Bosnien aus westeuropäischer Sicht 1837

Was wussten die Menschen in Deutschland in der ersten Hälfte des 19 Jahrhunderts über Bosnien?

Um dem auf die Spur zu kommen haben wir den Brockhaus konsultiert, genauer das vom Verlag F. A. Brockhaus in Leipzig im Jahre 1837 herausgegebene „Bilder-Conversations-Lexikon für das deutsche Volk“, das den Untertitel „Ein Handbuch zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse und zur Unterhaltung in vier Bänden“ trägt. Dort heißt es nach den Stichwörtern „Borkenkäfer“, „Börne“, „Borromäische Inseln“, „Borromäus (der Heilige“ und „Börse“ zum Stichwort Bosnien:

westlichste der vier Provinzen oder Ejalates der europäischen Türkei südwestlich von österreichisch Dalmatien und dem adriatischen Meere, nördlich von der österreichischen Militärgrenze und östlich von Serbien umschlossen, hat mit dem dazugehörigen Hersek oder Herzegowina, türkisch Kroatien und Dalmatien auf 1063 Quadratmetern gegen eine Million Einwohner, welche aus Bosnien oder Bosniaken, Kroaten, Morlacken und Montenegrinern, sämmtlich slawischer Abkunft, aus Türken, Zigeunern und Juden bestehen. Fast zwei Drittheile sind Christen meist der griechischen Kirche, die hier von jeher milder behandelt wurde als in den übrigen türkischen Provinzen, und etwa ein Drittheil Muselmänner. Das Land ist durchaus gebirgig von vielen Zweigen der dinarischen und Julischen Alpen durchzogen, die sich im Süden bis 6000 Fuß erheben; die Gipfel derselben sind kahl, die mittleren Regionen mit herrlichen Waldungen bedeckt, die Thäler ungeachtet des meist steinigen Boden sehr fruchtbar. Hauptflüsse sind die Unna, die Save, die durch ihre Überschwemmungen viele Moräste bildet und die Bosna, Drina und Verbas aufnimmt. Das Klima ist sehr milde in den Tälern, auf den Gebirgen dagegen rauh, allein durchgängig gesund. An Wildpret ist Überfluss, der nachlässig betriebene Bergbau liefert etwas Eisen und Steinkohlen, auch sollen edle Metalle und Quecksilber vorhanden sein. Die Landwirtschaft beschäftigt sich wenig mit Anbau von Getreide, das aber selten zu Brot, sondern meist zu einer Art Kuchen verbacken wird; dagegen werden Hülsenfrüchte, Flachs, Tabak, Wein und Obst in Überfluss gewonnen, die Kastanien für gewöhnlich zu Viehfutter benutzt und Rindvieh, Schweine, Schafe, Ziegen und Federvieh in Mengen gezogen und ausgeführt. Der Gewerbefleis ist auf wenige Waffen-, Eisen- und Lederfabriken und die Verfertigung grober und baumwollner Zeuche beschränkt. Bosnien zerfällt in die sechs Statthalterschaften T r a v n i k mit der Bergfeste Travnik, der Residenz des Paschas mit 8000 Einwohnern und der Hauptstadt Bosna-Serai oder Serajevo mit der 60.000 meist türkischen Einwohnern, I s w o r n i k oder Zvornik mit der gleichnamigen Stadt von 25 000 Einwohnern, die wichtigen Holzhandel treiben, B a n j a l u k a mit der Festung gleichen Namens mit 15.000 Einwohnern; N o v i b a z a r mit der Stadt Novibazar mit 10.000 Einwohnern, die der Sitz eines katholischen Bischofs ist, und K e r s e k oder H e r z e g o w i n a , welches Gebiet früher ein Herzogtum war und davon auch den Namen hat, mit der stark befestigten Hauptstadt Trebin mit 10.000 Einwohnern.- Bosnien wurde von den Griechen zu Scythien, von den Römern zu Pannonien gerechnet. Zur Zeit der Völkerwanderung ward es zu Serbien geschlagen, später wieder selbstständig unter der Herrschaft erwählter Bans. Seit 879 mit Kroatien vereinigt und seit 1080 wieder unter serbischer Botmäßigkeit, ward es 1138 eine Beute der Ungarn und sehr bald führten nun ungarische Prinzen den Titel Herzöge von Bosnien. Als sodann wieder selbstständige Bans zur Herrschaft in Bosnien gelangten, legten sie seit 1376 sich den Königstitel bei, wurden jedoch immer abhängiger von den Türken, die endlich um die Mitte des 15. Jahrhunderts Bosnien für eine türkische Provinz erklärten. Zwar machen ihnen später die Ungarn den Besitz desselben noch eine Zeit lang streitig, allein von den Türken besiegt, wurde Bosnien 1528 von Neuem türkische Provinz und ist es bis auf die Gegenwart geblieben.

Der heutige Leser wird über viele Begriffe stolpern die ihr vielleicht noch nie gehört hat, wie „europäische Türkei“ oder „österreichisches Dalmatien“. Dank des Internets (und unserer Fleißarbeit, in den obigen Text links einzubauen) kann man sich über diese Begriffe schnell informieren.

Ansonsten halten wir den Text für relativ gelungen, weil er auf relativ wenig Platz einen guten Eindruck von dem geschichtlichen Hin und Her auf dem Gebiet Bosnien und Herzegowina gibt und dabei auch versucht, die verschiedenen Nationen, die dort einmal Herrschaftsgebiet hatten, gleichmäßig zu erwähnen. Das sind Maßstäbe, die manche moderne Berichterstattung über Bosnien Herzegowina, trotz wesentlich erweiterte Informationsquellen, nicht erfüllt.

Wir werden von Zeit zu Zeit weiter aus diesem Werk, dass seinen Anspruch gemeinnützige Kenntnisse zu verbreiten und unterhaltend zu sein, auch noch nach fast 200 Jahren erfüllt, bei anderer Gelegenheiten noch weitere Stichwörter mit Jugoslawienbezug zitieren.

Bleiben Sie uns also gewogen und schauen Sie ab und an wieder einmal hier vorbei.

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