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Steve Gibbons in der Fellbacher Jazzfabrik: Charismatischer Erzähler von rockigen Geschichten (rechts: Howard Gregory)

Die Welt ist ungerecht. Wenn’s anders wäre, hätte ein Mann wie Steve Gibbons längst einen Ehrenplatz in der Ruhmeshalle des Rock ’n ’Roll und würde in Riesenarenen auftreten.

So charakterisierte Stefan Radlmaier, der Feuilleton-Chef der Nürnberger Nachrichten, den künstlerischen Stellenwert von Steve Gibbons am 26. März 2003.

Dass diese Aussage auch dreizehnn Jahre später noch berechtigt ist, bestätigte sich wiederum im schwäbischen Fellbach. Versteckt im Industriegebiet findet sich dort der Jazzfabrik, eine Location mit mehr als angenehmer Athmosphäre und guter Akkustik.

Dort gab am 17. März 216 die Steve Gibbons Band in ihrem aktuellen Line-Up

  • Steve Gibbons (Gesang, Gitarre, Mundharmonika),
  • Howard Gregory (Gitarre, Violine),
  • Brendan Day (Schlagzeug), und
  • John Caswell (Bass)

ein mehr als zweistündiges Konzert.

Den ersten Teil bildeten meist ruhige Songs, die auch weit über die Grenzen des Rock hinausgingen. Hier hörte man auch Geige und BeBop. Eine melancholische Interpretation des Dylan-Songs „Simple Twist of Fade“ durfte ebensowenig fehlen wie Steve Gibbons launische Erzählpartien, bei denen er mit schauspielreifer Mimik und ausladender Gestik die Hintergründe einzelner Songs erläutert. Gelegentliche Up-Tempo-Einsprengsel wie „Not Fade Away“ von Buddy Holly (The man himself, so Gibbons.)  zeigten, wo die Reise im zweiten Teil hingehen sollte.

Nach der Pause wurde es dann lebhaft. Mit fast 75 Jahren immer noch druckvoll interpretierte Gibbons bekannte Rocksongs aus seinem eigenen Repertoire („Down in the Bunker“, „Hey Buddy“) und Fremdkompositionen. Bei den Coverversionen ragten die Reaggae-Version von „I shall be released“ (wiederum ein Dylan-Song) und der Gene Vincent-Klassiker „Get it“, bei dem die Band, wie bei etlichen Songs vorher, mit mehrstimmigem Gesang brillierte, hervor.

Am Ende hielt es niemanden im Club mehr auf den Stühlen.

Koffer statt Jazz

Anderntags, ca. 200 km weiter. Dieselben Leute auf der Bühne. Ansonsten ist aber das meiste anders:

Der Club in Fürth nennt sich auch „Fabrik“ (Kofferfabrik). Anders als in Schwaben sehen in Franken Fabriken, und auch die darin eingerichteten Konzertlocations, noch nach Fabrik aus: Viele alte Konzertplakate an der Wand, kaum Sitzplätze. Es fehlt eigentlich nur noch der Zigarettenrauch, schon wäre man wieder in den 80-ern.

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Rock in 80-er Ambiente: Kofferfabrik in Fürth (rechts: John Caswell am Bass)

Von null auf hundert in einem Lied

Die Band gibt sofort Gas: Voll auf die Zwölf. Ein fetziges „Alone with you“, Bob Dylan am Anfang, dann die Perle „No Spittin`on the Bus“, wenig Überschneidungen mit gestern.

Und auch die wenigen Songs, die an beiden Abend gespielt werden, bekommen andere Funktionen:

„All right now“ mit seinem hypnotischen permanenten Hin-und Herwechseln zwischen A-Moll und D-Moll sowie seinem Zwiegespräch zwischen Geige und Mundharmonika war in Fellbach ein Schritt in einem sich gemächlich steigernden Aufbau, in Fürth ist es eine Verschnaufpause zwischen schnellen Intervallen.

Steve Gibbons ist ein Erzähler. An diesem Abend läuft er zur Bestform auf. Die Vorrede zu einem Song gerät etliche Minuten lang, eine Vorlesung über Rock`n`Roll-Geschichte über grovender Musik , alleine das eine Performance. Und irgendwann setzt „That`s all right ein“ und es ist wieder „nur Rock`n`Roll“ und alle mögen es!

Viele Coverversionen

Steve Gibbons könnte drei Konzerte alleine mit Eigenkompositionen, die das Publikum wieder einmal live hören möchte, füllen – mindestens. Obwohl das tantienemtechnisch vermutlich einträglicher wäre, pflastert er das Set seiner Band mit Coverversionen. Und verlässt sich dabei nicht nur auf sichere Banken wie „Not Fade Away“, sondern bläst auch den Sand von manchem Bernstein, den er am endlosen Strand der frühen Rockgeschichte aufgelesen hat. An diesem Abend ist das unter anderem „Jaguar and Thunderbird“, eine Chuck Berry-Single, die es 1960 in den USA gerade einmal auf Platz 109 der Charts geschafft hat (in Europa konnte sich die Single nicht platzieren oder ist überhaupt nicht erschienen).

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Der Mann im Hintergrund: Brandan Day liefert die Grundlage am Schlagzeug und singt Background

Dreiheiligkeit: Elvis, Buddy Holly, Chuck Berry

Wenn Steve Gibbons zu Hause einen Hausaltar mit der Dreiheiligkeit Rock`n`Roll hätte, dann wäre die Figur des Heiligen Buddy Holly von Texas sicher die schönste, also die von Maria, und Elvis wäre die ranghöchste, also Gott. Die interessanteste, folglich der Heilige Geist, wäre jedoch der Hl. Chuck von Mississouri.

Das belegt auch die Eigenkomposition „Chuck in my car“, in der er die anregende Wirkung von Chuck Berry- Songs auf das Führen von Kraftfahrzeugen beschreibt. Bei Songs wie diesen wird, ebenso wie bei seinen Einleitungen und Kommentaren zu den vielen Coverversionen, deutlich, dass Steve Gibbons selbst Fan und Verehrer dieser Urväter des Rock`n`Roll ist.

Wenn man Chuck Berry erwähnt kommt man an dem Thema „Sologitarre“ nicht vorbei. Howard Gregory prägt mit dieser (und der Geige) das musikalische Erscheinungsbild der SGB. Und – wenn die Erinnerung den Verfassers dieser Zeilen nicht täuscht – baut dessen z.B. die oft spartanisch knappe Sololicks von Chuck Berry noch aus, ohne sie zu verwässern oder zu verdünnen.

 Spontanität

Was das Konzert prägt ist Spontanität: Da gibt es einen Zuruf zum Tonmeister: eine Programmänderung wird angekündigt, nach „All right now“ gibt es noch eines mit der fidelen Fidel („Train“). Ein andermal geht ein Mundharmonika zu Boden und wird vor dem nächsten Song, bei dem sie benötigt wird, erst einmal umständlich auf dem Bühnenboden gesucht.

Wer so lange Bühnenerfahrung hat, wird nicht nervös, wenn nicht alles rundläuft. So jemand muss auch nicht jede Sekunde „action“ bieten. Solche Szenen sind retardierende Momente, außerdem fühlt man sich in diesem Club sowie wie im Wohnzimmer.

Vielleicht ist es Steve Gibbons gegenüber ungerecht, dass er nicht in Riesenarenen sondern in Clubs spielt. Für die Fans ist es ein Glück..

Steve Gibbons wird im Sommer 75. Falls ihm Jan Anderson gratulieren sollten, dann vermutlich mit den Worten:

You are never too old to Rock`n`Roll

 

Wer ist Steve Gibbons?

Steve Gibbons trat mit zahlreichen Größen der Branche (The Who, George Harrison, Little Feat, Electric Light Orchestra) auf und wird von den Kritikern hochgelobt. Dennoch blieben ihm größere Erfolge versagt. 1982 war er der erste westliche Rockmusiker, der in der DDR auftreten durfte. Außer mit seiner eigenen Band tritt Gibbons auch von Zeit zu Zeit mit der Ende der 1990er Jahre gegründeten Band The Dylan Project auf. Dieses Trio spielt Coverversionen von Bob Dylan. Demnächst wird es in Großbritannien mit einer Konzertversion des gesamten Doppelalbums „Blonde on Blonde“ auf Tour gehen.