Partisanenkampf auf dem Balkan: Zwei Bücher zum selben Thema, aber aus sehr unterschiedlichen Perspektiven: Teil II Wissenschaftliche Betrachtungen

Wir stellen hier zwei Bücher vor, die aus sehr unterschiedlichen Perspektiven ein für das sozialistische Jugoslawien prägendes Thema behandeln. Das erste war der Bildband „Album mit Fotografien aus dem Volksbefreiungskrieg 1941-1945“ . Aufgenommen hat die Fotos General Savo Orović.

Westlicher Autor analysiert Partisanenkampf als Verteidigungskonzept

Aus einem ganz anderen Blickwinkel beschreibt dasselbe Thema das Buch “Partisanenkampf am Balkan“, das 1976, also vier Jahre vor Titos Tod, in Wien als Band. 26 der Reihe „Truppendienst-Taschenbücher“ erschienen ist. Verfasst hat es Dr. Friedrich Wiener.

Das Buch hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Blick auf den Partisanenkampf “ von der Enge der Gegenwart auf die größeren Zusammenhänge zu lenken und aus der empirischen Erfassung des Geschehen allgemeine Gesichtspunkte zu gewinnen“ (so ein Zitat von Universitätsprofessor Dr. Walter Hubatsch, das dem Vorwort vorangestellt ist.)

Die Kapitel in der Übersicht

Dementsprechend breit gefächert sind die behandelten Themen. Das Buch enthält folgende Kapitel:

I. Der Raum und seine Geschichte

II. Widerstand gegen die Okkupation Bürgerkrieg in Jugoslawien 1941-45

III. Jugoslawische Grundsätze des Partisanenkampfes

IV. Zwei historische Beispiele

V. Die Wehrpolitik Jugoslawiens 1945 -1975

VI. Die Auswertung von zwei Manövern der jugoslawischen Volksarmee

VII. Ausblick.

Der historische Bogen, der hier nachgezeichnet wird, ist also sehr weit und beginnt mit der Zuwanderung der Slawen im Gefolge der Völkerwanderung von den Karpaten in den Balkanraum im sechstens Jahrhundert.

Ein solcher detailreicher geschichtlichen Überblick ist erforderlich, da er erklärt, wie und warum sich die verschiedenen “Soldatentypen des Westbalkans entwickelt haben. Genannt werden die Hajducken, die sich gegen die Osmanen auflehnten und die „Granicari“, die an der österreichischen Militärgrenze angesiedelt wurden. Danach folgt eine Darstellung der geschichtlichen Entwicklung in den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens, die – das wird einem bei der Lektüre bewusst – auch eine Geschichte von Freischärlerbewegungen ist.

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Das Wort „Gewaltmonopol des Staates“ passt wenig in diesen Zusammenhang, in dem im Volk Gewalt vor allem als legitimes Mittel des Kampfes gegen einen ungeliebten, aufoktroyierten Staat verstanden wird.

Zweiter Weltkrieg als multlateraler Konflikt

Naturgemäß liegt der Schwerpunkt der Darstellung auf dem Zweiten Weltkrieg.

Dort findet sich auch ein mit „reguläre und irreguläre Streitkräfte“ überschriebenes Unterkapitel, in dem allein die Überschriften deutlich machen, dass dieser in Jugoslawien wenig mit einer rein zweiseitigen Konfrontation, wie wir sie meist den Krieg verstehen, zu tun hat: Genannt werden nämlich:

I. Die deutsche Wehrmacht am Balkan

II. Die italienische Armee auf dem Balkan

III. Die bulgarischen Truppen in Mazedonien und Serbien

IV. Die kroatische Armee (im Zusammenhang damit, und nicht gesondert, werden auch die Ustascha behandelt)

V. Mihajlovic und seine Tschetniks

VI. Die Partisanen Titos

VII. Weitere Verbände. Hier werden genannt:

  • serbische Freiwilligenkorps,
  • ungarische Truppen in den von Jugoslawien annektierten Gebieten,
  • ein montenegrinisches Gendarmerieregiment und
  • bosnisch-muslimische Einheiten, die gegen die Tito Partisanen kämpften.

Das Bild, das sich so ergibt, ist nicht gerade übersichtlich, aber immer noch unvollständig. Da etwa Belgrad von der Roten Armee mitbefreit wurde, und die britische Luftwaffe RAF Podgorica bombardierte, gab es noch weitere Verbände, die im Zweiten Weltkrieg in die Kämpfe in Jugoslawien eingriffen.

Landesverteidigung auch nach 1945 Jedermanns Sache

Die Darstellung, die den Untertitel „Die Rolle des Partisanenkampfes in der jugoslawischen Landesverteidigung“ trägt, endet nicht mit dem Zweiten Weltkrieg, sondern macht auch deutlich, dass der Partisanenkampf als „viel weniger kostenaufwändige Alternative zu den konventionellen Formen der Kriegsführung“ nicht nur zum Gründungsmythos des zweiten Jugoslawiens gehört, sondern unter dem Stichwort „Allgemeine Volksverteidigung“ auch noch zentrales Element der militärischen Strategie des blockfreien Jugoslawiens war.

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In diesem Zusammenhang wird auch auf das Kapitulationsverbot in der Verfassung Jugoslawiens von 1974 verwiesen. Dieses lautete:

Niemand hat das Recht, eine Kapitulation des Staates oder eine Kapitulation von Armeeverbänden zu billigen oder zu unterschreiben. Niemand hat das Recht, die Besetzung des Staates oder eines Teiles desselben zu billigen oder anzuerkennen.

Ergänzend wird erwähnt, dass dieselbe Verfassung eine extensive Auslegung des Kombattantenbegriffes (der allerdings nicht von den vier Genfer Abkommen zum Schutz der Kriegsopfer vom 12. August 1941 gedeckt war) enthält: Die betreffende Bestimmung lautete:

Zu den Streitkräften Jugoslawiens gehört neben der Volksarmee jeder Bürger, der mit der Waffe in der Hand oder auf eine andere Weise am Widerstand gegen den Angreifer teilnimmt“.

Dieses Verteidigungskonzept nannte sich Općenarodna odbrana i društvena samozaštita (Allgemeine Volksverteidigung und gesellschftlicher Selbstschutz, kurz ONO und DSZ) und wurde auch in Schulen und Fakultäten als gesondertes Fach mit vielen praktischen Übungen, vom Gebrauch der Gasmaske über das Werfen von Handgranaten bis hin zu Schießübungen und der Versorgung Verwundeter, gelehrt.

So kam in Jugoslawien, das zum Zeitpunkt des Erscheinen des Buches knapp 21 Millionen Einwohner hatte, eine Streitmacht von fast 3 Millionen Soldaten zusammen. Diese bestand aus 250.000 Soldaten im Militär zu Friedenszeiten, nebst aktiven Mitgliedern von Territorialdiensten und Schutzkräften. Hinzu kommen etwa 1,5 Millionen Reservisten (von denen sich allerdings 300.000 als Gastarbeiter im Ausland befanden).

Territoriale Milizen als Gefahr für die staatliche Einheit

Dieses breit aufgestelltes Verteidigungssystem hatte jedoch auch seine Schattenseiten, da dazu auch territoriale Milizen gehörten, die, so der Autor, Gefahr liefen, sich zu eigenen Streitkräften der Teilrepubliken zu entwickeln.

Offenheit gegenüber West und Ost erzeugt auch Abhängigkeiten

Das Buch enthält auch eine Analyse von zwei jugoslawischen Manövern und versucht die Einsatzbereitschaft und Kampfkraft der jugoslawischen Streitkräfte zum damaligen Zeitpunkt einzuschätzen. Dabei wird auch deutlich, mit welchen Tücken die Politik der Blockfreiheit, zu der auch eine Offenheit gegenüber Waffenlieferungen aus den beiden großen Blöcken gehörte, behaftet war. Eine der Schwierigkeiten, mit denen dabei konfrontiert war, bestand in der Sicherung der Ersatzteilversorgung für das Rüstungsmaterial amerikanischer und sowjetischer Herkunft, die oft von zusätzlichen politischen Bedingungen abhängig gemacht wurde.

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Der Autor wertet die erreichbaren Materialien über de Manöver „Freiheit 1971“ und „Podgora 72“ aus, sieht sich aber nicht in der Lage, den damaligen Stand der jugoslawischen Verteidigungsfähigkeit zu bewerten . Insbesondere findet er die damaligen Manöver nicht aussagekräftig, da deren Ergebnis von vornherein festgestanden hätte. Sie wurden primär zu Propagandazwecken und nicht als tatsächlicher Test der Einsatzfähigkeit veranstaltet.

Partisanengeschichte verblasst, Freischärlermentalität bleibt

Das Buch endet mit folgendem Ausblick:

Angespannt sind weiterhin die Beziehungen zwischen den Nationalitäten … Tito hat die Nationalitätenfrage durch den Aufbau des Bundesstaates zwar entschärft, jedoch keineswegs bereinigt. Nur seiner Autorität ist es zuzuschreiben, dass diese Spannungen derzeit lediglich latent .… Wenn Marschall Tito einmal die Zügel der Herrschaft aus der Hand legt, beginnt ein neues Kapitel in der dramatischen Geschichte des südslawischen Völker. Inzwischen ist eine neue Generation herangewachsen, die für Schlagworte aus der Partisanenzeit kaum mehr Verständnis zeigt.

Dies ist zweifellos zutreffend. Die “am Balkan tief verwurzelte Tradition des Partisanenkampfes“ dürfte beim Ausbruch der kriegerischen Auseinandersetzungen Anfang der 1990 er Jahre jedoch insoweit verhängnisvoll fortgewirkt haben, als sie die Hemmschwelle, politische Fragen gewaltsam und selbst mit der Waffe in der Hand lösen zu wollen, erheblich herabgesetzt hat.

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