Starship „Luxor“: Von Köln in das Zentrum des Balkan-Universums in drei Akkorden

Cocker kam fast nicht rein, Kravitz vor kleinem Publikum

Das „Luxor“ ist ein Club mit lange Geschichte: Hier spielte mancher, der später Hallen und Stadien füllte, zu Anfang seiner Karriere vor überschaubarem Publikum. So etwas Lenny Kravitz, Oasis und REM – die Reihe ließe sich sogar noch fortsetzen

Joe Cocker dagegen wäre beinahe nicht in das Luxor hineingekommen. Die Türsteher (er)kannten ihn nämlich nicht. Und konnten sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass der schmuddelige Mann, der Einlass begehrte, der internationale Rockstar war, dem am selben Abend in dem Club eine Goldene Schallplatte verliehen werden sollte.

Köln wird Balkan

Normalerweise liegt das Luxor in Köln. Neulich abends fühlte es sich jedoch so an als befände es sich irgendwo zwischen Belgrad, Sarajevo und Zagreb. Deutsch sprach an diesem Abend nur das Personal am Tresen. Vor der Bühne hörte man dagegen ausschließlich die unterschiedlichen Dialekte von Diaspora-Jugos aus ganz NRW.

Amputierte Gitarre lässt der Trompete Raum

Der  Anlass für diese Balkanisierung waren S.A.R.S.,  eine Band aus Belgrad.

Der Name klingt ungesund – und ist es auch.

Allerdings steht er nicht für die gleichnamige Lungenkrankheit, sondern ist (angeblich) die Abkürzung für „Sveže Amputirana Ruka Satrijanija“. Und das heißt  nichts anderes als „Die frisch amputierte Hand von Satriani„.  (Ob es den US-amerikanischen Rockgitarristen Joe Satriani wohl freut, dass sein Name Eingang in denjenigen einer balkanischen Alternativ-Band gefunden hat?)

Der Name hat jedoch eine gewisse Logik: Da S.A.R.S. mit nur einem einzigen Gitarristen wunderbar rockt und groovt wäre es – natürlich nur vom musikalischen Standpunkt aus gesehen ! – nicht weiter schlimm, wenn der zweite Gitarrist tatsächlich durch eine solche Operation „außer Gefecht“ gesetzt worden wäre.

Die Rolle der Solos übernimmt nämlich meist eine Trompete.

Auch das Akkordeon/ die Ziehharmonika/ die Quetsche rockt 

Eine wichtige Rolle spielt auch ein Akkordeon, auch Ziehharmonika genannt.

Die Kombination zwischen E-Gitarre, also dem Neuesten vom Neuen, und der „Quetsche“, also einem eher altmodischen Instrument, ist übrigens im YU-Rock und -Pop schon sehr alt. Bereits vor 30 Jahren hat die Band Plavi Orkestar (Blaues Orchester) damit gearbeitet.

Damals waren in Deutschland Rockmusik und Volksmusik in der öffentlichen Wahrnehmung noch Gegensätze. Von Weltmusik sprach noch keiner sprach und das Wot Balkanbeats war noch völlig unbekannt. Nur der Zündfunk des Bayerischen Rundfunks brachte mal eine Stunde über Jugo-Rock.

In der Stunde danach kam der libanesische Oud-Spieler Rabih Abou-Khalil.  Zu dieser Zeit gehörte Musik aus Jugoslawien aus deutscher Sicht also eher in die Exotenecke, auch wenn damals schon jugoslawische Gruppen durch Deutschland tourten – und dort vermutlich auch einen beträchtlichen Teil ihres Einkommens einspielten.

Balkan meets Reggae with a touch of Funk: Würziger Musikmix

Mit Trompete, Akkordeon und elektrischer Gitarre bereits einige Bestandteile des vielfältigen und schweißtreibenden musikalischen Gerichts, das an diesem Abend zusammengerührt wurde, angedeutet:

  • Hier trifft Rock auf traditionelle serbische Blasmusik.
  • Den dritten musikalischen Basisbestandteil bildet der Reggae.
  • Garniert und abgeschmeckt wird dieses Gericht mit weiteren Kräutern und Streuseln anderer musikalischer Stilrichtungen wie Funk.
  • Ab und an ist auch ein bisschen Schlagerkitsch dabei.

Es überwiegt aber, was in die Beine, Hüften und Arme geht. Rhythmus, Schweiß und Bier bestimmen so den Abend.

SARS Klein 76

Melodien aus der Heimat, aber keine Hurra-Patriotismus

Anders als bei Turbofolk-Veranstaltungen, bei denen ebenfalls die Post abgeht, gibt es hier in den Texten jedoch keine Heimattümelei, sondern es überwiegen kritische Töne über das ehemalige Jugoslawien:

Gezeichnet wird da Bild einer sozial gespaltenen Region, in der die einen nicht einmal Marmelade haben, um den letzten trockenen Kanten Brot, der sich in der Wohnung findet, zu versüßen, während beim Nachbarn der Kühlschrank vor „Mortadella und Nutella überquillt.

Überhaupt hält sich die Liebe zum eigenen Land in Grenzen, da dort die „Würste alt, die Straßen dreckig und die Tage räudig“ sind. Auch jenen, die ihm alles gegeben haben, gibt dieses Land nichts zurück. Gesungen werden solche „unpatriotischen“ Texte übrigens zu Melodien und in einer Ambiente, die eher in die traditionelle Richtung weisen.

Die Politik findet sogar Eingang in die Liebeslieder, beispielsweise, wenn es in einem Lied über eine tagsüber offensichtlich von Streit geprägte Beziehung heißt:

K’o Mladic i Gotovina/ ratujemo ti i ja

Wie Mladic und Gotovina/ bekriegen wir uns

Nur eines ist sicher: Es wird alles schrecklich – Die Balkan-Paranoia als Jahrzehnte altes musikalisches Narrative

Obwohl wohl die weitaus meisten im Publikum in Deutschland wohnen, singen alle aus voller Kehle mit, wenn es heißt „Živim na Balkanu („Ich lebe auf dem Balkan“).

Und das Wesentliche am Leben dort ist, so das Lied, dass alles Positive nur von kurzer Dauer ist und postwendend zu Unheil führt. So heißt es etwa:

Lep je dan i šetam se po gradu/ i mislim kako je savršeno sve,/a onda setim se da živim na Balkanu,/desiće se neko sranje kasnije il‘ pre.

Der Tag ist schön und ich spaziere durch die Stadt/Und ich denke, wie perfekt alles ist/Und dann erinnere ich mich daran, dass ich auf dem Balkan lebe/Und dass dort früher oder später immer irgendeine Scheiße passiert

Das Motiv des zum Unheil verdammten Balkans ist nicht neu. Bei Azra, der alternativen jugoslawischen Kultband der 1980-er heißt es in dem Lied „Balkan“ zum Beispiel:

Mi smo ljudi cigani/sudbinom prokleti/ uvijek neko oko nas/dodje pa nam prijeti

Wir sind vom Schicksal verfluchte Menschen, Zigeuner/ weil immer einer ums uns herum ist, der uns droht

Mit etwas kritischer Distanz drängt sich bei solchen Texten die Frage auf, ob hier nicht auch eine gehörige Portion Selbstmitleid im Spiel ist,  oder – schlimmer noch – Prophezeiungen, die sich selbst erfüllen, wenn sie nur oft genug wiederholt werden.

Angenehmer lässt sich das Unheil nicht vorausahnen

Wenn dem so ist, dann lässt sich der Untergang wohl kaum angenehmer vorausahnen als in Konzerten wie demjenigen von S.A.R:S:

 

Postscriptum

  1. Warum auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens Bands auffällig oft nach Krankheiten  benannt sind (so etwa nach der Gürtelrose, auch bekannt unter Zoster) oder über solche singen  (SARS selbst singt z.B. über Herpes und Bijelo Dugme hat schon in den 1980-ern die Filzlaus und ihre Auswirkungen auf das menschliche bzw. männliche Wohlbefinden besungen) wäre einmal einer Überlegung wert.
  2. Auch diese Art von S.A.R.S ist extrem ansteckend.
  3. Das „Luxor“ war am Abend danach übrigens wieder in Köln: „Ü 40“- Party war        angesagt. Andere Zielgruppe, andere Nostalgie.

 

 

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