Déjà-vu bei Hamlet in Podgorica

Es war in den 1970ern: In den deutschen Stadttheatern liefen bevorzugt zeitgenössische Stücke. Nicht nur dann, wenn in Ergänzung dazu Klassiker aufgeführt wurden, verzichtete man auf ein realistisches Bühnenbild. Nicht selten kam man sogar fast ganz ohne Bühnenbild aus. Auch wenn Peter Brook mit einem Essay vom Theater als leeren Raum den ideologischen Unterbau hierfür lieferte: Vielen traditionellen Theatergängern gefiel das ganz und gar nicht.

Noch weniger konnten diese sich damit anfreunden, dass nicht nur an den Kulissen gespart wurde, sondern auch an der Kleidung: Wo immer man es dramaturgisch irgendwie einigermaßen rechtfertigen konnte, wiesen die Regisseure nämlich die Akteure an, sich auszuziehen.

Das führte zu Unmutsäußerungen beim konservativen Teil des Publikums. Besonders, wenn es sich bei diesen Darstellern um Männer handelte. Nicht selten reagierten im Publikum dann Frauen in der zweiten Lebenshälfte auf solche Entblößungen mit gleichermaßen entgeisterten wie schockierten Kommentaren.

Déjà-vu in Podgorica

Time Warp in das 21. Jahrhundert und hinein ins Déjà-vu:

Neulich im montenegrinischen Nationaltheater in Podgorica: Am Eingang kündigt ein Plakat „Warten auf Godot“ an.

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Wir jedoch werden heute „Hamlet“, also ein klassisches Stück, sehen.

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Die Bühne ist mit dicker brauner Abdeckfolie ausgelegt, so wie sie auf Baustellen Verwendung findet. Diese bedeckte den Boden und einige Quader, die im Laufe des Stückes durch eine ausgeklügelte mechanische Konstruktion ihre Lage verändern werden, um wenigstens ansatzweise unterschiedliche Schauplätze anzudeuten.

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Dabei ist es praktisch, dass man diese Folie auch mit Pressluft zu kleinen Hügeln aufblasen kann. Auch kann man sich durch größere Haufen dieser Folien mit schwimmähnlichen Bewegungen bewegen. (Letzteres wird sich später im Zusammenhang mit Ophelias viel zu frühen Tod als großer bühnentechnischer Vorteil erweisen.)

Hamlet und Polonius: Tötung auf Distanz

Bei manchen Szenen erweist sich diese Gestaltung der Bühne jedoch als nicht eben verständnisfördernd.

So ruft Polonius im 3. Akt während Hamlet am entgegengesetzten Ende der Bühne mit seiner Mutter zugange ist aus dem Bühnenhintergrund um Hilfe, um dann leblos zusammen zu sinken . Dass Polonius eben durch einen Messerstich, den Hamlet durch einen Teppich, hinter dem sich sein Opfer versteckt hatte, geführt hat, gestorben ist, wird mangels Requisiten (man sieht weder ein Messer noch einen Teppich) und wegen der großen Entfernung zwischen beiden erst klar, als wir nach der Vorstellung in Wikipedia nochmals den genauen Verlauf der Handlung nachlesen.

Bevor Ophelia aus dem Leben scheidet, spielt sie eine Szene barbusig. Das Publikum soll ja schließlich verstehen, warum sich Hamlet in sie verliebt hat. Später steht dann tatsächlich – igitt igitt! – ein Mann ganz nackt auf der Bühne. Nun höre ich, wie damals in Nürnberg, unweit von mir das entsetzte Flüstern einer Dame in den Sechzigern.

Minimalistisches vom Balkan-Zappa

Wir dagegen fanden das Ganze nicht zu schlimm. Am meisten hat uns an dem Stück die Kombination von leerem Raum, geschickter Lichtregie und der minimalistischen Musik aus der Feder von Antonije Pušić, der ansonsten seit den 1989ern unter dem Namen Rambo Amadeus als Balkan-Zappa mit Stilmixsongs mit unflätigen Texten von sich reden gemacht hat, beeindruckt.

Viel Lärm im Nichts – Neue Herausforderungen für Schauspieler

Auch die schauspielerische Leistung fanden wir gut. Und klar geworden ist uns auch, dass Schauspieler heute mit ganz neuen Herausforderungen zu kämpfen haben. Beispielsweise der, auf einem in den Zuschauerraum hineinragenden Bühnenvorsprung unbeirrt einen Monolog zu halten oder effektvoll zu sterben, während kaum einem halben Meter entfernt der Vibrationsalarm eines Handys vor sich hin blubbert oder gar ein Mobiltelefon, das gerade angerufen wird, fröhlich einen Turbofolksong schmettert.

 

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