Kroatien: Geheime Welten unweit des Strandes

(Urlaub in ) Jugoslawien war eigentlich (Urlaub in) Kroatien

Sommerzeit ist Urlaubszeit. Wenn in Deutschland von Urlaub in Jugoslawien (heute: im ehemaligen Jugoslawien) die Rede war/ist, denkt man meist an Kroatien.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Kroatien hat von allen ehemals jugoslawischen Republiken die längste Küste und ist vor allem von Süddeutschland aus schnell zu erreichen, auch dann, wenn man nicht in ein Flugzeug steigen möchte.

Die meisten Deutschen, die „schon einmal in Jugoslawien waren„, haben von diesem Land vermutlich nicht mehr gesehen als Kroatien und – auf der Durchreise – ein bisschen etwas von Slowenien.

Kroatien das Bayern Jugoslawiens

Deshalb war Kroatien vermutlich das Bayern Jugoslawiens. Ausländer, auch solche, die noch nie da waren, verwechseln es leicht mit dem Gesamtstaat.

Was schade ist, weil der Rest des Landes soviel mehr – und auch deutlich anderes – zu bieten hat.

Aus Vereinfachungsgründen wollen wir das nur am Beispiel der Großstädte demonstrieren: Wer Bayern gesehen hat und meint, er kenne Deutschland, hat u.a. Berlin, Frankfurt und Hamburg nicht gesehen. Wer in Kroatien war, und denkt, er kenne das ehemalige Jugoslawien,  hat Belgrad, Sarajevo und Skopje versäumt.

Und auch viele, die schon oft in Kroatien waren, haben davon nicht mehr gesehen als einen Streifen von ungefähr 500 m entlang der Küste.

Warum muss man auch mehr sehen? In dieser Bandbreite befinden sich schließlich Strand, Unterkunft und Lokale.

Der frühe Vogel fängt den Wurm

Wer jedoch über diesen schmalen Küstenstreifen hinaus sehen möchte,  muss sich gar nicht weit vom Strand entfernen. Allerdings sollte er im Sommer wegen der Hitze früh aufstehen. Was – wenn man nicht zu sehr dem „après swim“ fröhnt – nicht so schwer sein sollte, da es sehr früh hell wird.

Hier nun ein Beispiel für das, was man in eineinhalb bis zwei Stunden sehen kann, wenn man als einigermaßen geübter Läufer vor 6:00 Uhr die Unterkunft verlässt und keine allzu große Scheu vor Höhenmetern hat.

Dieser Lauf führt am Fusse des Biokovo-Gebirges entlang der Adria. Start- und Zielpunkt ist ein Gemeindeteil von Omiš. Ähnliche Läufe kann man jedoch an vielen anderen Urlaubsorten entlang der kroatischen Adria unternehmen.

Und der Anfang ist immer sehr ähnlich: Zuerst muss man meist eine gewisse Strecke auf der Küstenstraße laufen. Bereits von dort aus ist der Ausblick faszinierend.

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Man sollte ihn jedoch nicht genießen, da die Aufmerksamkeit vor allem der Straße gelten sollte. Auch um diese Zeit sind schon Autos unterwegs. Besonders gefährlich sind  die Autos, die auf der am Vorabend begonnenen Anreise zum Urlaubsort noch unterwegs sind.

Auf Napoleons Spuren vorbei an leeren Weingläsern

Irgendwann, je nach Ort, geht es dann bei einer Kirche, einer landestypisch unauffälligen Bushaltelle oder vor einem kleinen Restaurant nach oben, dorthin, wo der Ausblick noch toller wird.

Das Ziel ist die alte Küstenstraße, die zur Zeit Napoleons (sagt wenigstens unser Vermieter) also zu einer Zeit, als es noch keinen Asphalt gab, gebaut wurde. Hoch über ihrer neuzeitlichen Nachfolgerin schlängelt sie sich entlang der Ausläufer des Biokovo-Gebirges in Richtung Split.

Auf dem Weg hoch zu geht es an Gästequartieren, die einen fantastischen Blick bieten, aber weit vom Strand entfernt sind, vorbei. Vor diesen parken Autos mit deutschen, polnischen und tschechischen  Kennzeichen. Weit und breit sieht man noch keinen Menschen. Auf den Tischen unter den Lauben stehen oft noch Weingläser und leere Flaschen.  Es scheint spät geworden zu sein, gestern nacht.

Auch durch aufgelassene Dörfer kommt man, in manchen sind noch zwei oder drei Häuser bewohnt. Alte Menschen leben noch darin. Diese sind um diese Zeit schon wach. Man grüßt sich gegenseitig freundlich, aber zurückhaltend.

Schatten: Um diese Zeit kein rares Gut

In ein, zwei Stunden hat sich die Sonne auch diesen Bereich erobert. Die einzigen, die sich dann in ihren lautstarken Aktivitäten nicht bremsen lassen werden, sind dann die Grillen. Momentan kommt man aber als Läufer auch hier noch gut voran. Der Weg liegt noch im Schatten und auf der Haut ist es noch angenehm frisch.

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Am Friedhof: Gleicher Name, unterschiedliche Schicksale

Irgendwann kommt man dann an dem örtlichen Friedhof vorbei. Die weitaus meisten, die hier liegen, heißen (oder besser: hießen) so ähnlich wie die Ortschaft unten am Meer, die eigentlich nur ein Tourismus- bedingter spin off  eines alten, kleineren Dorfes ist, das früher hier oben gelegen hat.

Trotz des identischen Familiennamens sieht man auch im Tode noch, dass die hier Bestatteten verschiedene Schicksale, und wohl auch unterschiedliche politische Einstellungen sowie finanzielle Verhältnisse hatten.

Klassisch katholische Grabmäler findet man ebenso wie den kommunistischen fünfzackigen Stern und die Büste eines Partisanen. Und auch die Austattung der Grabstellen unterscheidet sich. Von prächtigem Marmor bis einfachem Holzkreuz ist alles dabei.

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Hier sollte man sich eine Pause gönnen. Wer hier Laufen als reines Training versteht, macht definitiv etwas verkehrt!

Nach einer etwa viertelstündigen Erkundung des Friedhofes geht es ausgeruht weiter.

Parkt hier Neil Young?

Früher als gedacht bietet sich der Anlass, für den nächsten Halt.

Verwundert reibt man sich die Augen und überlegt ob der amerikanische Rockmusiker Neil  Young – der ja ein Faible für alte amerikanische Straßenkreuzer hat, und Dutzende davon besitzen soll – sich wohl vor einigen Jahren hier in die Gegend veirrt hat.

Unverhofft steht man nämlich vor zwei US-Oldtimern, die hier vor sich hin stauben und von dem Grün um sie herum langsam vereinnahmt werden.

Vermutlich war es doch nicht Neil Young, sondern ein Einheimischer, der die Straßenkreuzer hier abgestellt hat. Möglicherweise einer, der im Ausland lebt und sie eingeführt hat, um sie irgendwann mal kostengünstig restaurieren zu lassen und dann zu Geld zu machen? Und den dann der Elan verlassen hat?

Kein ungewöhnliches Schema hier. Normalerweise sind es aber nicht in die Jahre gekommene Luxusautos, die vor sich hin rotten, sondern halbfertige Gebäude. Die Gründe für einen solchen Stillstand bleiben oft im Dunkeln: Manchmal fehlt einem dann doch das Geld, manchmal verliert einer das Interesse, obwohl er das Geld noch hätte. Theoretisch auch möglich wäre es, dass in solchen Fällen die Bauaufsicht ein allzu ambitioniertes, aber eben illegales Projekt gestoppt hat.

Wenn schon von Behörden die Rede ist: Umwelttechnisch hätten diese Fahrzeuge hier in der Natur in diesem Zustand vermutlich nichts verloren!

Zurück neben der Küstenstraße

Bald nach diesen Überraschungsfund ist der Point of Return dieser Route erreicht.Ich genieße noch einmal den Blick von hier oben und beneide die Reisenden auf der Jacht weit unten, die einsam kilometerlange Spuren auf der spiegelglatten Adria hinterläßt.

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Um mehr von der Gegend zu sehen, soll der Rückweg über die Küstenstraße erfolgen, auch wenn diese erhöhte Konzentration voraussetzt.

Deshalb geht es erst einmal den Berg hinab. Das ist angenehm. Man sollte jedoch vorsichtig und langsam ein, als eigentlich möglich, sein. Die Schwerkraft beschleunigt nämlich nicht nur beim Laufen, sondern auch beim Fallen. Und das könnte hier in diesem karstzigen Gelände üble Folgen haben!

„St. Rock`n`Roll“: Ein alter Bekannter mit ungewohntem Namen

Die nächste Sehenswürdigkeit wird, inzwischen wieder auf asphaltierten Untergrund, nur kurz zur Kenntnis genommen.

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Es ist die Kirche des „Sveti Rok“.

Heiliger Rock, denke ich, ob es auch einen Heiligen Roll gibt? Als ich später meinen Lauf Revue passsieren lasse und den Namen google, stelle ich allerdings fest, dass es sich dabei um den Heiligen Rochus, dem in meiner Geburtstadt Nürnberg ein Friedhof gewidmet ist, handelt.

Ungute Vorahnung: „7.7.2012 Warum?“

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Weiter unten fällt der Blick eher zufällig auf ein Graffiti: Das Porträt eines jungen Mannes findet sich dort, zwei Buchstaben als Kürzel für einen Vor-und Nachnamen und ein Datum. Dazu die Frage: Zašto? (Warum?)

Eine ungute Vorahnung stellt sich ein: Das Datum könnte das Todesdatum des jungen Mannes ein. Ich beschließe, der Sache bei passender Gelegenheit auf den Grund zu gehen und laufe nachdenklich weiter.

„Blumen“ mannsgroß

Unten auf der Küstenstraße heißt es aufpassen. Der Platz, der für Fußgänger vorgesehen ist, ist denkbar eng. Dafür wird man aber neben der Strecke mit faszinierenden Dingen belohnt: Dazu gehört auch ein beeindruckendes Beispiel daafür, mit welcher Geschwindigkeit hier Pflanzen in einer Saison in die Höhe schießen können:

LKW-Unglück in der Nacht

Kurz vor der Unterkunft werde ich nochmals mit den harten Realitäten hier konfrontiert:

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Arbeiter entladen ca. fünf Höhenmeter unterhalb der Küstenstraße einen Lastwagen, der wohl letzte Nacht, vermutlich wegen eines Fahrfehlers oder der Übermüdung des Fahrers, die Leitplanke durchbrochen hat und nach unten gestürzt ist. Das Ganze liegt keine fünfhundert Meter von unserem Quartier. Wir haben dennoch nichts mitbekommen.

Wie mag es dem Fahrer ergangen sein?

Man hat kein gutes Bauchgefühl. Fragen möchte man jedoch auch nicht.

Kurze Zeit später bin ich wieder in der Unterkunft. Vermisst hat mich keiner. Die ganze Familie schläft nämlich noch. Und auch nach dem ich mich ausgiebig geduchts habe, hat sich daran nichts geändert.

Zeit also, den Dingen auf den Grund zu gehen. Möglich ist das, weil unser Vermieter seit dem letztem Jahr WLAN installiert hat. Zuerst war mir das, vor allem mit dem Blick auf unsere beiden Kinder, gar nicht recht. Die WLAN-freie Zone in unserem Jahresverlauf hatte sich damit fast auf Null reduziert.

Jetzt kam mir das jedoch gerade recht: Von den Lastwagenunfall war noch nichts zu finden. Anders war das bei H.T. Der war 23 Jahre alt, studierte in Zagreb und wurde dort am 7. Juli 2012 zuhause mit durchschnittener Kehle aufgefunden. Da nichts auf einen aus dem Ruder gelaufenen Einbruch hinwies, muss es andere Gründe für diese Tat geben. Nur welche? Zašto?

Wenig später am Strand: Eine andere Welt

Nur wenige Zeit später sitzen wir nach dem Frühstück am Strand, der ausschließlich von den Gästen in den umliegenden Häusern benutzt wird. An diesem versammelt sich – erkennbar an den Sprachen, die man hört, an den Zeitungen und Büchern, die auf den Decken liegen und ab und zu leider auch  anhand der Musik, die aus irgendwelchen mobilen Abspielgeräten dröhnt – eine sehr internationale Mischung.

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Von H.T. wird nie einer von ihnen erfahren und manche würde die Geschichte von den Straßenkreuzer im Grünen für gut erfunden halten.

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