Ein weiterer toter Junge aus einem der vielen Ghettos in Bosnien und Herzegowina

Eine Rasta-Faust auf dem zentralen Platz von Banja Luka, dem administrativen Zentrum der Republika Srpska, der kleineren der beiden Entitäten Bosnien und Herzegowinas. Wer deshalb auf locker entspannten Reggae hofft, irrt.

Trauriger Tod und vermeintlich schnelle Aufklärung

Der Grund, warum diese Faust hier aufgestellt wurde, ist nämlich ein sehr trauriger. Die Faust erinnert an David Dragičević ,

David Banja Luka (8)

einen 21- jährigen Reggae-Fan aus Banja Luka, der auf tragische – und vorallem: noch unaufgeklärte – Weise starb.

Davids` Leiche wurde im März 2018, sechs Tage nachdem er von seinen Eltern als vermisst gemeldet worden war, im Fluss ­Crkvena (nach anderen Meldungen: an dessen Ufer) gefunden.

Die Polizei vermeldete bald, dass der Fall aufgeklärt sei. David hätte unter Drogeneinfluss einen Einbruch verübt und wäre dann in den Fluß gefallen und ertrunken.

Eltern zweifeln – Und Nachprüfungen geben ihnen Recht

Seine Eltern mochten sich mit diesem Ergebniss nicht abfinden. U.a., weil David keine Drogen genommen hätte.

Und tatsächlich ergaben sich bei genauem Hinsehen und nach zusätzlichen Ermittlungen eine ganze Reihe von Zweifeln an dem Ermittlungsergebnis der Polizei:

  • Ein Überwachungsvideo, zeigt angeblich David, wie er in das Haus, in dem er einen Einbruch verübt haben soll, hineingeht. Zwischenzeitlich hat jedoch ein slowenischer Sachverständiger festgestellt, dass sich nicht eindeutig feststellen lässt, ob es sich bei dieser Person um David handelt.
  • David wurde nach Zeugenaussagen in der Nacht seines Verschwindens von einer Gruppe von Männern in der Nähe des Ortes, an dem sein Leiche gefunden wurde, verprügelt.
  • Wenn die Sachverhaltsdarstellung der Polizei richtig wäre, dann hätte Davids Leiche im Fluß innerhalb von fünf Tagen gerade mal einen Kilometer zurücklegt. Dies ist aufgrund der Strömungsverhältnisse jedoch nur schwer nachvollziehbar.
  • Darüber hinaus hat zwischenzeitlich eine zweite Obduktion, die in Belgrad in Serbien durchgeführt wurde, festgestellt, dass David noch Tage nach dem von der Polizei angenommenen Todeszeitpunkt gelebt haben muss.
  • Dies sind nur einige der Ungereimtheiten, die nach und nach ans Tageslicht kamen.

Landesweite  Demonstrationen

Mit den Zweifeln wurde auch der öffentliche Druck größer.

Nun versammeln sich bereits seit Monaten in Banja Luka täglich Menschen an dem von ihnen nun zum „Davids` Platz“

David Banja Luka (1)

umbenannten Eingang zur Fußgängerzone in Banja Luka und fordern Aufklärung und „Gerechtigkeit für David“.

Diese Bewegung, die auch auf andere Städte in Bosnien und Herzegowina und sogar in Deutschland übergriff, und über die vor einiger Zeit auch verschiedene deutschsprachige Medien berichteten, hält nach wie vor an.

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Auch in Sarajevo gibt es eine ungeklärten Todesfall eines jungen Mannes, bei dem die Polizei etwas vertuscht haben soll. Dort war 2016 der 22-jährige Dzenan Memics unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen.

David war Serbe, Dzenan war Moslem. In beiden Fällen steht die „eigene“Polizei im Verdacht, die wahre Todesursache zu vertuschen (oder sogar, den Tod verursacht zu haben).

Deshalb zeigen diese Vorfälle, dass die wahren Probleme des Landes nicht die ethnischen Unterschiede, sind, sondern die politischen Machteliten.

Davids` Vater formuliert es es :

«Diese Leute haben keinen Glauben und keine Nation.»

Wieder einmal: Hoffnungen, dass das ethnische Denken überwunden wird

Manche Beobachter hoffen, dass diese traurigen Ereignisse und der dadurch verstärkte Unwillen gegenüber den politischen Strukturen bei den nächsten Wahlen dazu führen könnte, dass die Wähler weniger autoritäre nationalistische Parteien wählen.
Es wäre schön, wenn diese Ereignisse wenigstens diesen positiven Effekt hätten.

Andererseits waren ausländische Beobachter bereits im Jahr 2014  zu optimistisch, als sie aufgrund von Bürgerprotesten bereits einen „bosnischen Frühling“ voraussagten und vergeblich   hofften, dass sich die politische Situation nun grundlegend verändern würde.

Nicht auszuschließen also, dass die Hoffnungen auf eine landesweite, nicht nationale demokratische Volksbewegung eher dem Wunschdenken der ausländischen Beobachter entspringen und nicht unbedingt den politischen Realitäten in Bosnien und Herzegowina entsprechen. (Im Oktober sind Wahlen in Bosnien und Herzegowina. Dann wird man diesbezüglich mehr wissen.)

Eigenen Nachruf komponiert

David hat als 16-Jähriger ein Lied geschrieben, das jetzt zur Hymne der Demonstranten geworden ist.

Darin heißt es:

Izgleda da neću daleko stići, jer sam ja samo još jedan pijun u ovoj priči. Ne idem nigdje, … ja sam samo još jedan klinac u getu

(So wie es aussieht, werde ich nicht weit kommen, weil ich nur ein weitere Bauer im Schachspiel bin, … ich gehe nirgendwohin, weil ich nur ein weiterer Junge im Ghetto bin.)

Von diesem Lied gibt es zwischenzeitlich mehrer Versionen.

Demonstranten singen es:

Aber auch eine Garagenband

und eine Girl Band

Und auch die Band Dubioza Kolektiv, die seit Jahren in ihren Texten ein kritisches Bild der Lebenswirklichkeit in Bosnien und Herzegowina zeichnet, singt es:

 

 

 

 

 

David hat somit seinen eigenen Nachruf komponiert.

Und die wahren Gründe für Davids`Tod?

Über die wahren Umstände seines Todes und die Motive mutmaßlicher Mörder wird weiter spekuliert. Hat er als Reggae-Fan mit seinen Rasta-Locken einige Leute gestört? Oder war Eifersucht im Spiel, weil David bei den Mädchen gut ankam? Oder hat er als Computer-Freak und Hacker brisante Informationen über illegale Machenschaften?

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