen und Informationen zum Buch

Diejenigen die der  bosnischen, kroatischen, montenegrinischen und/oder serbischen Sprache mächtig sind, finden ausführliche Besprechungen über das Werk nicht nur in allgemeinen, sondern auch in verschiedenen, auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens erscheinenden juristischen Fachzeitschriften.

Dies zum einen in „Pravni zapisi“ (Juristische Protokolle), zum anderen in der  “Nova pravna revija – časopis za domaće, njemačko i evropsko pravo” (Neue Juristische Rundschau-Zeitschrift für regionales, deutsches und europäisches Recht, kurz NPR) Ausgabe 2/2016, dort dort S. 61ff.

Die verschiedenen Ausgaben sind:

  • Tibor Varady, Weltgeschichte und Alltag im Banat – Fälle aus einem Anwaltsarchiv von der Monarchie bis zum Kommunismus (Übersetzt von Erzsebet von Kontz), Mit einem Vorwort von Richard Buxbaum und einem Nachwort von Srđan Šarkić und Thomas Simon,  Böhlau Verlag , Wien, Köln, Weimar, 2016, 280 Seiten ISBN 978-3-205-20338-4, 35,00 Euro,
  •  Tibor Várady,  Zoknik a csilláron, életek hajszálon – Történetek az irattárból, (Socken auf dem Kronleuchter, Leben am seidenen Faden),  Budapest 2013, ISBN: 9789631431452, 270 Seiten, 3490 ungarische Fornit sowie
  • Tibor Varadi, Spisi i ljudi : Priče iz advokatske arhive (Akten und Menschen – Geschichten aus dem Anwaltsarchiv), Akademska knjiga Novi Sad 2015, broschiert, 319 Seiten, ISBN 978-86-6263-090-2, 1.650,00 serbische DinarLaura Ramona Revier