Trg Efke 2

 

Oft nehmen die, die nur in gewissen Abständen in eine Stadt kommen, Veränderungen besser wahr als diejenigen, die ständig dort leben. Diese Erfahrung machte ich wieder bei meinem letzten Besuch in Zagreb. Ich komme seit den 1980-ern in unregelmäßigen Abständen in die Stadt und mir gefällt dort besonders der Hauch von Nostalgie, der sich zwischen Bahnhof und Oberstadt breit macht. Wesentlicher Bestandteil dieser Nostalgie war am zentralen Platz, dem Trg Bana Jelacic, schon zu der Zeit als er noch Trg Republike hieß, der „Efke-Junge“, eine im Schwarz-weiß-Zeichnungsstil gehaltene meterhohe Werbefigur eines Jungen mit Dreiviertelhosen, der gerade in gestraffter Körperhaltung ein Foto macht.

Man sieht ihm an, dass hier nicht geknipst, sondern richtig fotografiert wird. Hier wird nicht „geschossen“, sondern überlegt und mit ruhiger Hand richtiges Leben durch eine Linse auf eine Negativrolle gebannt, um dann, in einem aufwändigen neuen Vorgang, bei dem u.a. ein Projektor und Chemikalien Verwendung finden, auf Papier sichtbar gemacht zu werden.

Bedächtig hielt er den Fotoapparat in der Hand. Gleichzeitig wirkte er selbstsicher und mutig, wie er da auf dem Dach eines vierstöckigen Hauses direkt am Abgrund stand.

Eingerahmt war er von einer Franck-Reklame zwei Häuser weiter und einer für Kras, direkt hinter seiner linken Schulter. Diese stehen für Kaffee und Konditoreiprodukte. Durch diese Kombination wird eine Geschichte daraus. Es ist Sommer (das verraten die Dreiviertelhosen) und der Junge, nennen wir ihn ebenfalls Efke, darf im Garten die versammelte Familie fotografieren. Der Vorgang gerät zum Zeremoniell, bei dem die Angetretenen mehrfach umgruppiert werden. Erst dann darf Efke auf den Auslöser drücken einmal, und, zur Sicherheit, noch einmal. Aber bitte keine drei Mal, weil Fotomaterial teuer ist!

Erst dann geht es an die liebevoll geschmückte Tafel mit blütenreiner Tischdecke und leckeren Neapolitanern.

Efke ist nicht mehr da. Und was fast noch trauriger ist: Keiner meiner Zagreber Bekannten hat es in der Hektik des Alltages gemerkt. Manche haben sich sogar überhaupt nicht an Efke erinnern können. Es steht zu befürchten, dass Efke schon in der Altmetallverwertung gelandet ist.

Schade! Er hätte etwas Besseres verdient gehabt.

Nachsatz:

Efke Filme wurden von der Firma Fotokemia d.d. (= Aktiengesellschaft) hergestellt. Die englischsprachige Wikepedia enthüllt, dass diese 2012 abgewickelt wurde. Der Nachfolger Fotokemia Nova vertreibt offensichtlich nur Medizinfilme. Kann man hoffen, dass Efke zurückkehrt, im weißen Kittel als Medizinisch-technischer Assistent? Das Alter dazu müsste er inzwischen haben.

Das obige Bild stammt von Wikimedia Commons von Lamasse. Es wurde bearbeitet, um den Efke-Jungen besser zur Geltung zu bringen.