Skopje: Trabantenstadtmarathon im Schatten der Proteste

Mazedonien befindet sich derzeit in einer schwierigen politischen Lage. Dies blieb auch jenen nicht verborgen, die im Mai den Skopiter Marathon liefen. Nachfolgend ein Erfahrungsbericht.

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Der Triumphbogen ist kleiner als in Paris, die Marathonstrecke aber genauso lange wie dort

Es gibt Marathons, bei denen ist es vor allem wichtig, dass sie stattfinden. Einer davon ist der Marathon in Skopje, der Hauptstadt von Mazedonien. Im letzten Jahr ist er ausgefallen, weil es kurz vor dem Termin bei einer „Polizeiaktion“ mit Beteiligten, die zu verschiedenen ethnischen Gruppen gehörten, fast 20 Tote gab. In der Zeit dazwischen hat sich die politische Situation keineswegs entspannt. Auch wenn es in unseren Zeitungen zu selten vorkommt: Wer im Internet gezielt danach sucht, wird ein Bild von der verworrenen Situation dort bekommen.

„Bunte Revolution“ und martialische Polizei

Der Marathon fand am Sonntag, dem 8. Mai statt. Ich war aus beruflichen Gründen schon früher da. Als ich am Freitag am neu erbauten, barockkitschig gestalteten Außenministerium vorbei zum Abendessen ging, sah ich an der Fassade riesige Farbflecke. Sie stammten von Farbbeuteln, die Demonstranten gegen das Gebäude geworfen hatten. „Bunte Revolution“ nennt man das. Ich mache einige Fotos. Als ich später einen Blick in die Straße hinter dem Gebäude werfe, war Schluss mit lustig: Dort standen ein paar Dutzend Polizisten, martialisch ausgerüstet mit eben solchen Fahrzeugen. Davon machte ich lieber kein Foto. Später sollte ich erfahren, dass auch an diesem Abend wieder Demonstrationen erwartet wurden. Polizeiliche Deeskalationsstrategien sehen definitiv anders aus.

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Ministeriumsfassade nach einer Demonstration im Rahmen der „Bunten Revolution“

Aber es blieb ruhig an diesem Abend, sieht man einmal von dem Lärm kilometerweit zu hörender aufgemotzter Motoren ab, die offensichtlich zu Autos gehören, deren Besitzer relativ sicher zu sein scheinen, mitten in der Nacht durch die Straßen der Hauptstadt rasen zu können, ohne Probleme mit der ansonsten so präsenten Polizei zu bekommen.

Für den Tag nach dem Marathon kündigten Plakate und auf Gehsteige, Straßenoberfläche und Hauswände gesprayte Slogans in der Sprache der albanischen Bevölkerungsminderheit eine „Demonstration für das Recht“ an. Auch ohne Albanisch-Kenntnisse war für die angereisten ausländischen Marathonläufer klar, dass etwas in der Luft war: „Protestoj .. 9. Maj 2016″ versteht man schließlich international.

Disneyland, Staatsgewalt und  Bob Marley

Wer dann am Vorabend durch die Innenstadt von Skopje flanierte, konnte zuerst das übliche Bild dieser etwas merkwürdigen Hauptstadt eines kleinen, armen Staates sehen. Diese wird,  nach dem Wunsch der herrschenden Parteien, derzeit zu einer pseudohistorischen Metropole mit sprichwörtlich hunderten von Denkmälern umgebaut wird. Ein bisschen wie Disneyland. Sogar passende Musik aus Lautsprechern an besonders bedeutenden Denkmälern fehlt nicht. Ausländische Touristen fotografieren und filmen amüsiert, die Einheimischen flanieren unbeeindruckt davon. Auch von dem, was man in den Seitenstraßen sieht. Dort stehen paarweise Polizisten mit Schlagstock und weißen Helmen am Ellenbogen, bereit für was auch immer, das auch an diesem Abend nicht passieren wird.

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„Gerechtigkeit kennt keine Ruhe“

Die Lust, am nächsten Tag hier zu laufen, hielt sich deshalb trotz jahrelanger Verbundenheit zu diesem Land in Grenzen. Dann sah ich jedoch an einem Bauzaun eines weiteren im Neubau befindlichen „historischen“ Projekts ein Plakat für den „Bob Marley Day„, der von „12 – 01“ am Sabota (Samstag) stattfinden sollte –  leider erst kommende Woche. Und Girlanden, an denen abwechselnd mazedonische Fahnen und Europa-Fahne  hängen.

Und schon hatte ich wieder Lust, hier zu laufen auch wenn die Strecke wieder, ähnlich wie in Belgrad, überwiegend durch Trabantenstädte aus sozialistischen Tagen führen sollte. Bei diesem Marathon, den eine bekannte Billigfluglinie zusammen mit der Europäischen Union veranstaltete, ging es schließlich irgendwie auch darum, in Zeiten in denen die allgemeine politische Situation eher in eine andere Richtung geht; ein Stück Normalität und Offenheit zu demonstrieren,

Diese Erkenntnis stärkte mich. Dasselbe lässt sich von der geräucherten Grillwurst sagen, die ich danach in der pittoresken Altstadt aß. Nudeln wären sicher die bessere Wahl gewesen. Aber seit wann ist der Balkan bekannt für seine Nudeln?

Die Strecke ist schnell erzählt: Man läuft die meiste Zeit eigentlich schnurgerade auf breiten Asphaltstraßen zwischen der westlichen (Karpoš) und der östlichen (Aerodrom) Trabantenstadt von Skopje hin und her.

Karpoš war übrigens der Anführer eines Aufstandes gegen die Osmanen im 17. Jahrhundert. Aerodrom heißt Flughafen. Zwischen beiden Endpunkten liegen also Jahrhunderte  Manchmal kommt einem das beim Laufen auf diesen schier endlosen geraden Straßen auch so vor.

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Hier kommt man als Läufer leider nicht hin: Das Basarviertel von Skopje

Was schade ist, weil es hier durchaus schöne Laufstrecken gibt.

Wegen dieser habe ich bei früheren Aufenthalten den Wecker auch schon auf 5:30 gestellt: Das lohnt sich, wenn man nach dem Einlaufen durch das osmanisch geprägte Basarviertel auf den Berg Vodno hochläuft, oder entlang des Flusses Vardar. Aber bei der einen Strecke ist der Höhenunterschied für einen Marathon zu groß, und bei der anderen der Weg zu schmal. Außerdem ist im Basar das Pflaster zu uneben. Von dem Skopje, dessen „besonderes Mikroklima“ von der Jazz-Pop-Rock-Band „Leb i Sol“ (Brot und Salz) besungen wird, sieht man bei diesem Lauf deshalb so gut wie nichts.

Der Reiz dieses Marathons hält sich also in Grenzen. Auch wegen dieses anderen Liedes: Tamo gde večno sunce sja, tamo je Makedonija (Mazedonien ist da, wo die Sonne ewig scheint).

Dieses bewahrheite sich hier. Die eigentlich für die Mittagszeit angekündigten Wolken ließen sich zwar über dem Gebirge sehen. Die letzten Kilometer nach Skopje wollen sie aber per du nicht zurücklegen. Trotzdem hält mich das Gefühl, dass ich inzwischen gleichmäßig vorankomme, bei Laune. Eine speziell zusammengestellte Auswahl von ex-jugoslawischen Rocksongs, vornehmlich aus den 80ern, deren Namen übersetzt „Rauchen verboten, „Fischsuppe“, „Schmutziges Theater“ oder „Weißer Knopf“ bedeuten, hilft dabei.

Meine App behauptete hinterher, ich hätte mehr als fünf Liter Flüssigkeit verloren. Das ist natürlich ein theoretischer Wert, weil – Großes Lob an die Veranstalter – es reichlich Versorgungsstationen gab. Die zahlreichen leeren Plastikflaschen werden übrigens von Sinti und Roma mit Lastenfahrrädern eingesammelt, die vom Verkauf von recyclebarem Material leben. Ein Einwegpfand nach deutschem Vorbild würde sie deshalb um ihren Lebensunterhalt bringen.

Polizei jetzt freundlich, Arc de Triumph auf der Zielgerade

Die letzten 15 Kilometer hat der Wettergott ein Einsehen. Keine Wolken, aber Wind. Herrlich! Jedes Beaufort verkürzt den nächsten Kilometer um einige Sekunden.

Die Polizei wurde an diesem Tag übrigens Freund und Helfer, insbesondere an Kreuzung, an denen sie den Marathonläufer die Vorfahrt sicherten. Einige Male führt dies zu lautstarken  Hupkonzerten der wartenden Autofahrer. Die sonstigen Einwohner von Skopje zeigten sich  marathonfreundlicher und feuerten jeden einzelnen Vorbeikommenden an. Da auf den Startnummern auch die jeweiligen Landesfahnen abgedruckt waren, schallte mir ab und zu mehrstimmig „Deutschland, Deutschland, Deutschland“ entgegen. Mir war das mehr als peinlich. Andererseits: wenn’s der Völkerverständigung dient…

Auf den letzten 200 m gab es dann noch einen Gimmick: Man läuft durch eine Miniaturausgaben des Arc de Triumph. Und danach steht man dann vor einer überdimensionierten Statue von Alexander dem Großen, mit der sich trefflich selfies machen lassen. Disneyland a la Macedonia eben.

Executive Summary

Mit gerade einmal 16,00 Euro Teilnahmegebühr bisher der billigste Marathon, an dem ich teilgenommen habe. Extra hinfliegen wegen des Laufes würde ich aber nicht. Ansonsten ist es ein interessantes Land, von dem man hier (zu) wenig weiß. Dessen Politikern würde ein Marathon auch mal gut tun: Raus aus der Bequemlichkeitszone und endlich ein in Kilometer messbarer Fortschritt.

 

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