Auch Lesestoff  für zeitgeschichtlich Interessierte

Die Autobiografie eines Kampfpiloten der jugoslawischen Volksarmee:  Das klingt nach einem Buch für militär- und technikaffine Leser. Das ist es tatsächlich.

Es ist aber auch ein zeitgeschichtliches Dokument, in dem einige Charakteristika der jugoslawischen Geschichte, die langsam in Vergessenheit geraten, angesprochen werden. Und Dinge, die sich im Zusammenhang mit dem Auseinanderfallen der SFRJ ereignet haben, über die man aber in Serbien, wo dieses Buch erschienen ist, heute meist lieber schweigt.

In dem mehr als 300 Seiten starken Buch, dessen Titel sich etwas frei als „Fliegergeschichten“ übersetzten lässt, erzählt Suad Hamzić, ein bosnisch-muslimischer Kampfpilot in der jugoslawischen Volksarmee seine Lebensgeschichte. Diese reicht von seinen Kindertagen in Sarajevo über seine aktive Militätkarriere an vielen Standorten auch im Ausland bis hin zu seinem erzwungenen Ausscheiden in den Vorruhestand während der Milošević-Zeit (bei dem gegen ihn auch montierte Spionagevorwürfe erhoben wurden)  bis in die heutige Zeit.

Geschichte: Und der Autor mittendrin

In diese Zeit fallen verschiedene Ereignisse, an die man sich heute kaum mehr erinnert – oder von denen man  im westlichen Ausland überhaupt noch nie gehört hat:

  • Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings befürchtete man in Jugoslawien eine Invasion aus dem Ostblock;
  • 1970 verletzte eine amerikanische Flotte mit einem Flugzeugträger das jugoslawische Hoheitsgebiet;
  • am 26. August 1972 landete die erste Passagiermaschine der Lufthansa, eine Boeing 727, in Jugoslawien, genauer in Zagreb.

Alle diese (und viele andere) Ereignisse hatten Auswirkungen auf das Leben des Autors:

  • Nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung in der Tschechoslowakei flog die jugoslawische Luftwaffe pausenlos Einsätze. Die Piloten wussten dabei nie, ob es sich um Übungen, Tests der Einsatzbereitschaft, Fehlalarme oder einen echten Einsatz handelte. Auch wenn das Ganze letztlich nicht zu einem militärischen Konflikt führte: Allein in der Einheit des Autors waren bei diesen Flügen zwei Tote zu beklagen.
  • Die Verletzung des jugoslawischen Hoheitsgebiets durch einen amerikanischen Flugzeugträger war aus amerikanischer Sicht kein Rechstbruch, sondern Folge einer unterschiedliche Auslegung internationaler Abkommen. Nach jugoslawischer Anschauung betrug das unverletzliche Hoheitsgebiet eines Küstenanrainers nämlich zwölf nautische Meilen (= 22 km). Nach Meinung der USA umfasst dieser Streifen dagegen nur sechs nautische Meilen, also etwas elf Kilometer. Die jugoslawische Seite war besonnen genug, dies nicht in einen Konflikt ausarten zu lassen. Zwei hochrangige jugoslawische Militärs wurden jedoch nach diesem Vorfall ihrer Posten enthoben, da sie keinerlei Informationen über den Besuch einer amerikanischen Flotte in Italien hatten, obwohl – so merkt der Autor an – dieser auch bei jugoslawischen Prostituierten (die deswegen für einige Tage in das Nachbarland fuhren) bekannt war.
  • Und die erste Landung eines bundesdeutschen Verkehrsflugzeugs in Jugoslawien hätte beinahe zu einem Zusammenstoß mit einem jugoslawischen Kampfjet geführt – der vom Autor dieses Buches gesteuert wurde.

Auch ansonsten gibt es Einblicke in viele, bislang wenig bekannte Dinge. Zum Beispiel in die sechs Milliarden US-Dollar teure, streng geheime Flugzeugkaverne bei Bihać, die gleichzeitig das größte Objekt dieser Art in Europa war.

Fliegerlatein oder Wahrheit?

Manches, was erzählt wird, ist an der Grenze zum Jäger- bzw. Fliegerlatein – oder überschreitet sie sogar:

  • Dazu gehören Erzählungen von nicht weniger als drei UFOs, die der Autor auf unterschiedlichen Flügen gesehen haben will, und
  • der Bericht von einem Flug, bei dem ein Kollege mit einem Düsenjäger ein Verkehrszeichen gestreift hat.

Die zweite Geschichte wird im Buch allerdings durch Fotos belegt:

 

Jugoslawien: Staat zwischen Ost und West

Anschaulich wird auch Jugoslawiens Situation zwischen Osten und Westen, die auch Spuren in der Luftwaffe hinterließ, geschildert: Die Piloten wurden sowohl in der UdSSR wie bei der Royal Airforce in Großbritannien ausgebildet. In Zeiten des kalten Krieges etwas, was eigentlich unmöglich sein hätte müssen!

Jedoch orientierte man auh politisch zunehmend am Westen. Dies kam zum Beispiel in der Entscheidung (an der der Autor als Testpilot maßgeblich beteiligt war), die amerikanische F-5 als neues Kampfflugzeug anzuschaffen, zum Ausdruck.  JNA-Luftwaffengeneral  Blagoje Grahovac sieht das in seinem Nachwort zu dem Buch als Weichenstellung in Richtung einer möglichen späteren euroatlantischen Integration auch im militärischen Bereich (S. 320).

Der Zerfall Jugoslawiens als Verlust der Heimat

Zeitgeschichtlich besonders interessant sind die Erfahrungen, die der Autor während des Auseinanderfallens Jugoslawiens machen musste.

Hamzić selbst bezeichnet sich als überzeugten Jugoslawe. Allerdings macht er auch deutlich, dass diejenigen, die sich Anfang der 1990-er Jahre als Retter Jugoslawiens darstellten, in Wahrheit für andere Ziele kämpften.

Dies führte dazu, dass er sich nicht mehr in dieser Armee, die vorher sein Lebensinhalt gewesen war,  engagieren konnte („Mit euch kann ich nicht mehr, aber gegen Euch werde ich nicht; S. 297.)

Aber auch diese Armee wollte ihn – den muslimischen Bosnier, der schon mehrmals sein Leben beim Dienst in dieser hätte verlieren können – nicht mehr. Deshalb folgten für den Autor verschiedene Phasen der Demütigung und auch der strafrechtlichen Verfolgung wegen angeblicher Spionage.

Militärgericht auf Seite des Autors

Bemerkenswert hierbei ist nicht  nur, dass die Militärgerichtsbarkeit ihn in zwei Instanzen nach „Marathonsitzung“ von allen Vorwürfen freigesprochen hat, sondern auch, dass sie ihn im Urteil sogar noch ausdrücklich darauf hingewiesen hat, dass er gegen diejenigen, die in diese Situation gebracht hatten, vorgehen könnte.

Daraus kann man nur folgern, dass sich auch unter Milošević, sogar in der Militärgerichtsbarkeit (!), Richter den neuen politischen Trends“ verweigern konnten –  wenn sie es denn wollten.

Vorauseilender Kadavergehorsam und Opportunismus  unter Milošević

Vorauseilenden Kadavergehorsam und Opportunismus belegen auch Hinweise auf Angehörige nationaler Minderheiten, die im (später enttäuschten) Vertrauen auf entsprechende Privilegien mitgeholfen haben, Angehörige anderer Minderheiten zu diskriminieren (S. 300).

Auch nach seinem Ausscheiden aus der Armee war er, wie viele andere, die mit der „falschen“ Nationalität zur Zeit des Zerfalls Jugoslawiens in einer der Teilrepubliken des bis dahin gemeinsamen Staates lebten, Diskriminierungen ausgesetzt.

Diese kamen mitunter in Form auf den ersten Blick banaler Verwaltungsvorschriften, die in Wirklichkeit aber existensbedrohende Auswirkungen haben konnten, daher.

Damals war durch den Wechsel des Gesellschaftssystems für die Bewohner möglich, ihre Wohnungen aus dem „gesellschaftlichen Wohnungsfonds“ abzukaufen. Ohne Nachweis der (nun serbischen) Statasangehörigkeit wurde man in Belgrad jedoch nicht als Eigentümer eingetragen. Und musste in diesem Schwebezustand die Nebenkosten zweimal, einmal auf das Konto für Mieter und einmal auf dasjenige für Miteigentümer, zahlen (S. 304).

Dies sind Mechanismen, die man auch aus anderen autoritären Systemen kennt. In Serbien (und den anderen Ex-YU-Staaten) werden sie aber bis heute, auch in intellektuellen Kreisen, selten so deutlich angesprochen.

Dies zu tun ist ein großer Verdienst des Autors, aber auch des herausgebenden Verlags. Bei ihm handelt es sich um ein Unternehmen Tango Six, das unter anderem eine sehr erfolgreiche Website zu Themen der Luftfahrt betreibt.

 Fazit

Wer fliegt, für den sind Grenzen, in Gedanken oder auf der Erdoberfläche, relativ bedeutungslos. Wichtig beim Fliegen, gerade in Zeiten von Turbulenzen, ist es Abstand zu subjektiven Empfindungen zu gewinnen und stattdessen objektiv die Gesamtsituation und die eigene Position darin zu erkennen.

Ein Beweis dafür, dass Flieger diese Eigenschaften auch außerhalb der Luftfahrt anwenden können, ist dieses Buch!

Die etwas über 300 Seiten ist bislang leider nur in serbischer Sprache erhältlich.

Hinweis

Diejenigen, die „unsere Sprache“ sprechen, finden im Internet einen Werbespot zu dem Buch.

Dieser ist sehr episch arrangiert. Deshalb ist es gut, dass die Herausgeber ihn mit einem ironischen Warnhinweis versehen haben:

Redakcija Tango Six portala ne preuzima odgovornost za propratne efekte gledanja ovog videa.

Oni mogu uzrokovati teške oblike inspiracije, infekciju jugoslovenstva i iznenadne napade želje da se postane pilot lovac Jugoslovenske narodne armije.

Dem schließen wir uns ausdrücklich an!