Einer oft zitierten Weisheit zufolge muss man seine erste Million vor seinem 30. Geburtstag gemacht haben, sonst sinken die Chancen, jemals Millionär zu werden fast gegen Null.

Gut, dass ich meine erste, oben abgebildete Million vor diesem Zeitpunkt in meinem Geldbeutel hatte.

Toller Staat, fast wie Monaco: Jeder ist Millionär

Nun gut: Diese Million verlor bei einer Inflation von über 2000 % täglich rasant an Kaufkraft und war auch weit weniger wert als es derselbe Betrag in Pfennigen gewesen wäre.

Irgendwie war es jedoch schon ein nettes Gefühl, einen solchen großen Geldbetrag zu besitzen. Zumal der Schein mit dem feschen Mädchen darauf auch belegte, dass Jugoslawien den anderen sozialistischen Stataten auch in diesem Punkt voraus war:

Ziel sozialistischer Staaten war es ja, die Lebenssituation der Bürger zu verbessern.  Dieser Geldschein belegte, dass es Jugoslawien tatsächlich gelungen war, alle seine Bürger zu Millionären zu machen!

Spass bei Seite. Die Hyperinflation hatte zahlreiche Nachteile. Zugegeben: Für mich als Ausländer weniger als für die Inländer. Dennoch war es auch für mich mitunter richtig nervenaufreibend.

Million (4)

Hyperinflation führt zu Herzklopfen, wenn die Telefonrechnung kommt

So hatte ich damals in Novi Sad eine eigene kleine Wohnung mit einem eigenen Telefon, mit dem ich ab und zu auch Auslandsgespräche führte.

Wenn dann einmal im Monat die Telefonrechnung kam, stellte ich mir erst einen Kaffee hin und machte mir eine Zigarette an, bevor ich mit zitternden Händen den Umschlag öffnete. Dann rechnete ich nervös die  Rechnungssumme in DM um. Bei den vielen Nullen musste ich mehrfach die Gegenprobe machen, um wirklich sicher zu sein, dass ich nicht 1000 DM, sondern „nur“ 100 DM zu zahlen hatte.

Ich bekam auch ich ein Stipendium der jugoslawischen Bundesregierung, das in bar in Dinar ausgezahlt wurde. Da ich das lange Warten am Auszahlungstag hasste, kam ich oft erst einige Tage später zur Kasse des Studentenwerks. Dann kam ich sofort dran und der Kassenbeamte hatte auch wieder Zeit für ein Schwätzchen. Dies nutzte er meist damit, mir wortreich zu erklären, wieviel ich an Kaufkraft ich seit dem ersten Auszahlungstag schon verloren hatte.

Da es mir peinlich war, den Eindruck zu erwecken, ich würde mein jugoslawisches Stipendium nicht schätzen, holte ich es ab diesem Zeitpunkt pünktlich ab – und suchte gleich nach Möglichkeiten, es umgehend sinnvoll auszugeben.

Waschmittel als Geldanlage

Eine Möglichkeit war es, Vorräte anzulegen. Für einen Ein-Personen-Haushalt in einer Einzimmerwohnung gab es hierfür jedoch nur sehr beschränkte Wege. Etwas, das nicht immer zu haben und gleichzeitig haltbar war, war Waschmittel. Als ich dann allerdings fünf Kartons davon zu Hause hatte (und damit weit mehr, als ich während meines Restaufenthaltes noch brauchen würde) und auch alle Schallplatten und Kassetten, die schon immer mal haben wollte, gekauft waren, machte ich es wie all die andern: Ich trug das Geld in Cafés und Kneipen.

Neues Geld, weniger Nullen, mehr Devisen für den Staat

Im Dezember 1989 änderte sich jedoch die Situation shlagartig.

Damals zoge der jugoslawische Premier Ante Marković während einer Rede im Parlament einige Geldscheine aus der Tasche und erklärte, dass dies der konvertible Dinar wäre, der ab 1. Januar 1990 offiziell gegen harte Devisen getauscht werden könnte.

Die Abgeordneten waren von dieser Ankündigung so überrascht, dass erst sekundenlanges Schweigen entstand, bevor Applaus losbrach.

Das neue Geld brachte auch eine Denomination mit sich. Von den alten Dinarscheinen wurden vier Nullen gestrichen. Statt 10.000 hatte man dann einen Dinar. Meine Million war also zu mickerigen 100 Dinar geworden.

Somit enstprachen sieben konvertible Dinar einer Mark. Der Dinar war somit auf Augenhöhe mit dem Schilling gerückt.

Damit war auch dem grauen Devisenmarkt der Boden entzogen. Da viele nun ihre gehorteten D-Mark-Reserven offiziell in Dinar umtauschten, stiegen die Devisenreserven Jugoslawiens innerhalb von drei Monaten um den Gegenwert von 800 Millionen Dollar.

Ab diesem Zeitpunkt fragte mich niemand mehr, ob ich ihm gegen einen günstigen Kurs schwarz DM verkaufen könnte.  (Eine Möglichkeit, von der ich ohnehin kaum Gebrauch machen konnte, da ich zur Verlängerung meiner Aufenthaltserlaubnis immer Nachweise vorlegen musste, dass ich in der Vergangenheit meine Dinar offiziell gekauft hatte.)

Švercer busovi (Schwarzhändlerbusse) bereichern das Verkehrsangebot

Mit der Einführung des konvertibelen Superdinars gab es auch eine neue, billige Methode, nach Deutschland zu kommen: Da man nun offiziell DM kaufen konnte, machten sich viele zu Einkaufstouren nach Deutschland auf.

Aufgrund dieser Nachfrage fuhren nun donnerstags gleich mehrere Busse von Novi Sad nach München. Dort wurde am Freitag eingekauft und dann gleich wieder abends zurückgefahren. Am Sonntag boten die Reisenden dann die frische deutsche Ware auf der Piazza an. Aufgrund dieser Hauptkundschaft hießen die Busse im Volksmund auch Švercer busovi (Schwarzhändlerbusse)

Ich selbst bin immer nur in einer Richtung mitgefahren. Auch wenn ich so die Rückfahrt verfallen lassen musste,  war es wesentlich biliger als die Bahn und auch die  Touring-Busse. Und lustiger: In den Touring-Bussen sassen meist Gastarbeiter, die sofort nach ihrer Ankunft wieder an ihrem Arbeitsplatz oder auf der Baustelle ihres Hauses in der Heimat standen. Dort ging es deshalb sehr „deutsch“ zu.

Bei den Švercern im Bus war das anders. Dort durfte man auch Rauchen. Und den einen oder anderen Slibovitz gab es auch, so dass man auf der Fahrt durch die Nacht meistens seelig schlummern konnte.