ESC: Allzu Offensichtliches und Verdecktes

Unter großer Beteiligung der Medien fand in Portugal wieder der der Eurovision Song Contest (ESC) statt.

Eine Veranstaltung, die bei manchen Zuschauern gemischte Gefühle hinterlässt.

Mehr als offensichtlich war bei der 2018-er Veranstaltung das Frauenbild, das der Eurovison Contest verbreitet: Auch wenn die diesjährige Gewinnerin keineswegs  den üblichen Schönheitsidealen entsprach, die Moderatorinnen und weiblichen Länderberichterstatterinnen hätten genauso in einen Autoreifenkatalog der 1970-er gepasst.

Weniger ins Auge fallend wie tiefe Dekolletés ist, dass die Stimmabgabe bei diesem Wettbewerb häufig weniger vom musikalischen Geschmack oder der Anerkennung künstlerischer Leistungen motiviert ist, als durch nationale Vorlieben.

Auf der deutschsprachigen Internetseite der Veranstalter findet man aufschlussreiche Informationen hierzu, man muss sich allerdings etwas anstrengen und

  • zuerst den Reiter „Länder“ anklicken,  dann
  • Diese Gesamtpunkte hat (hier folgt der Name des Landes) insgesamt verteilt“ wählen und schließlich
  • die Option „Ganze Statistik zeigen“ bestätigen.

„The Telegraph“ bringt es an den Tag

Wesentlich transparenter ist da die britische Tageszeitung „The Telegraph“ in ihrem Beitrag

 „A guide to political voting: Who votes for whom at Eurovision?

kann man für einige Länder (leider nicht für alle, Bosnien und Herzegowina sowie Mazedonien etwa fehlen) eine Übersicht anwählen, aus der sich ergibt, welches Land welchem anderen über die Jahre gesehen die meisten Stimmen gegeben oder von welchem anderen Land erhalten hat.

Und so erfährt man dann, dass

  • die Niederlande und Schweden (wo es jeweils eine große ex-jugoslawische Diaspora gibt) regelmäßig den ehemals jugoslawische Staaten satte Punkte geben,
  • Deutschland der größte Stimmenlieferant für die Türkei ist und
  • Estland, das einen großen russischen Bevölkerungsanteil besitzt, nach Weißrussland und Armenien, Russland mit den drittmeisten Stimmen versorgt.

Auch Geschichte des ESC hat politischen Hintergrund

Auch die Geschichte des Wettbewerbs versteht man nur mit einem Blick in die Zeitgeschichte. Das wir besonders deutlich, wenn man die jugoslawischen Beteiligungen in  ihren jeweiligen Inkarnationen Revue passieren lässt. Dabei lassen sich folgende Zeiträume unterschieden:

Gesamtjugoslawischer Zeitraum (1961 bis 1992)

Der gesamtjugoslawische Zeitraum reichte von 1961 bis 1992. Den einzigen Sieg in dieser Zeit konnte die Band Riva verbuchen. 1989 gewannen sie in Lausanne den Wettbewerb mit dem Titel „Rock Me“.

Die Bilanz dieser Zeit:

  • 11 Mal in den Top Ten
  • 27 Mal teilgenommen
  • 1 Mal gewonnen

Als Besonderheiten aus dieser Zeit vermerkt Wikipedia:

Während der Siegertitel Rock me in Jugoslawien selbst mäßigen Erfolg hatte und heute nur den ESC-Fans bekannt ist, sind andere Titel, die bei der Jugovizija  (demnationalen Vorentscheid) teilnahmen, wie Ne idi (Mira Beširević), Negde iznad planeta (Dado Topić & Slađana Milošević), Dženi (Oliver Dragojević), Rat i mir (Viktorija), Sitnije Cile sitnije (Lepa Brena), Šaj rode šaj (Neda Ukraden) … zu Klassikern geworden.

1968 vertraten die Dubrovački Trubaduri (Troubadure aus Dubrovnik) mit Jedan dan den Balkanstaat beim ESC. Da damals Gruppen über zwei Personen nicht zugelassen waren (erst ab 1973), traten zwei Mitglieder der Band unter ihren Namen an.

Zdravko Čolić’s Gori vatra, ist trotz der schlechten Platzierung einer seiner beliebtesten Titel und ebnete ihm den Weg zu einer noch größeren Karriere.

Jugoslawien neben einzelnen Nachfolgestaaten (1993 bzw. 1998 bis 2004)

Nach dem Zerfall des Gesamtstaates traten Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Mazedonien, Montenegro sowie Slowenien neben Restjugoslawien an. Dabei konnten diese neuen Staaten folgendermaßen abschneiden:

Bosnien-Herzegowina

Kroatien

  • 6 Mal in den Top Ten
  • 24 Mal teilgenommen
  • Bester Platz: 4
  • 1 Mal Gastgeber ( 1990 – damals noch als Teil Jugoslawiens  weil die Gruppe Riva mit „Rock Me1989 in Lausanne den einzigen Sieg Jugoslawiens erringen konnte)

Slowenien

  • 3 Mal in den Top Ten
  • 24 Mal teilgenommen
  • Bester Platz: 7
  • Bei der ersten Teilnahme 1993 erreichte man nur den 22. Platz, so dass man im Jahr darauf wieder aussetzte.

Mazedonien

  • 18 Mal teilgenommen
  • Bester Platz: 12
  • 1998 debütierte der Balkanstaat Mazedonien (FYR) beim Grand Prix.
  • Eigentlich hatte das Land jedoch bereits 1996 seinen ersten Anlauf auf den ESC gestartet: Damals wollten 29 Länder teilnehmen, doch es gab nur 23 Plätze im Finale. In einer EBU-internen Entscheidung schieden sechs Länder in einer Art Vorrunde aus.
  • Für den ESC 2018 in Lissabon wurde das Land von der European Broadcasting Union, dem eigentlichen Veranstalter, aufgrund von Schulden des Senders MRT vorübergehend geblockt.

ESC ohne Jugoslawien (ab 2004)

Serbien & Montenegro

Nach der Umbenennung des Bundesstaates Jugoslawiens in Staatenunion Serbien und Montenegro (mit der auch eine umfangreiche Verfassungsänderung einherging) trat man unter diesem neuen Namen 2004 erstmals in Istanbul an. Die ESC-Geschichte dieses Interims-Staates im Schnelldurchlauf:

  • Željko Joksimovic schaffte 2004 einen sensationellen zweiten Platz.
  • Im Jahr darauf ging die Boygroup No Name an den Start und landete auf Platz 7.
  • Das war dann auch die letzte ESC-Teilnahme von Serbien & Montenegro, denn 2006 löste sich der Staatenbund auf.

Montenegro (seit 2007)

  • 10 Mal teilgenommen
  • Bester Platz: 13

Serbien (seit 2007)

  • 4 Mal in den Top Ten
  • 11 Mal teilgenommen
  • 1 Mal gewonnen (Marija Šerifović mit dem Lied Molitva = Gebet)
  • 1 Mal Gastgeber

Und Kosovo?

Kosovo, das sich 2008 für unabhängig erklärt hat, nahm noch nicht am ESC teil. Die Ursachen dafür sind wieder politisch.