„Ihr könnt` auf uns zählen“: Auch wenn wir Rockmusik spielen, sind wir dennoch gute Kommunisten

Merkwürdige Themen und getrennte Wege

Wegen der darin besungenen Themen ist die 1978 erschienene Single „Raćunajte na nas“ (frei übersetzt: „Ihr könnt` auf uns zählen“) der Band Rani Mraz (Früher Frost) mit ihrer Rückseite „Strašan žlulj“ (frei übersetzt: „Ich habe eine mächtige Blase an den Händen„.  Ja, Sie haben richtig gelesen. Das Lied heißt tatsächlich so! Zum Hintergrund dieses doch etwas merkwürdigen Titels weiter unten mehr) eine musikalische Kuriosität, die tief in die jugoslawischen Gesellschaft der ausgehenden 1970er blicken lässt,.

Gleichzeitig zeigt der weitere Lebensweg der an dieser Platte beteiligten Musiker, wie unterschiedlich sich in Jugoslawien Menschen, die früher zusammengearbeitet haben (und wohl auch mal eine Zeit lang gemeinsame Ziele hatten, und wenn es auch nur eine Band war), im Laufe der Zeit – vor allem der 1990er – in ganz verschiedene Richtungen entwickelten.

Računajte na nas: Tito, Schlachten und die Rockmusik

Worum geht es in den beiden Liedern?

Rani Mraz (5)

Hier die Zusammenfassung des Textes von „Ihr könnt auf uns zählen“.

  • Der Sänger erzählt, dass er „im Namen von uns allen in den 1950ern Geborenen“ den „Eid (der jungen Pioniere) auf Tito“ abgelegt habe. Außerdem habe er (kommunistische) Lieder gesungen. Darin sei – anders als bei vielen anderen Liedern dieses Genres – jedoch nicht von der Vergangenheit und den vergangenen Schlachten die Rede gewesen. Dass habe sich der Sänger verkniffen, schließlich war er damals noch nicht geboren.
  • So ganz aus seiner Vorstellungswelt sind kriegerische Auseinandersetzungen jedoch nicht. Das wird deutlich, wenn er davon singt, dass vor seiner Generation noch die Zukunft liege, aber diese sicher noch Kriege bereithalten würde. Deshalb würden noch „hunderte von Offensiven“ zur Friedenssicherung bevorstehen. („Offensiven zur Friedenssicherung“ klingt jetzt vielleicht etwas schräg. Damals waren solche Redewendungen jedoch üblich – wohlgemerkt in Ost und West.)

Weiter heißt es dann:

Einige denken, dass wir in die Irre geleitet werden/weil wir Platten hören und Rock spielen/Aber tief in uns/tobt ein Kampf der Flammen…Und ich sage euch, weil ich es sicher weiß:/Ihr könnt auf uns zählen (Sumnjaju neki da nosi nas pogrešan tok/Jer slušamo ploče i sviramo rok/ Al‘ negde u nama je bitaka plan/…I kažem vam, šta dobro znam/Računajte na nas)

Ergebenheitsadresse von jugendlichen Anhängern der Rockmusik an Tito

Das Lied ist also nicht weniger als die Ergebenheitsadresse von jugendlichen Anhängern der Rockmusik an Tito und die Partei. Im Kern sagt das Lied, dass die jugoslawischen Anhänger von Rockmusik zwar ein bisschen anders wären als die frühere Generation. Wenn es darauf ankäme, wäre man jedoch zur Stelle, auch mit der Waffe.

Diese Botschaft war den Interpreten (oder der Plattenfirma) so wichtig, dass man den gesamten Text des Liedes auch auf der Rückseite der Single abgedruckte. So konnten ihn auch diejenigen zur Kenntnis nehmen konnten, die das Lied möglicherweise gar nicht hören mochten.

Rani Mraz (1)

Strašan žulj: Ein Student lernt, was es bedeutet zu arbeiten

Nicht abgedruckt, aber ebenso überraschend (zumindest aus westlicher Sicht) für das Lied einer Pop-Rock-Folk-Gruppe ist der Text des Songs auf der Rückseite namens  „Strasan zulj“ (frei übersetzt: „Ich habe eine mächtige Blase an den Händen„).

Auch hier wieder eine kurze Nacherzählung:

  • Der Protagonist des Liedes ist ein junger Student, der an einem Jugendarbeitscamp, bei dem Studenten in Jugoslawien beim Bau großer Infrastrukturprojekte mithalfen, (Autobahnen und Eisenbahnstrecken), teilnimmt.
  • Dabei stellt er fest, dass in der „Brigade“ die Unterrichtsfächer von der Fakultät nichts zählen, da „Bücher das eine und die Praxis das andere“ seien. Jetzt (nach der Arbeit auf der Baustelle) wisse der Interpret, was „das Richtige“ sei, jetzt habe auch kapiert, „was es bedeutet zu arbeiten“.

 

Rani Mraz (3)

Dann heißt es:

Hör` Dir das an: Heute habe ich eine mächtige Blase an der Hand/vielleicht die schönste in der Brigade/ danas, čuj, imam strašan žulj,/valjda najlepši u brigadi.

Das Lied schließt mit dem Vers:

Bis zu diesem Sommer habe ich wenig gewusst,/Erst jetzt verstehe ich alle Arbeiter der Welt,/Bis jetzt war ich ein großer Junge/und Mamas verwöhnter Sohn/jetzt weiß ich, was das Richtige ist (Znao sam malo sve do ovoga leta/Tek sada razumem sve radnike sveta/Do sad sam bio samo veliki klinac/i mamin mezimac sin/Sada znam šta je prava stvar)

Die Lieder dienten also dazu, „gut`Wetter“ bei den Poliikern zu machen, damit diese die „Rocker“ gewähren ließen.

Mehr Anbiederung war selten! (Anders kann man es wohl nicht sagen.)

Heute hat das Lied „Ihr könnt auf uns zählen“ mit seinen „hundert Offensiven“ bei vielen – darunter auffällig viele harmoniebedürftige Zeitgenossen – einen gewissen Nostalgiebonus.  Die kriegerischen Untertöne überhört man heute gerne und man konzentriert sich auf die heute wieder positiv besetzten Dinge wie die Jugendbrigade.

Oppositioneller und Rechtsnationaler

Zu der Gruppe gehörten Djordje Balašević und Bora Djordjević, deren weitere politische Orientierung einen Verlauf genommen hat, wie er unterschiedlicher wohl kaum sein kann.

„Djole“: Liedermacher zwischen alle Stühlen und Fronten

Djordje Balašević, von seinen Fans auch Djole genannt, wurde später der bekannteste Kant-Autor (Chansonnier) Jugoslawiens und mischte sich mit seinen Songs und Äußerungen immer wieder kritisch in die Politik ein.

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https://www.flickr.com/photos/romanski/5332063229 Autor: romanski

Dabei kritisierte er zuerst die nationalen Tendenzen in allen damals noch jugoslawischen Teilstaaten, später beleuchtete er dann die Rolle Serbiens beim Auseinaderfallen Jugoslawiens kritisch.

Unter anderem beschrieb er in dem Lied Ćovek sa mesecom u očima (Der Mensch mit dem Mond in den Augen) die ansonsten in Serbien eher verdrängte Zerstörung der kroatischen Stadt Vukovar durch die jugoslawische Volksarmee und serbisch Freiwilligenverbände.

In einem anderen Lied gibt es sich und den anderen Normalbürger mindestens genauso viel Schuld an den damaligen Verbrechen  wie die handelnden Politiker. Das Lied heißt Krivi smo mi (Schuld sind wir selbst).

Dort sing er unter anderem:

Was wußten die Generäle/ und die Majore mit ihren Schnurrbärten?/ Die konnten gerade einmal „Feuer frei“ sagen, aber sie sind nicht die Schlimmsten/Schuld sind wir, weil wir sie gelassen haben (Ma šta su znali đenerali/i brkati majori/Jedino da viću/Pali, ali nisu najgori/Krivi smo mi/jer smo njih pustili)

Am 7. und 8. Februar 1998 trat Balašević als erster Serben wieder in Sarajevo auf – was ihm viele zuhause übel nahmen.

Bora Čorba: Ein Rocker bei den Paramilitärs

Einen ganz andren politischen Weg nahm Bora Djordjević.

1200px-Bora_Djordjevic-mc.rs
Quelle: http://mc.rs/fotografija-borisav-djordjevic.1966.html?photoId=32624; Medija centar Beograd

Dieser wurde Kopf der Rockgruppe Riblja Čorba (Fischsuppe), die in den 1980ern die jugoslawische Rockszene wesentlich mitbestimmte. Von Songs die die sozialistische Gesellschaft kritisch beleuchteten (und deren Veröffentlichung die Plattenfirmen schon mal ablehnten) bis hin zu einfühlsamen Rockballaden reichte das Spektrum dieser Gruppe.

Später orientierte sich Djordjević, von seinen Fans auch Bora Čorba genannt, jedoch in einer ganz anderen Richtung. Unter anderem ließ er sich feierlich in die Gemeinschaft der militaristisch-nationalen Četniks aufnehmen.

 

Zwei sehr unterschiedliche Lebenswege, die sich einmal für kurze Zeit in einer be- und getroffen haben.

Punker antworten auch – und werden verboten

Das Lied „Zahlt auf uns“ blieb übrigens nicht ohne musikalische Antwort. Die slowenische Punkband Pankrti (Die Bastarde), die als erste Punk-Band in einem sozialistischen Land gilt, antwortete 1980 mit einem gleichnamigen Song in slowenischer Sprache (Računite Z Nami), der angeblich sogar dazu führte, dass die Gruppe wegen staatsfeindlicher Äußerungen verboten wurde.

Pankrti
Quelle: Wikiomedia; Autor Milosppf (talk)

Dort heißt es in offensichtlicher Anspielung auf die beiden oben vorgestellten Lieder von Rani Mraz:

Wir bauen Straßen, wir bauen Eisenbahnstrecken, wir gehen zu den Versammlungen und pfeifen auf Drogen/… formt uns/… lehrt uns/vermehrt Euch, multipliziert uns/und vor allem: zählt auf uns (Gradimo ceste, gradimo proge/hodmo na sestanke, ne jebemo droge/…oblikujte nas/…odštevajte nas/plodite se, množite nas/predvsem pa: Računite z nami…)

Auch Bora Djordjevic hat einmal einen Antwort-Song geschrieben. Aber das ist eine ganz andere Geschichte, die wir vielleicht mal bei anderer Gelegenheit erzählen werden.

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