Unbekannter Franke verbindet mit historischer Liedersammlung den Balkan

Wir hatten ja versprochen, einige Querverbindungen zwischen Franken und dem ehemaligen Jugoslawien offenzulegen.

Hier ist die erste diesbezügliche Enthüllung. Und die hat es wirklich in sich: Ein Franke war es nämlich, der die bedeutendste Quelle für die Erforschung der Volkslieder der Bosnier, Kroaten und Serben geschaffen hat, die – nebenbei – auch eine Beitrag zur Völkerverständigung leisten kann.

Erlanger Manuskript bedeutende Quelle für Forschung

Diese Quelle ist das sogenannte Erlanger Manuskript, das die Texte von 217 solcher Lieder enthält, die am Anfang des 19. Jahrhunderts offensichtlich von einem Deutschen in kyrillischer Schrift vor Ort aufgezeichnet wurden. Danach wurde das Manuskript der Universität Erlangen geschenkt. Dort wurde es erst einmal in eine Schublade gesteckt – und geriet in Vergessenheit.

Erst später erkannte man die Bedeutung dieser Sammlung. Da war es allerdings schon zu spät, um den Verfasser noch feststellen zu können.

Unbekannter Autor mit charakteristischem Schreib- und Hörfehler

Sprachwissenschaftler gehen jedoch davon aus, dass es sich um einen Franken gehandelt hat. Dies nicht nur wegen des Ortes, an dem das Manuskript gefunden wurde, sondern auch wegen einer sprachlichen Besonderheit:

In dem Manuskript werden nämlich häufig die harten und weichen Konsonanten verwechselt. So wird aus einem b ein p (oder umgekehrt), aus einem t ein d (oder umgekehrt), aber auch aus einem k ein g und aus einem z ein s. Daraus folgert der deutsche Autor Stephan Bahr, der als Donauschwabe selbst aus Futog in der Vojvodina stammt, in einem Interview mit „Danas“, dass es sich bei dem Verfasser um einen Franken gehandelt haben muss.

Lieder ohne nationale Grenzen 

Über das Erlangen Manuskript schreibt Damir Imamović in seinem Buch „Sevdah“: Muzičko putovanje kroz tri stoljeća“ (Sevdah: Musikalische Reise durch drei Jahrhunderte):

Die Bedeutung dieses Manuskripts für das gesamte Feld der mündlichen Poesie und für das Genre der Sevdalinka  (Anmerkung: dies sind bosnische Liebeslieder) ist ungeheuerlich. Wichtig ist es vor allem deswegen, da es aus der Zeit vor dem romantischierenden Natonalismus stammt.

Wegen dieser frühen Enstehung, so Imamović weiter,  geben die im Erlanger Manuskript abgedruckten Texte einen Einblick in die Situation, bevor die Lieder entsprechend der jeweiligen nationalen Ausrichtung umgeschrieben wurden. Dies hat zur Folge, dass in den hier gesammelten Fassungen Helden unterschiedlicher nationaler Identitäten noch gemeinsam auftreten, während den späteren, nationalorientierten Sammlern solche Passagen nicht ins Konzept passten.

Durch dieses Manuskript hat der unbekannte fränkische Sammler also auch einen Beitrag dazu geleistet, dass positive Beispiele des Miteinanders zwischen den Bosniern, Kroaten und Serben nicht in Vergessenheit geraten.

Ein herzlicher Dank

Bei dieser Gelegenheit ganz herzlichen Dank an einen lieben Kollegen aus Sarajevo für das empfehlenswerte Buch von Imamović!

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