Belgrader Marathon 2016: Hochsommer im April, Marathon wird zum Wettbewerb im Gehen

 


Manche meinen ja, dass strahlend blauer Himmel schön sei. Marathonläufern dagegen wissen: Gibt es etwas Unbarmherziges als blauen Himmel, der vom einen Ende des Horizonts zum anderen reicht, und nicht die geringste Hoffnung auf nur einen einziges Wölkchen, das sich vor die Sonne schiebt, macht?

Ein solches Wetter gab es am Samstag, dem 16. April 2016 in Belgrad. Nachdem es zwei Tage vorher noch kalt gewesen war und in Strömen geregnet hatte, sprangen nun die Temperaturen knapp unter die 30°.

Start auf historischem Boden

Der Start fand auf historischem Belgrader Boden statt: In der Nähe des Parlamentes, wo im Oktober des Jahres 2000 Demonstranten das Ende der Herrschaft von Milosevic einläuteten. Für die ausländischen Teilnehmer, von denen es etliche gab, war es sicher ungewöhnlich, dass vor dem Start die Nationalhymne gesungen wurde.

Einige der einheimischen Läufer hoben dabei auch die Hand zum serbischen Drei-Finger-Gruß. Die an ihren Vereins-T-Shirts als solche erkennbaren Bosnier, Mazedonier, Kroaten und Slowenen, nahmen dies gelassen hin.

Bereits der erste Teil der Strecke hatte es in sich: Zum einen bemerkte man relativ schnell, dass man in der Metropole eines früher sozialistischen Staates läuft. Der Erhaltungszustand auch der Hauptstraßen ist alles andere als gut. Mit Schlaglöcher und durch die Hitze gewellten Asphalt muss man also rechnen. Ebenso mit Straßenbahnschienen. Man sollte also den Blick ab und an auch nach unten schweifen lassen. Außerdem gab es auf den ersten drei Kilometern erhebliche Steigungen. Diesbezüglich hatte man das Schlimmste bereits überstanden, wenn man Kilometer vier erreicht hatte.

Hauptteil der Strecke in Novi Beograd

Nach ca. sechs Kilometer durch das historische Belgrad (oder das, was nach der Bombardierung durch die deutsche Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg davon übrig geblieben war), ging es über die Sava nach „Neu Belgrad“. Von der Brücke bot sich auch ein Blick auf die Mündung der Sava in die Donau. Leider verlief die Strecke dann nicht hinunter zur Donau und an dieser entlang, sondern fast ausschließlich durch die zu sozialistischen Zeiten errichtete, damals moderne Vorstadt. Dort war zweimal ein Rundkurs von 15 km zu absolvieren, bevor es dann über die Sava wieder zurück in die Innenstadt ging.

Die Strecke führte vorbei an Wohnsilos und sozialistischen Zweckbauten und dem überdimensionierten Hotel „Jugoslavija“ (das auch heute noch so heißt ). Dann berührte sie kurz die Vorstadt Zemun, die vor dem Zweiten Weltkrieg Wohnort vieler Donauschwaben war, und danach im Gefolge der kriegerischen Auseinandersetzungen der 90er Jahre als Wohnort der „Zemuner Mafia“, die durch kriegsgewinnlerische  Machenschaften zu Reichtum gekommen war, traurige Berühmtheit erlangte. Ein Teilstück bildete die Hälfte einer breiten Straße, deren andere Seite eben gerade asphaltiert wurde. Dort fühlte man sich so, als ob man in einer Sauna laufen würde.

Ganz klare Ansage: Der Charme der Strecke in Belgrad hält sich in Grenzen. Belgrad ist eine lebendige, bunte Metropole, die zu recht bei vielen jungen Ausländern auch als Partyhochburg beliebt ist. Die Marathonstrecke  ist jedoch eher eine Verlegenheitsstrecke mit Start und Ende in der Innenstadt. Der Rest besteht meist aus Asphalt unter den Füßen und Beton um einen herum. An verfrühten Hochsommertagen wie diesem, läuft man da schon einmal halbblind von einem Gemisch aus Schweiß und Sonnencreme gegen den inneren Schweinehund an.

Der Charme kommt von den Belgradern

Dennoch hat dieser Marathon seinen eigenen Charme. Und der besteht in den Einwohnern Belgrads. Diese feuern nämlich selbst noch das letzte Drittel der Läufern, das weit jenseits des dreißigsten Kilometer mühsam in Richtung Ziel wankt, aufmunternd an. Ich habe noch bei keinem Marathon so viele Kinder gesehen, die jedem Läufer, der des Weges kam, die Hände zum Abklatschen anboten. Und soviele Omas, die in Campingstühlen am Straßenrand saßen, und jeden Läufer aufmunterten. Am freundlichsten  war der Zuspruch übrigens auf der Teilstrecke entlang des Slums (jedes andere Wort wäre einfach geschönt!) in dem Sinti und Roma in mühselig zusammengezimmerten Holzhütten wohnen. (Mancher einheimische Läufer würde sich wohl nie hierher verirren, wenn die Marathonstrecke nicht hier vorbei führen würde).

Auch gibt es wohl wenig Laufstrecke, auf denen man so nahe auf Tuchfühlung mit den Stadtbewohnern kommt. Wenn die Spitzenläufer einmal vorbei sind (übrigens lief der erste, der Äthiopier Rop Abel Kibet nach 2:23:58 Stunden über die Ziellinie), nutzt die Belgrader Bevölkerung nämlich die Gelegenheit, ihre sonst vom Autoverkehr überbelasteten Straßen zurückzuerobern. Man muss deshalb damit rechnen, dass man ab und zu mal eine Gruppe von Kindern mit Fahrrädern umlaufen muss, oder aber auf der Savabrücke beinahe in eine Radfahrerin läuft, die spontan beschlossen hat, anzuhalten um ein Foto mit ihrem Handy zu schießen.

Irgendwann löst sich der Unterschied zwischen Läufern auf der einen und Zuschauern bzw. Spaziergängern auf der anderen Seite fast völlig auf. Wegen der Temperaturen sind die Marathonis nämlich nur geringfügig schneller als diejenigen, die die Gelegenheit nutzen, auf den Hauptverkehrsstraßen zu flanieren. Zumindest im hinteren Drittel des Teilnehmerfeldes ähnelt das Ganze mehr einer Geher- als einer Laufveranstaltung. Und man ist gut beraten, sich so zu verhalten. Daran erinnern einen ab und zu die Sirenen des Sanitätswagens.

Können Marathonläufer auch Fahrplanauskunft?

Den schwindenden Unterschied zwischen Teilnehmern und Zuschauern verdeutlicht vielleicht am besten folgende Szene: Es muss irgendwo zwischen Kilometer 35 und 38 gewesen sein. Dort saß an einer Bushaltestelle eine Frau jenseits der 60, die mit großer Selbstverständlichkeit die schweißglänzenden Läufer fragte: „Jungs ihr wisst doch bestimmt, welche Linie ich nehmen muss, um von hier nach XY zu kommen“.

Wenn jetzt jemand meint, dass es keinen Sinn macht, während eines Marathonlaufes an einer Bushaltestelle entlang der Strecke zu warten, dem sei gesagt, dass ein Teil der Strecke nicht vollständig für den Verkehr gesperrt ist. Das führt dazu, dass der kreuzende Autoverkehr immer dann freigegeben wird, wenn sich bei den Läufern eine Lücke auftut. Geduldig warten Polizisten, die  Autoschlangen für einen aufhalten. Es hat sich viel verändert, seit den 80-ern. Damals waren die Uniformierten weniger freundlich.

Irgendwann hat man dann den Rundkurses das zweite Mal durchlaufen und es geht wieder Richtung Savabrücke in die Innenstadt. Auf der anderen Seite des Flusses gibt es dann auch wieder Schatten. Was die eine oder andere Kraftreserve freimacht. (Übrigens haben die Veranstalter auf die Hitze flexibel reagiert: Etwa alle zwei Kilometer gab  es Wasser. Man hatte offensichtlich Zusatzversorgungsstationen eingerichtet. Toll waren auch die Stationen mit den Wasserschläuchen, aus denen man sich ausgiebig abduschen lassen konnte.)

Warum nicht einmal in Belgrad laufen?

Übrigens ist Belgrad auch eine tolle Stadt für Nachtleben und Kneipenmarathon. Außerdem hat es historisch einiges zu bieten. Der Belgrader Marathon ist sicher kein Lauf, den man sich jedes Jahr geben muss. Er ist es aber durchaus wert, einmal teilzunehmen. Vor allem, wenn man es mit einigen Tagen Städtetourismus kombiniert.  Zu sehen gibt es in Belgrad abseits der Marathonstrecke genug.

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