Montenegro: Gastfreundliche und tödliche Traditionen, (Jugoslawien auf Schusters Rappen 1939 Teil IV)

Informationen zum Beitragsbildes finden sich am Ende des Textes

In der Rubrik „Jugoslawien auf Schusters Rappen“ laden wir Sie zu einer Reise (meist) zu Fuß durch das Jugoslawien der ausgehenden 1930er Jahren aus der Sicht von neugierigen Nordeuropäern ein. Dadurch entsteht gleichzeitig eine Bestandsaufnahme des unterschiedlichen Alltagslebens in den verschiedenen Gebieten des Königreichs Jugoslawiens kurz vor seiner Auflösung im Zweiten Weltkrieg und vor der Wiedergründung des südslawischen Staats unter ganz anderen politischen Vorzeichen nach Kriegsende. Basis dieses Berichtes ist das Buch „Die goldene Triangel“ von Pieter Vervoort aus dem Jahr 1941.

Die Beschreibung Kroatiens begann mit dem städtischen, westlich geprägten Zagreb, setzt sich mit der eindrucksvollen Schilderung einer Durchquerung des Karstgebirges auf dem Weg zum Meer fort und gipfelt in einem wahren Feuerwerk mediterraner Highlights an der Küste.

Damit in großem Kontrast steht das Bild, das der Autor von dem angrenzenden Montenegro zeichnet. Den Grundton hierfür setzt die einleitende Beschreibung:

Montenegro, sagenumschlungenes Land der Schwarzen Berge in deiner mythischen Geschichte, deiner Abgeschiedenheit und patriarchalischen Tradition.

Klein und hart ist dieses Land, das Leben seines Hirtenvolkes arm und karg. Schroff und dunkel sind die Berge, wilder, öder Karst

An anderer Stelle wird die Vorliebe der Montenegriner zu Waffen beschrieben:

Ja arm sind diese Menschen, ihr Leben hart und karg.… Doch ihr Reichtum, ihr ganzer Stolz sind Waffen. In jeder Hütte, selbst in der ärmsten, hängt neben der Tür ein Gewehr, reich beschlagen und verziert, hängen oftmals mehrere und dazu lange Pistolen. Denn alles kann ein Mann der Schwarzen Berge missen, sich von jedem trennen, nur von seiner teueren Waffe nicht.

Besonders beeindruckt ist der Autor von den archaischen Stammestraditionen

. es wäre hier wie im benachbarten Albanien drüben undenkbar, einen Fremden, einen Wanderer, einen jeden etwa nicht zu beherbergen und als Gast aufzunehmen und zu ehren. Da ist keine Berghütte zu klein, keine kein Hütte zu arm, keine Mitternachtsstunde zu spät. Es ist etwas Ergreifendes um solche Gastfreundschaft in unseren Tagen der Welt, die bis in ihre entlegensten öden Winkel hinein das Zählen und die Valute gelernt hat, bis in die Taschen und armen Köpfe der Bauern und Fischer hinein das „Touristen“ und Sommerfrischlern und Beehren-Sie-Mich-Nächstens-Wieder.

Hierzulande ist sie etwas Geheiligtes, fast Mystisches.

In diesem Zusammenhang erwähnt er auch, dass man in Montenegro das Haus nicht abschließt, wenn man es verlässt.

Wer jedoch, wie in manchen westlichen Gesellschaften, in denen man es ähnlich hält, als Grund dafür das allgemeine Vertrauen in Recht und Ordnung vermutet, irrt. Die Wurzeln dieses Brauchees liegen wiederum in der harten, von vielen Kämpfen und Auseinandersetzungen geprägten Geschichte Montenegros:

Bei Tag und Nacht ist die Haustüre unverschlossen, steht stets ein Fenster offen und Speis und Trank auf dem Fensterbord; denn es könnte sein, dass ein Mensch, der eine Schuld auf sich geladen hat und von Häschern gejagt wird, seine Flucht am Fenster hier vorbei nimmt – da soll er Nahrung finden für den weiten Weg in die wilden Berge. Und es kann wohl sein, dass der Gehetzte hierher unter das Menschendach flieht und sich verbergen will. In jedem Hause ist er sicher, wie in den christlichen Ländern des frühen Mittelalters im geweihten Schutze der Kirchen, und kein Scherge würde es wagen, einzubringen.

Im groben Gegensatz zu dieser menschenfreundlichen Tradition der Gastfreundschaft auch gegenüber Flüchtenden steht die Verpflichtung, den Tod eigener Angehöriger durch Blutrache zu sühnen. Im Zusammenhang mit dieser wirft der Autor die Frage auf, was eigentlich passieren würde, wenn diese Gebote, die beide allerhöchsten Rang haben, miteinander im Konflikt kämen. Dies macht ihren folgenden Beispiel deutlich:

So wird erzählt aus jüngster Zeit:

In einer wilden Sturmnacht trat ein Mann in das Haus einer alten einsamen Mutter. Sie erschrak, als sie den Mann erkannte, der ein Verfemter war. Ist es besser, Mutter, wenn ich mich unter deinem Dach ausruhe bis morgen zur neuen Dunkelheit? fragte der junge Mensch. Besser, sagte die Greisin zitternd darauf. Und für diese vierundzwanzig Stunden hatte er sich in ihren Schutz gerettet, speiste ihn die alte Mutter und behütete den Schlaf des Mannes, der ihr den Sohn erschoss, weil dieser jenes Vater tötete, der vor langer Zeit den Mann der alten Mutter umbrachte. Welch schicksalsdüsteres Verflecht von Gastfreundschaft und Blutrache! Was müssen das für Menschen sein! Was für Herzen! Montenegro…

Mit diesem irritierenden Beispiel ist auch das Verhältnis zwischen dem Gebot der Gastlichkeit und der Verpflichtung zur Blutrache geklärt:

Heilig ist das Gesetz der Gastfreundschaft, stärker selbst als das des Blutes.

Wer an dieser Stelle noch einmal zur Beschreibung der Beamtenschaft in Slowenien zurückschlägt, erkennnt, welche kulturellen Gegensätze in Jugoslawien zusammen kamen und miteinander im Einklang gebracht werden mussten.

Im nächsten Beitrag zu Jugoslawien auf Schusters Rappen wird eine Reise in die Herzegowina geschildert, bei der die beiden Protagonisten auch eindrucksvoll von einer Eisenbahnfahrt berichten. Sobald der Artikel online ist, wird hier ein link gesetzt.

Beitragsbild:

„Enthauptung eines türkischen Offiziers“ Gemälde von Aksentije Marodić (1838-1908) – http://www.arte.rs/sr/umetnici/aksentije_marodic-3944/opus/bajo_pivljanin_ubija_turcina-1255/, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15326890

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