Einst Verschnaufpause für Interrailer

Der Belgrader Hauptbahnhof ist für viele, die in ihrer Jugend mit Interrail durch Europa reisten, mit persönlichen Erinnerungen verbunden.

Auch wer keine Besichtigungspause in Belgrad machen wollte, musste in dem Kopfbahnhof umsteigen, wenn er weiter in Richtung Griechenland wollte. Deshalb hat mancher dort einige Stunden verbracht.

Viele, die etwa am Vorabend in München in den Zug in Richtung Balkan gestiegen waren,  haben dabei, nach einer Nacht und einem halben Tag im Eisenbahnabteil, die frische Luft und das deftige Essen auf der Terrasse des Eisenbahnrestaurants genossen. Für Abwechslung sorgte dabei das quirrlige Treiben der Ankommenden, Verreisenden, Abholenden, Hinbringenden, Flanierenden und Fliegenden Händler.

Heute schläferige Lethargie

Heute würden sie den Bahnhof wohl kaum mehr wiedererkennen, so sehr ist er in schläferige Lethargie verfallen.

Aufgrund der Ereignisse der letzten Jahrzehnte, aber auch wegen der starken Konkurrenz der Luftfahrt im internationalen Verkehr und des Busverkehrs im Inlands- und Auslandsverkehr ist die Bedeutung des Bahnhofs erheblich zurückgegangen.

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Außerdem hat der Umstand, dass bei den wenigen noch existenten Bahnverbindungen das Umsteigen nicht funktioniert, zu besorgten Nachfrage eines niederländischen Europa-Parlamentarier bei der EU-Kommission geführt.

Auch EU-Parlamentarier beklagen Situation

Unter der Überschrift „Andauern der schlechten Umsteigeverbindungen für Fahrgäste im Eisenbahnknoten Belgrad zwischen Zügen aus zahlreichen europäischen Ländern“ fragte er nach:

1. Ist der Kommission bekannt, dass die serbische Hauptstadt Belgrad ein unentbehrlicher Umsteigepunkt für Zugverbindungen zwischen Mitglied- und Kandidatenstaaten der EU ist, einerseits von und nach Griechenland, Türkei, Bulgarien und Mazedonien und andererseits von und nach Österreich, Ungarn, Slowenien und Kroatien?

2. Ist der Kommission bekannt, dass dieser Eisenbahnknoten einen normalen Verlauf durchgehender Reisen noch immer erheblich behindert, insbesondere seit die durchgehenden Züge Ljubljana-Zagreb-Belgrad-Skopje-Thessaloniki und zurück (Nr. 410/411 „Olympus“) — die ein Umsteigen überflüssig machten — Ende 2007 gestrichen wurden und die Verbindungshäufigkeiten in den vergangenen Jahren auf eine Verbindung am Tag nach Thessaloniki und zwei Verbindungen nach Skopje, Sofia und Budapest reduziert wurden?

3. Ist der Kommission bekannt, dass trotz der großzügig bemessenen Umsteigezeiten in Belgrad am frühen Morgen und späten Abend die Anschlüsse an Passagierzüge aus den Nachbarländern häufig nicht funktionieren, wie beispielsweise vor Kurzem am 29.11.2008 der Nachtzug (Nr. D334 „Hellas Express“) aus Thessaloniki und Skopje, der um 5.06 Uhr eintreffen sollte, aber stattdessen um 6.59 Uhr ankam, wodurch der Anschluss an Zug Nr. 344 um 6.45 Uhr nach Budapest und Wien-Westbahnhof verpasst wurde, da abfahrende Züge nicht auf andere Züge warten, und dass dieses Problem für Fahrgäste in Richtung Griechenland, die ihren einzigen Anschluss am Tag zwischen 20.43 Uhr und 22.20 Uhr bisweilen nicht erreichen, noch größer ist?

4. Ist der Kommission bekannt, dass diese missglückten Anschlüsse nicht nur Folge fehlender Doppelgleise, der begrenzten Kapazität im alten Kopfbahnhof von Belgrad und der Unbrauchbarkeit des für durchgehende Verbindungen vom ehemaligen Jugoslawien gebauten neuen Bahnhofs Beograd Centar sind, sondern auch eines unzureichenden Managements der bestehenden Umsteigemöglichkeiten?

5. Beabsichtigt die Kommission, im Dialog mit Serbien dieses Problem und eine Lösung zur Sprache zu bringen?

Die Kommission antwortete unter anderem:

The Commission, in close cooperation with the seven p artners in the West Balkan region, has reached agreement on a Regional Core Transport Network where indeed Belgrade is the centre of the railway network not only of the region but of entire South East Europe.

At the same time, the Commission is aware that the importance of rail passenger transport has declined in the past years and that coaches and air planes carry a major part of the international passenger transport in that region. For instance, Belgrade central station counts less than 30 departures of regular passenger trains per day, which seems to be due to strong competition by road and air transport. At the same time, rail passenger services have been neglected.

Neuer Bahnhof seit den 1970-ern geplant

Der heutige Belgrader Bahnhof ist ein Auslaufmodell, da gegenwärtig an seinem Nachfolger, dem Bahnhof Belgrad Zentrum gebaut wird. Wenn dieser in Ausführung eines bereits seit den 1970er Jahren bestehenden Plans dann endlich vollendet ist, wird der alte Bahnhof zum Museum werden (und dann vielleicht sogar belebter sein als das heute der Fall ist).

Lockende Lok erinnert an „Blauen Zug“ und Vergänglichkeit

Dennoch lohnt sich ein Besuch. Dabei sollte man sich unbedingt auch die (etwas versteckt) am Ende des Bahnhofsgebäudes aufgestellte Museumslok ansehen.

Diese zog einst den berühmten „Blauen Zug“ von Staatschef Josef Broz Tito.

Sie ist zum einen ein beeindruckendes technisches Denkmal.

Wer das Fahrzeug aufmerksam studiert, wird auch an ihm feststellen können, wie Jugoslawien funktionierte: Man kombinierte einfach das beste aus Eigenproduktion, Westimporten und den Erzeugnisssen von Ostblockstaaten.

Zum andern zeigt auch sie in geradezu romantischer Weise wie vergänglich Größe und Ruhm, nicht nur im jugoslawischen Eisenbahnwesen, sind.